Sachsen-Anhalt: Dieter Hallervorden über seine Rolle im Wahlkampf
Das hat niemand voraussehen können: Die wohl auffälligste Figur des Landtagswahlkampfs in Sachsen-Anhalt ist eine 90 Jahre alte Film- und Fernsehlegende der alten Bundesrepublik – allerdings eine mit sachsen-anhaltischen Wurzeln. Der Komödiant Dieter Hallervorden, 1935 geboren in Dessau, steht dem Ministerpräsidenten und CDU-Spitzenkandidaten Sven Schulze an vier Bühnenabenden mit Polittalk und Kabarettsongs zur Seite. Statt über die erhoffte Profilierung Schulzes jedoch spricht jetzt alles über Hallervordens Provokationen, die sich im Speziellen gegen die Bundes-CDU richten. Sein Wahlkampf für und zugleich gegen die CDU ist ein neues und kurioses Kapitel in der viele Jahrzehnte umfassenden politischen Biographie Dieter Hallervordens. Über diese wollten wir gern mit ihm sprechen, allerdings hat der auch im zehnten Lebensjahrzehnt viel beschäftigte Schauspieler und Leiter gleich dreier Theater ein persönliches Gespräch aus Zeitmangel ausgeschlossen – und uns stattdessen angeboten, unsere Fragen schriftlich zu beantworten. Wir haben ihm 16 Fragen per Mail geschickt. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Herr Hallervorden, Ihre Wahlkampfauftritte mit Sven Schulze haben für Aufsehen und auch Kritik gesorgt. Sie begründen Ihr Engagement damit, eine mögliche Alleinregierung der AfD verhindern zu wollen, kritisieren auf der Bühne aber zugleich in einem Lied Friedrich Merz und Boris Pistorius als Kriegstreiber und werfen Israel einen Völkermord vor. Die Bundes-CDU hat sich prompt von Ihren Positionen distanziert. Sind Sie zufrieden? Ja – und zwar ordne ich meine Aktivität als wahltaktisch ein. Die CDU in Sachsen-Anhalt ist die einzige Partei, die in Koalition mit SPD und Grünen eine AfD-Regierung verhindern kann. Nur aus diesem Grund unterstütze ich sie, zumal ich in ihrem Spitzenkandidaten einen sympathischen und fähigen Politiker erkannt habe. Mit meiner Positionierung unterscheide ich zwischen Landes- und Bundespolitik. Denn – das sieht man an dem Lied, das meine Friedenssehnsucht wiedergibt und deutliche Kritik an Merz enthält – für die Bundes-CDU würde ich in der heutigen Zeit garantiert nicht als Wahlkämpfer zur Verfügung stehen. Dass der Ministerpräsident Schulze auf unseren gemeinsamen Auftritten die Kritik am Bundeskanzler zulässt, zeigt deutlich, dass er hinter dem Motto unserer Auftritte steht: „Kunst braucht Freiheit!“ Sie sind 1958 von Ostberlin in den Westen geflohen, Ihre Jugendjahre in der DDR haben Sie oft als prägend bezeichnet. Kommt daher der Drang, möglichst häufig von dem abzuweichen, was Sie als Mainstream empfinden? Ich bin in meiner Jugend in starker Opposition zum DDR-Regime aufgewachsen. Diese Erfahrungen haben mich zu einem freiheitsliebenden Menschen gemacht. Seither vertrete ich meine Überzeugungen ohne jede Rücksicht auf private oder berufliche Vor- oder Nachteile. In demselben Jahr hegten Sie mit einem Freund kurz den Plan, den DDR-Staatschef Walter Ulbricht zu erschießen. War das radikaler, überzeugter Antikommunismus oder jugendliche Tollkühnheit? Ich würde sagen: Es war so, wie sich „Klein-Moritz“ die große Politik vorstellt. Zumal man ja heute weiß, dass es nach Ulbricht mit Honecker noch schlimmer wurde. Seit Mitte der Siebzigerjahre engagieren Sie sich immer wieder mal für die FDP. Wurde man damals als Vertreter der mehrheitlich linken Kabarettszene deswegen nicht schräg angesehen? Sicherlich. Hab mir einfach gedacht: Eh ich mich darüber aufrege, ist es mir lieber egal! Bei wie vielen verschiedenen Parteien haben Sie im Laufe der Jahrzehnte Ihr Kreuz gemacht? Beim Nachzählen komme ich lediglich auf drei. