Schlöndorffs "Heimsuchung": Beklemmende Deutschlandchronik
Stand: 14.10.2026 06:00 Uhr
Volker Schlöndorffs Film "Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte" erzählt in idyllischer Landschaft vom Scheitern an den Geistern der Vergangenheit - mit Lars Eidinger und Martina Gedeck. Ab Donnerstag in den Kinos zu sehen.
von Bettina Dunkel
Als die Welt in Volker Schlöndorffs neuem Film noch perfekt erscheint, stellt ein jüdisches Mädchen eine Frage: Warum schauen alle immer so gern aufs Wasser? Vielleicht, so mutmaßt ihr Vater, weil über dem Wasser so viel leerer Himmel sei. Und manchmal würden Menschen gern einfach mal nichts sehen.
Politische und persönliche Deutschlandchronik
Hinschauen und gleichzeitig wegschauen - das ist eins der bestimmenden Themen in "Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte". Ein Haus am brandenburgischen Scharmützelsee ist der zentrale Ort dieser so politischen wie persönlichen Deutschlandchronik. Auf kleinstem Raum wird von großen Umbrüchen erzählt: vom Ende der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, der DDR, der Nachwendezeit. Und von Flucht, Vertreibung, der Suche nach Sicherheit, dem Verfall der Moral.
Komplexer Roman als Vorlage
Basis dieses komplexen Stoffs ist der Roman "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck. Das anfangs erwähnte Gespräch zwischen Vater und Tochter kommt auch im Buch vor. Es ist jedoch nicht so leicht als Schlüsselszene zu erkennen. Dazu ist der Erzählstil zu fragmentarisch und die Zeitebenen wechseln zu sehr.
Das hat auch Volker Schlöndorff vor Herausforderungen gestellt. Denn obwohl der Impuls zur Verfilmung von ihm ausging, merkte er beim Verfassen des Drehbuchs bald: "Das ist ja grauenhaft. Das ist dauernd Flashback forward, hinter und so weiter. Da ist man ja völlig verloren als Zuschauer. Und ich habe versucht: Lässt sich diese Geschichte auch chronologisch erzählen?", sagt Schlöndorff.
Lauter Augenblicke nebeneinander
Natürlich ging das. Schließlich hat Schlöndorff im Laufe seiner 60 Jahre umfassenden Karriere schon zahlreiche Romane für die Leinwand adaptiert. Außerdem hat Jenny Erpenbeck ihn unterstützt - vor allem beim Ausarbeiten der Dialoge, die es im Roman praktisch nicht gibt. "Es sind nur lauter Augenblicke nebeneinander. Wie sollen die denn zusammenhalten? Ja. Da biste gefordert", erklärt der Filmemacher. "Muss halt jede Szene so interessant sein, dass man sich auf die nächste freut."
Lars Eidinger als schmieriger Widerling
Wobei "freuen" angesichts der beklemmenden Ereignisse nicht unbedingt das richtige Wort ist. Die Kostüme, die Landschaft und das Haus am See - gedreht wurde im südlich von Potsdam gelegenen Sommerhaus von Albert Einstein - sind zwar eine Augenweide. Doch was hier im Lauf der Jahrzehnte geschieht, wirft dunkle Schatten auf das Idyll. Lars Eidinger spielt einmal mehr einen schmierigen Widerling. Als NS-treuer Architekt nutzt er die Not seiner jüdischen Nachbarn aus, die zu Flucht und Grundstücksverkauf gezwungen sind.
- Ich könnte Ihnen etwa die Hälfte zahlen. Inklusive der Hütte.
- Es ist für die Schiffspassage meiner Tochter und der Familie. Die Reederei wartet nur auf die Überweisung.
- Dann bereite ich den Kaufvertrag in diesem Sinne vor? Filmzitat
Scheitern auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit
Eine andere Form der Gefühlskälte transportiert Martina Gedeck. Auch sie sticht aus dem Cast heraus, spielt in einem späteren Kapitel des Films eine aus dem russischen Exil heimgekehrte Schriftstellerin. Sie verrät ihre Ideale, um in dem nun in der DDR gelegenen Seehaus ein besseres Leben führen zu können.
Ich kehre heim. Aber würde dieses Deutschland je wieder Heimat sein? Filmzitat
Sie scheitert. Wie so viele andere in "Heimsuchung". Auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit werden sie von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht, werden mit persönlichen Fehlern konfrontiert, die auch für die Verfehlungen der Gesellschaft stehen.
Emotional und bisweilen pathetisch
Den nüchternen und auch deswegen so einnehmenden Stil der Buchvorlage kann Schlöndorff nicht auf die Leinwand übersetzen, bisweilen wird es doch arg pathetisch. Aber vielleicht wollte er genau das. Denn mit Emotionen erreicht man Menschen. Idealerweise auch jene, die zunehmend geschichtsvergessen sind und die aktuellen politischen Umbrüche betrachten wie die Filmfiguren am See: Sie schauen hin und sehen gleichzeitig weg.