Sachsen-Anhalt: Sachsen-Anhalt würde sich mit der AfD selbst am meisten schaden
Im September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die AfD hat gute Chancen, stärkste Kraft zu werden – womöglich könnte sie sogar eine absolute Mehrheit erreichen. Die Debatte dreht sich dabei fast immer um die Gründe für ihren Erfolg: wirtschaftliche Sorgen, Migration oder das Gefühl, politisch nicht gehört zu werden. Viel zu selten wird gefragt, welche Folgen zentrale AfD-Forderungen gerade für jene Regionen hätten, in denen die Partei besonders viele Stimmen erhält. In einer neue Studie des DIW Berlin bin ich dieser Frage nachgegangen. Die Analyse belegt ein AfD-Paradox: Regionen, die überproportional stark für die Partei stimmen, würden deutlich stärker unter ihrer Politik leiden als andere. Und nirgendwo gilt das mehr als in Sachsen-Anhalt. Die Studie simuliert die möglichen wirtschaftlichen Folgen zentraler AfD-Forderungen in der Bundespolitik, etwa die eines Austritts aus Euro und EU, einer Abschottung gegenüber Zuwanderung sowie massive staatliche Kürzungen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt dadurch im Durchschnitt jährlich rund 1.600 Euro pro Kopf an Einkommen verlieren dürften; zudem könnten dort rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Obwohl vieles an der Unzufriedenheit der Menschen verständlich ist: Mit der Wahl der AfD würden sie sich selbst am meisten schaden. Eine vierköpfige Familie hätte jährlich 6.400 Euro weniger Warum ist die AfD gerade in strukturschwachen Regionen so stark? Die Analyse zeigt einen klaren Zusammenhang: Dort, wo die Bevölkerung altert, junge Menschen abwandern und die wirtschaftliche Verwundbarkeit besonders hoch ist, erzielt die AfD überdurchschnittlich hohe Stimmenanteile. Die Stärke der Partei ist systematisch mit der wirtschaftlichen, demografischen und sozialen Lage einer Region verbunden. Die mit Abstand wichtigste Variable ist die Demografie. Dort, wo besonders viele Menschen über 60 Jahre leben, und wo junge, gut ausgebildete Leute wegziehen, erzielt die AfD deutlich mehr Stimmen. Bemerkenswert ist der Befund zur Migration: Der Anteil von Ausländer*innen ist für die Stärke der AfD entweder irrelevant oder hängt sogar gegenteilig mit ihr zusammen. In Ostdeutschland war die AfD bei der Bundestagswahl 2025 gerade dort stärker, wo der Ausländeranteil ungewöhnlich gering war. Sachsen-Anhalt träfe eine AfD-Politik besonders hart. Das Land ist älter, strukturschwächer und von kleineren Unternehmen geprägt – und damit verwundbarer als der Bundesdurchschnitt. Im zentralen Szenario einer bundesweiten AfD-Politik dürfte das reale verfügbare Einkommen je Einwohnerin und Einwohner in Sachsen-Anhalt um rund 6,2 Prozent sinken, anderthalbmal so stark wie im Bundesschnitt. Für eine vierköpfige Familie entspräche dies durchschnittlich circa 6.400 Euro weniger an verfügbarem Einkommen pro Jahr. Wichtig ist es, zu betonen, dass dies Szenariorechnungen und keine exakten Zahlen sind: Die tatsächlichen Auswirkungen könnten geringer, aber eben auch deutlich größer ausfallen. Die realen Löhne dürften in Sachsen-Anhalt um rund acht Prozent oder etwa 200 Euro je Monat fallen, vor allem durch die hohe Inflation infolge eines Euro-Austritts. Bundesweit wäre mit rund einer Million zusätzlicher Arbeitsloser zu rechnen, weil eine Rezession und der Bruch mit dem EU-Binnenmarkt exportabhängige Betriebe und ihre Zulieferer träfen. Auch die Zuwanderung dürfte drastisch zurückgehen. Für ein alterndes Land, das bereits heute unter Fachkräftemangel und der Abwanderung junger Menschen leidet, hätte dies erhebliche Folgen für Gesundheitsversorgung, Handwerk und öffentliche Daseinsvorsorge.