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Sie haben einmal gesagt, Sie seien zu sehr Individualist, um bei einer der Volksparteien mitzulaufen. Sind die Volksparteien nicht inzwischen so geschwächt, dass sich da neue Optionen ergäben? Bei den ständigen Klimakatastrophen tendiert die Option eher in Richtung GRÜN! Nachdem 2016 der türkische Präsident Erdoğan wegen eines Schmähgedichtes Strafanzeige gegen Jan Böhmermann gestellt hatte, solidarisierten Sie sich mit dem Spottlied „Erdoğan, zeig mich an“. Dazu scheint es nicht gekommen zu sein – bedauern Sie das? Es war bewusst als satirische Überspitzung konzipiert. Dennoch wurde ich von amtlicher Stelle vor Reisen in die Türkei gewarnt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hatten Sie zunächst Wladimir Putin kritisiert. Heute unterstellen Sie deutschen Politikern, sie seien „für Blutvergießen“, und attestieren sich selbst, den Mut gehabt zu haben, sich „besser zu informieren“. Wer waren denn Ihre Informanten in Sachen Ukrainekrieg: Diether Dehm oder Sahra Wagenknecht? Ich benutze Nachrichten aus sehr unterschiedlichen Quellen, Kanälen und Zeitungen. Mein Motto lautet: Ich brauche Informationen! Eine Meinung bilde ich mir dann selber. Als einen Antrieb haben Sie Ihre Friedenssehnsucht bezeichnet, seit Jahrzehnten begreifen Sie sich als Pazifist. Sind Sie für einen Frieden auch um den Preis der Freiheit, die Ihnen ja ebenfalls sehr wichtig ist – in diesem Fall der Freiheit für eine in Teilen vom autoritären Russland besetzte Ukraine? Ich bin Pazifist, habe aber dennoch sehr militante Gefühle gegen Militärs. Und zwar: weltweit! Ich halte es mit Willy Brandt: „Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.“ Willy Brandt hat aus dem Exil mit großem Einsatz den Nationalsozialismus bekämpft. Wäre er nicht heute aufseiten der von Russland attackierten Ukraine? Sehr wahrscheinlich! Ich rate dazu, seinen Sohn zu befragen. Der kennt ihn besser als wir beide! Wegen des Kriegs in Gaza kritisieren Sie Israel seit Jahren, seit einiger Zeit auch mit dem Vorwurf des Völkermords, und haben dazu erklärt, man müsse Freunde, die Fehler begehen, auch darauf hinweisen können. Sehen Sie in Israel noch einen Freund? In dem Staat Israel: Ja! In den israelischen Politikern unter Netanjahu: Nein! Wer seit Dezember 2023 vor dem Internationalen Gerichtshof wegen Völkermords angeklagt ist, hat seinen Anspruch auf Freundschaft verwirkt. Ihren legendären „Flasche Pommes“-Sketch haben Sie 2025 in der Show „75 Jahre ARD“ mit dem Überbau versehen, dass einer der Knastbrüder deshalb einsitzt, weil er verpönte Begriffe wie das N-Wort verwendet hat. Was stört Sie an Bemühungen, Sprache anzupassen und auf einige wenige Wörter zu verzichten, die als diskriminierend und verletzend empfunden werden können? Ich brauche in Sachen Sensibilität keine „Sprachpolizei“. Ich brauche niemanden, der mir erklärt, dass der Begriff „Currywurst“ rassistisch ist. (Anm. d. Red.: Gemeint ist offenbar eine 2021 von der indischen Foodbloggerin Nisha Vedi Pawar ausgelöste kurze Debatte, der zufolge der Begriff „Curry“ für indische Gerichte einst von Weißen kreiert wurde, welche die tatsächlichen Namen der Gerichte nicht aussprechen konnten.) Ich kann verzichten auf Menschen, die mir folgende Anweisung geben: Bevor ich bei einem Säugling die Windel wechsel, soll ich seine Zustimmung dafür einholen! (Nicht von mir erfunden.) (Anm. d. Red.: Hallervorden bezieht sich offensichtlich auf die australische Sexualpädagogin Deanne Carson, die 2018 in einem Fernsehinterview anregte, vor dem Windelwechseln Augenkontakt zum Kind zu suchen, um