„Scham ist kaum noch ein Ausdruck“: Scharfe Kritik für Schröders Teilnahme an Putins Geburtstagsfeier
Während Russland die Ukraine mit schweren Angriffen überzieht, feiert Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit Wladimir Putin dessen Geburtstag in Moskau. Der russische Präsident habe am Mittwochmorgen aus den Medien von Schröders Anwesenheit in der russischen Hauptstadt erfahren, teilte der Kreml bei Telegram mit.
Daraufhin habe er „seinen alten Freund zu sich nach Hause eingeladen“, hieß es weiter. Dazu veröffentlichte der Kreml ein Foto, auf dem Schröder auf der Geburtstagsparty lächelnd mit Putin vor einem Kachelofen in dessen Residenz posiert. Möglicherweise handelt es sich um das mit Flugabwehrtürmen gesicherte Anwesen Putins am Waldaisee, wie das unabhängige russische Medium „Proekt“ vermutet.
Putins „Geburtstagsgeschenk“ war ein massiver Luftangriff
Zeitgleich führte Russland in der Ukraine erstmals in diesem Herbst einen der gefürchteten kombinierten Angriffe mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen durch. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach danach von mindestens 25 Toten und über 100 Verletzten und bezeichnete den Angriff als ein „Geburtstagsgeschenk für Putin“.
Wirklich ganz spontan?
Ob die Version stimmt, dass Putins Geburtstagseinladung spontan erfolgte, lässt sich von außen nicht nachvollziehen.
Tatsache ist jedoch, dass Besuche auch ehemaliger Staats- und Regierungschefs im Ausland üblicherweise an offizieller Stelle des Gastlandes angemeldet werden müssen. Ein Grund ist, dass sie Personenschutz von der Bundespolizei erhalten, die Waffen mit sich trägt und damit einreisen muss.
Entsetzen über Besuch
In Deutschland hat Schröders Besuch heftige Kritik ausgelöst:
Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt schrieb zu Schröders Besuch bei Putin auf der Plattform X: „Eine Schande für Deutschland. Ein Verrat an Europa. Ein Bärendienst für Frieden.“ Aber leider habe sie schon nichts anderes mehr von ihm erwartet.
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europaparlaments, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), bezeichnete Schröder auf X als Deutschlands frechsten Rentner. „Zu krank für Untersuchungsausschüsse (ganz schlimmer Burnout), aber für gut dotierte Mandate in Russland und Geburtstagsparty zu Hause bei Kriegsverbrecher Putin reichts dann doch noch. Eine Schande sondergleichen.“
Die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek sagte dem Tagesspiegel: „Putin ist ein Kriegsverbrecher und dass Schröder ihn feiert, zeigt mal wieder seine politische und moralische Rückgratlosigkeit“. Dass Schröder Putin „trotz des völkerrechtswidrigen Kriegs gegen die Ukraine weiterhin hofiert, ist verstörend, hat aber sicherlich auch viel mit Schröders persönlichen finanziellen Interessen zu tun, denen er in Russland vortrefflich nachgegangen ist und es auch aktuell weiterhin tut“.
Roderich Kiesewetter, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, schrieb: „Das ist Verrat an Europa und am eigenen Land. Wer Schröder öffentlich und demonstrativ die Hand schüttelt, will damit ein Statement setzen.“
„Scham ist kaum noch ein Ausdruck“, schrieb CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann am Freitag im Internetdienst X. „Schampus, Kaviar und Bomben“ – während Schröder mit Putin gefeiert habe, seien in der Ukraine Kinder durch russische Angriffe gestorben.
