SanDisk-Aktie: Wie der Speicher-Spezialist im KI-Boom 4500 Prozent schafft
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Noch vor ein paar Monaten hat sich kaum jemand für die SanDisk-Aktie interessiert. Sie dümpelte vor sich hin. Dann setzte eine unfassbare Rally ein. Aber was hat sich eigentlich verändert?
4.500 Prozent Kursplus in nur einem Jahr. Das sind die Extreme, von denen Anleger träumen. Die sie suchen. Und die so selten sind. SanDisk hat das geliefert. Erst von vielen unbeobachtet, und dann nahm das Ganze enorm Fahrt auf. Viele kennen die Firma von ihren USB-Sticks und SD-Karten, die lange Zeit in nahezu jedem Haushalt zu finden waren. Doch dass sie einmal eine solche Börsenrally von 40 US-Dollar pro Aktie auf mehr als 2.000 US-Dollar hinlegen würde, hätten wohl die wenigsten erwartet.
Zur Person
Antje Erhard arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin und TV-Moderatorin. Ihr Weg führte sie von der Nachrichtenagentur dpa-AFX u. a. zum ZDF. Derzeit arbeitet sie für die ARD-Finanzredaktion in Frankfurt und berichtet täglich, was in der Welt der Börse und Wirtschaft passiert.
An der Wand der Angst
Nun sagt man an der Börse: "Die Kurse steigen an der Wand der Angst und fallen am Hang der Hoffnung." Das heißt: Wenn die Lage schwierig ist wie Ende Februar, Anfang März, viele Anleger vorsichtig sind – siehe Iran-Krieg – und dann plötzlich gute Nachrichten kommen, dann geht was an den Börsen. Bis nach ziemlichen Übertreibungen und anschließenden Verlusten der Hang der Hoffnung ins Spiel kommt. Aber so weit ist es noch nicht …
Tatsächlich hatte der KI-Boom die Aktie von SanDisk schon auf ein paar Hundert US-Dollar nach oben gehievt. Und dann kam die Berichtssaison im Frühjahr. Mit Unternehmenszahlen für das erste Quartal, das gerade Tech- und KI-Aktien sehr gut abgeschlossen hatten.
Da war doch was: KI
Sofort kam Bewegung in den Markt. Die Skepsis über Geopolitik, Lieferketten, Ölpreise und steigende Inflation war zeitweise wie weggeblasen. Als würde sich das kollektive Gedächtnis plötzlich wieder des KI-Booms besinnen. Reihenweise stiegen die Kurse.
Halbleiter-Aktien waren gefragt wie nie. KI-Aktien kaum weniger. Begleitet wurde die Entwicklung schnell von Übertreibung. Denn keiner will etwas verpassen und zu spät kommen. Also sprangen viele auf.
So gefragt wie nie
So lief das auch bei SanDisk. 250 Prozent Umsatzplus, der Gewinn 60 Prozent höher als erwartet, hohe Nachfrage, ein Milliarden-Aktienrückkauf, optimistische Prognosen – da kam viel zusammen. Und schon gingen die Leute in SanDisk rein.
Da wird sich mancher wundern, dass eine Speicherkarten-Firma für Kameras so einen Erfolg hat. Und eine Speicherkarten-Firma war SanDisk in der Tat, als wir alle vor 20 Jahren, also vor den Smartphones, mit kleinen Digitalkameras fotografiert haben. Dafür lieferte SanDisk die Speichermedien.
Seitdem hat sich die Welt um SanDisk neu erfunden. Nichts mehr mit USB-Sticks oder Speicherkarten. Heute geht es um Daten. Und KI. Genauer gesagt, um immer größere Datenmengen.
Künstliche Intelligenz lässt große Informationsmengen entstehen, die verarbeitet und gespeichert werden müssen. Und damit verdient SanDisk heute Geld.
Doch in der KI-Revolution konzentrierten sich viele Investoren zunächst auf Chiphersteller. Logisch, denn diese Chips sind sozusagen die Herzstücke der KI-Systeme.
