Schmerzen, Menopause, Immunabwehr: Neue Perspektiven bei der Frauengesundheit
Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Von der medizinischen Forschung wurden sie dennoch sehr lange vernachlässigt – und noch immer gibt es große Wissenslücken, wie eine Serie von Beiträgen im Fachjournal „Science“ verdeutlicht. Frauengesundheit sei nicht auf Reproduktionsmedizin beschränkt, betonen die leitende „Science“-Redakteurin Yevgenia Nusinovich und ihre Kollegen. Es werde immer deutlicher, dass es weit darüber hinausgehende geschlechtsspezifische biologische Unterschiede gebe. Sie beeinflussten zahlreiche Krankheiten, im gesamten Lebensverlauf.
Ein wichtiger, nach wie vor nur unzureichend verstandener Bereich ist demnach zum Beispiel die Schmerzbiologie. Daten zeigen klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Schmerzwahrnehmung und der Häufigkeit bestimmter Schmerzzustände – „doch fehlt es oft an einem Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen“.
Von manchen Schmerzen überproportional betroffen
Überproportional häufig seien Frauen unter anderem von Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie, Arthrose und neuropathischen Schmerzen betroffen, die allesamt die Lebensqualität beeinträchtigten, erklärt ein Team um Archana Venkataraman von der University of California in San Francisco. „Frauen warten dringend auf konkrete Antworten, die dazu beitragen könnten, die gängige ‚Das ist alles nur Einbildung’-Haltung gegenüber ihren Erkrankungen zu überwinden, die lange Wartezeit zwischen dem Auftreten der Symptome und der Diagnose und Behandlung zu verkürzen und letztendlich auf Wirkmechanismen basierende Strategien zur Behandlung der Erkrankungen bereitzustellen.“
Den Experten zufolge leiden Frauen etwa doppelt so häufig an funktionellen Schmerzstörungen wie Männer, wobei bei einigen Erkrankungen ein noch größeres Ungleichgewicht besteht. Zu den Faktoren dafür zählten Geschlechtshormone, die Kommunikation zwischen Nerven- und Immunzellen sowie das Darmmikrobiom.
Schwankungen der Eierstockhormone, die mit der Pubertät beginnen, scheinen eine wesentliche Rolle zu spielen, wie das Team in „Science“ erläutert. Das Hormon Östrogen zum Beispiel kann die Signalübertragung zwischen bestimmten Darmzellen und schmerzleitenden Nerven beeinflussen. Es gebe bei vielen Schmerzarten einen engen Zusammenhang zwischen Hormonschwankungen und Symptomen.
Zu den zentralen Herausforderungen zähle, hormonabhängige Zielgene in den betroffenen Nerven und Geweben zu identifizieren. „Zukünftige Durchbrüche in der Behandlung chronischer Schmerzerkrankungen bei Frauen werden erst dann erzielt, wenn präklinische und klinische Studien mechanistische Modelle entwickeln.“
Immunsystem steuert Veränderungen in der Schwangerschaft mit
Eine weitere Übersichtsarbeit in „Science“ geht auf die Rolle des Immunsystems ein. Es werde während der Schwangerschaft so umprogrammiert, dass es nicht nur den Fötus toleriert und Infektionen abwehrt, sondern aktiv Umbauprozesse in zahlreichen Organen mitsteuert, erläutern Dan Corral von der Universität Toulouse und Yasmine Belkaid vom Institut Pasteur.
Immunzellen und immunologische Signale trügen jüngsten Erkenntnissen zufolge dazu bei, den mütterlichen Körper auf Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit einzustellen. Die Autoren stellen damit das Bild infrage, wonach die Anpassungen in der Schwangerschaft vor allem hormonell gesteuert sind.
„Die Schwangerschaft zählt zu den umfassendsten physiologischen Veränderungen im Erwachsenenalter und erfordert eine koordinierte Anpassung nahezu aller mütterlichen Organe, um das fetale Wachstum zu fördern und gleichzeitig die Gesundheit der Mutter zu erhalten“, heißt es in dem Beitrag. Anders als lange angenommen bedeute eine Schwangerschaft nicht die allgemeine Unterdrückung der Immunabwehr, sondern eine dynamische Umprogrammierung. Mehrere Organsysteme koordinierten ihre Funktionen neu, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden.
Das Immunsystem steuere diese Umgestaltung aktiv mit – und durch die Umprogrammierung werde die Gesundheit der Frau weit über die Schwangerschaft hinaus beeinflusst. Als Beispiele werden Veränderungen der Blutbildung im Knochenmark, Umbauprozesse in der Gebärmutter und Plazenta sowie Anpassungen des Thymus und des Brustgewebes genannt. Trotz ihrer tiefgreifenden Bedeutung für die langfristige Gesundheit der Frauen seien die zugrundeliegenden Mechanismen nach wie vor nicht vollständig verstanden und bisher nur unzureichend erforscht.