eine „Kultur der Zustimmung“ zu etablieren. Carson wurde deswegen im Netz heftig angegangen.) Warum darf ich nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen, aber das Lied „Zigeunerjunge“ singen? Wo ist die Grenze? Wenn ich zum Beispiel einen kleinwüchsigen Menschen treffe, muss ich dann nicht mehr von kleinwüchsig sprechen, sondern von „vertikal herausgefordert“? Ihr eigener Sohn, 27 Jahre jung, hat Ihren ARD-Auftritt als „absolut unnötig“ empfunden. Breitet sich der woke Wahnsinn, den viele Konservative so fürchten, selbst in Ihrer eigenen Familie aus? Mein Sohn hat natürlich ein Recht auf eigene Meinung. Ich teile sie oft nicht, werde aber immer dafür eintreten, dass er sie äußern darf! Bei einer Alleinherrschaft der AfD in Sachsen-Anhalt, haben Sie gesagt, sähen Sie die Kulturlandschaft bedroht. Gibt es sonst noch etwas, was Sie an der Partei stört? In manchen Ihrer Positionen – Ukraine, Ablehnung des Genderns, Anti-Wokeness – scheint sie Ihnen doch recht nah zu stehen. Bis zu dieser Frage hielt ich Sie für einen aufgeweckten Interviewpartner. Ich reiße mich zusammen und versuche es mit Nachhilfe! Also: Die AfD unterwirft jedes Thema einer zentralen Idee – nämlich der „deutschen Identität“. Das bedeutet, dass die AfD den Artikel 1 des Grundgesetzes insgeheim umdeutet, das hieße dann: „Die Würde des Deutschen ist unantastbar!“ Ich versehe Menschen nicht nach nationaler Zugehörigkeit mit Prädikaten wie „besonders wertvoll“, sondern für mich sind alle Menschen gleich – genau in dieser unterschiedlichen Gesinnung liegt der gravierende Unterschied zwischen mir und der AfD. Haben Sie das Gefühl, dass man Ihnen mit Ihren 90 Jahren mehr Narrenfreiheit zugesteht als anderen? Oder, ins Negative gedreht, Sie nicht immer ernst nimmt? Ich halte es mit George Bernard Shaw: „Alte Leute sind gefährlich; Sie haben keine Angst vor der Zukunft.“ Wird der Mensch mit jedem Jahrzehnt ein wenig weiser, oder hat er einfach nur mehr Zeit, Irrtümer zu begehen? Ich glaube: Irgendwann, irgendwie, irgendwo irren wir alle mal, aber jeder eben auf seine Weise. Und was die Weisheit anbelangt: Die erreicht man bestimmt nicht durch die Ansammlung von jahrzehntelangem Leben, sondern durch die Angewohnheit, seine Gehirnwindungen täglich zu trainieren. Zur Person Geboren am 5. September 1935 in Dessau. Studium der Romanistik zunächst an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, nach seiner Flucht aus der DDR 1958 an der Freien Universität in West-Berlin. Das Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“ gründet er 1960 und leitet es bis heute – ebenso wie das Schlosspark Theater in Berlin (seit 2008) und das Mitteldeutsche Theater in Dessau (seit 2022). In der Fernsehserie „Nonstop Nonsens“ (ab 1975) tritt Hallervorden als sein tölpelhaftes Alter Ego Didi auf. Die vielen Stunts in den Slapstick-Filmen übernimmt er meist selbst. Einige der Sketche, die er mit Kollegen wie Rotraud Schindler, seiner ersten Ehefrau, sowie Kurt Schmidtchen und Gerhard Wollner aufführt, verbleiben im kollektiven Gedächtnis. Als Didi ist Hallervorden in den Achtzigerjahren der neben Otto Waalkes populärste deutsche Komiker. Seine Kinofilme wie „Didi – Der Doppelgänger“ ziehen ein großes Publikum an, bleiben den Kritikern aber suspekt. Späten Respekt als Charakterdarsteller erwirbt sich Hallervorden mit den Kinodramen „Sein letztes Rennen“ (2013) und „Honig im Kopf“ (2014). Verheiratet in dritter Ehe, drei erwachsene Kinder. Hallervorden lebt in Berlin. Quelle: F.A.Z.Artikelrechte erwerben Jörg Thomann Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. 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