Doch mittlerweile setzt sich eine wichtige Erkenntnis durch: Speicher sind die Schaufeln im Goldrausch. Die vielen KI-Anwendungen verschlingen riesige Datenmengen und benötigen entsprechende Speicherkapazitäten.
Das ist der Schweinezyklus
Das war die Stunde von SanDisk. Investoren kauften nicht mehr nur den Motor der KI-Bewegung, sondern auch den Zulieferer des Treibstoffs. Dazu kam ein Faktor, den viele Privatanleger unterschätzen: der typische Zyklus der Speicherindustrie. Was heißt das?
Nun, Speicherchips gehören zu den Produkten, deren Preise teilweise extrem schwanken. Werden zu viele Chips produziert, fallen die Preise auf dem Weltmarkt, und die Gewinne der Hersteller sinken. Reduzieren die Hersteller später ihre Produktion, ist die Situation oft erstaunlich schnell eine ganz andere. Das Angebot wird knapper, die Preise steigen, und plötzlich verbessert sich die Ertragslage der Unternehmen wieder. Und zwar massiv.
In der Wirtschaftswissenschaft nennt man das "Schweinezyklus": verzögerte Reaktionen von Angebot und Nachfrage und entsprechend wellenförmige Preisentwicklungen.
In diesem Fall heißt das: höhere Nachfrage, stark steigende Speicherpreise. Die bringen bessere Margen. Bessere Margen bedeuten steigende Gewinne. Und steigende Gewinne sind an der Börse der beste Kurstreiber.
Der Schneeball rollt
Doch damit nicht genug. An den Finanzmärkten gibt es auch noch einen Effekt, den man mit einem Schneeball vergleichen kann. Wenn eine Aktie kräftig steigt, wird häufiger darüber berichtet. Fondsmanager stocken ihre Positionen auf, Finanzmedien greifen das Thema auf, und Privatanleger springen auf den fahrenden Zug auf – eine Dynamik, die wir bei vielen Unternehmen aus dem Tech- und KI-Sektor in den vergangenen Jahren gesehen haben. Tesla, Nvidia, Palantir und viele mehr.
Und eben SanDisk. Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass das ewig weitergeht. Gerade Halbleiter- und Speicherwerte gehören zu den sehr volatilen Werten. Rückschläge von zehn oder zwanzig Prozent sind hier keine Seltenheit, die haben wir bei SanDisk Ende Mai auch schon gesehen, danach setzte aber wieder eine Erholung ein.
3.000 Dollar – wofür?
Ob Kursziele von 3.000 US-Dollar, wie gerade ausgegeben, realistisch sind? Na ja, bei aktuell gut 2.000 US-Dollar beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis schon 68. Anders gesagt: Investoren zahlen heute das 68-Fache dessen, was SanDisk pro Aktie im Jahr verdient. Nun ist das gerade im KI-Sektor keine Seltenheit, aber günstig ist das nicht mehr.
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Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten. Die Halbleiterindustrie ist global vernetzt. Handelskonflikte, Exportbeschränkungen und politische Spannungen haben ihr in der Vergangenheit – siehe USA und China – bereits geschadet und können jederzeit weiter eskalieren.
Langfristig dürfte andererseits der Bedarf an Speicherlösungen weiter wachsen. Kein Wunder bei immer neuen KI-Anwendungen und immer mehr Speicherbedarf. Eingepreist ist schon viel davon.
Hier trifft derzeit Wachstumsmarkt auf hohe Bewertungen: Ist der Zug bei SanDisk also abgefahren?
Erst Langweiler – dann Shootingstar
Das Beispiel von SanDisk zeigt wieder, wie schnell sich die Wahrnehmung eines Unternehmens ändern kann. Aus einem vermeintlich langweiligen Speicherhersteller wurde innerhalb kurzer Zeit der Shootingstar der KI-Revolution.
Nach einer derartigen Kursentwicklung wie bei SanDisk sind kurzfristige Rücksetzer oder eine kräftige Korrektur weder überraschend noch ungewöhnlich. Und irgendwann erfüllt sich der zweite Teil des Börsenspruchs: "Die Kurse fallen am Hang der Hoffnung." Immer.