„Ist der echt noch SPD‑Mitglied? Bin mir über den aktuellen Stand unsicher“, schrieb Janis Kluge, Wirtschaftswissenschaftler und Leiter der Abteilung „Osteuropa und Eurasien“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), auf X. Zuvor hatte der Russland-Experte bereits kritisiert, dass der Altkanzler erneut seinen Zugang zu Putin monetarisiere. „Schröder ist dem Vorstand von Hyperglobus beigetreten, einem deutsch-eigentümlichen Einzelhändler, der immer noch in Russland tätig ist (und aktiv ausbaut). Nur wenige Tage, nachdem Metro von Putin enteignet wurde, hat sich Hyperglobus eine Lebensversicherung gekauft.“
Stegner verteidigt Schröder
Doch nicht alle verurteilen Schröders Besuch bei Putin. Der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner sagte dem Tagesspiegel: „Der Privatmann Gerhard Schröder macht viele Dinge, die man kritisch sehen kann. Aber: Schröder war privat bei Herrn Putin“.
Stegner weiter: „Der Altbundeskanzler gehört zu den wenigen Menschen, die Zugang zu Putin haben. Da fallen mir sonst wenige ein.“ Diesen Zugang müsse man nutzen, sagte der frühere stellvertretende SPD-Vorsitzende. „Gerhard Schröder ist gegen den Krieg. Er wird Putin bestimmt nicht ermuntert haben: ,Mach weiter mit dem Krieg!‘“, so Stegner. „Wenn Schröders Besuch dem Frieden nur einen Millimeter gedient hat, war dieser Besuch ein Erfolg.“
Schröder übernimmt Spitzenstelle bei russischer Supermarktkette
Altkanzler Schröder war nach seiner Benennung in den Aufsichtsrat von Hyperglobus vor wenigen Tagen nach Moskau gereist. Die russische Supermarktkette gehörte früher zum deutschen Globus-Konzern, wurde aber 2025 vollständig ausgegliedert.
Neuer Besitzer des russischen Ablegers ist Thomas Bruch, ehemaliger Geschäftsführer und Miteigentümer der deutschen Globus-Kette. Schröder soll an der allgemeinen Unternehmensführung teilnehmen und die strategische Entwicklung der Firma in Russland leiten.
Wie die Wirtschaftszeitung „RBK“ berichtete, hielt Schröder nun eine Begrüßungsrede vor den Mitarbeitern des Unternehmens, woraufhin sich der Austausch hinter verschlossenen Türen fortsetzte. Anschließend folgte ein Rundgang durch das Geschäft.
„Gerhard, es brennt“ – Putin und der Kanzler in der Sauna
Schröder war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler. Der 82-Jährige ist mit Kremlchef Wladimir Putin eng befreundet und steht unter anderem wegen dieser engen Verbindung und seines Engagements für russische Energieunternehmen seit Jahren in der Kritik. Selbst seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich Schröder wiederholt mit Putin getroffen.
Besonders der Kremlchef plaudert gerne über seine Freundschaft mit dem SPD-Mann, der auch schon Gast auf seinem 60. und 70. Geburtstag war.
Als Putin etwa 2015 bei der alljährlichen Sendung „Direkter Draht“ des russischen Staatsfernsehens gefragt wurde, ob er bei Treffen mit politischen Freunden die Sauna den klassischen Konferenztischen vorziehe, erinnerte er sich an den folgenden Vorfall:
„Ich saß mit meinem Freund in der Sauna in meiner Residenz, plötzlich fing es an zu brennen. Ich sagte: ‚Gerhard, es brennt, wir müssen hier raus.‘ Er sagte: ‚Es tut mir leid, aber vorher trinke ich mein Bier noch zu Ende.‘ Ich sagte: ‚Bist du verrückt? Es brennt, wir müssen hier raus.‘ Er ist ein eiserner Mann. Er hat tatsächlich sein Bier ausgetrunken und wir sind dann erst raus. Die Sauna brannte bis auf die Mauern nieder.“ Diese Geschichte ereignete sich offenbar bei einem Besuch des damaligen Kanzlers im Jahr 2001 in Moskau.
Im Mai hatte Putin vorgeschlagen, Europa solle Schröder als Vermittler in den Gesprächen zur Beilegung des Konflikts in der Ukraine auswählen. Diese Möglichkeit wurde von den EU-Ländern schnell ausgeschlossen.
Das letzte Mal sahen sich die beiden am 5. Juni dieses Jahres, ohne dass Details zu den Gesprächen bekannt wurden. (mit dpa, AFP)