Wechseljahre können die Gesundheit lange prägen
Zu den Umstellungen, die Leben und Gesundheit einer Frau maßgeblich prägen, zählen auch die Wechseljahre mit der Menopause. Wechseljahre oder Klimakterium sind Begriffe für den Übergang von der reproduktiven Lebensphase zur dauerhaften Unfruchtbarkeit der Frau, der meist 10 bis 15 Jahre dauert. Die Menopause bezeichnet den Zeitpunkt der letzten Menstruationsblutung, im Mittel tritt sie im Alter von 51 Jahren ein.
In der Vergangenheit sei die Forschung in dem Bereich unterfinanziert und unzureichend gewesen, obwohl sie enorme Auswirkungen auf die Hälfte der menschlichen Bevölkerung und fast 40 Prozent der Lebensspanne einer Frau habe, erklären Forschende um Liisa Galea von der University of Toronto in einem weiteren „Science“-Beitrag. Dass ein so großer Teil des Lebens von diesem Übergang und der nachfolgenden Phase geprägt wird, stehe in deutlichem Kontrast dazu, wie wenig erforscht das Thema bislang sei.
Sehr viele körperliche Prozesse verändern sich
Zudem müsse sich die generelle Sichtweise verändern. Die Wechseljahre auf „bloßes Altern“ zu reduzieren, werde Frauen nicht gerecht, betonen die Forschenden. Es handle sich um eine den gesamten Körper betreffende Veränderung, die – wie andere hormonelle Übergänge auch – Menschen je nach individueller Biologie und Lebenserfahrung unterschiedlich betreffe. Dabei gehe es bei weitem nicht nur um Hitzewallungen – es gebe bis zu 72 mögliche Symptome, die den Alterungsprozess verschiedener Organe beeinflussten. Im Durchschnitt träten etwa sieben Beschwerden gleichzeitig auf – doch nur ein Bruchteil der Frauen mit Wechseljahresbeschwerden werde behandelt.
Auch ein aktueller Beitrag in „Nature Medicine“ widmet sich der Phase und beschreibt die Veränderungen als „klippenartig“, abrupt und weitgehend.
Viel zu selten werde die Phase als entscheidende Chance zur Förderung gesunden Alterns und einer hohen Lebensqualität wahrgenommen, etwa mit Blick auf Osteoporose, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie Demenz, so Galea und Kollegen in „Science“. Das Team sieht einen Grund in noch immer kursierenden Fehlannahmen zu Risiken der Hormontherapie. Dabei werden Östrogene und/oder Gestagene verabreicht, um den Rückgang der Eierstockhormone auszugleichen.
Auch die Hormontherapie sei nicht als einheitliche Behandlung zu betrachten, erläutert das Team: Es gebe mehr als 200 Varianten, die sich unter anderem nach Zusammensetzung, Dosis und Einnahmeweg unterschieden. Entsprechend könnten sich Nutzen und Risiken unterscheiden. Die Autorinnen und Autoren plädieren für eine stärker individualisierte Beratung, die Beschwerden, Lebensumstände sowie genetische Faktoren berücksichtigt.
Eierstöcke bleiben nach der Menopause biologisch aktiv
Speziell um die Rolle der Eierstöcke nach der Menopause geht es im Beitrag von Michael Stout von der Oklahoma Medical Research Foundation und Francesca Duncan von der Northwestern University. Der postmenopausale Eierstock habe lange als weitgehend ruhendes Organ gegolten, heißt es in „Science“. Inzwischen mehrten sich jedoch die Hinweise, dass er noch jahrzehntelang aktiv bleibe und vor allem Testosteron, aber auch kleinere Mengen weiterer Steroidhormone abgebe. Eine Entfernung könne womöglich langfristige gesundheitliche Folgen haben. Auch direkte Hormonwirkungen auf Knochen, Libido und Stoffwechsel gelte es zu bedenken.
Geschlechtschromosomen beeinflussen Altern und Krankheit
Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei Alterung und Krankheiten lassen sich nicht allein mit den Geschlechtshormonen erklären. Auch die X- und Y-Chromosomen sind beteiligt. Um diese genetischen Unterschiede geht es im Übersichtsbeitrag von Dena Dubal und Kollegen. Jeder Mensch verfügt über einen spezifischen Satz von Geschlechtschromosomen, die das Krankheitsrisiko während des gesamten Lebens beeinflussen.
Beispielsweise verfügen die Zellen von Frauen in der Regel über ein aktives und ein inaktives X-Chromosom, doch es gibt Fälle, in denen ein X-Chromosom der Inaktivierung entgeht oder einige Zellen eines ihrer X-Chromosomen verlieren. Solche Veränderungen beeinflussten das Risiko für altersbedingte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie das Team um Dubal erläutert. In der Forschung gelte es, Einflüsse der Chromosomen stärker zu berücksichtigen und zu erforschen.
Die Sonderausgabe verdeutlicht, wie eng Themen zusammenhängen, die bisher oft getrennt betrachtet wurden: Schmerzbiologie, Immunologie, Endokrinologie, Alternsforschung und Genetik. Gerade Verknüpfungen könnten helfen zu erklären, warum Frauen in bestimmten Lebensphasen anfälliger für bestimmte Beschwerden oder Krankheiten sind – und warum Standardmodelle aus der Forschung nicht immer auf sie passen. (dpa)