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Schock am Rhein – alte Gewissheiten für Autofahrer und Industrie kommen ins Wanken

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Nicht nur an den Tankstellen macht sich die Trockenheit bemerkbar. „Gerade für die fossile Energieproduktion spielt Wasser eine große Rolle“, sagt Puls. „Kühlwasser soll logischerweise kalt sein. Wenn aber wenig Wasser im Fluss ist und die Sonne draufknallt, dann ist es warm.“ Was schlecht ist fürs Geschäft, wie die Meldungen deutscher Stromerzeuger zeigen: EnBW aus Baden-Württemberg zum Beispiel beklagt, dass die Wasserarmut das finanzielle Ergebnis im ersten Halbjahr zweistellig belastet habe. Der Kraftwerksbetreiber Steag Iqony weist darauf hin, dass die Versorgung des Standorts Walsum bei Duisburg auf dem Wasserweg ein Flaschenhals sei. Dieser werde „sukzessive zu einer Kostenherausforderung“. Auch Deutschlands Chemiebranche benötigt Wasser. Damit werden etwa große Steamcracker heruntergekühlt, die Moleküle in Grundbausteine für Kunststoffe, Medikamente oder Farben spalten. „Rund 80 Prozent der Wasserentnahmen entfallen auf Flusswasser zur Kühlung von Anlagen“, rechnet der Verband der chemischen Industrie (VCI) vor. Längere Niedrigwasserperioden können für wasserabhängige Produktionsstandorte zu einer konkreten Herausforderung werden. Ralf Merz ist Hydrologe am UFZ Helmholtzzentrum für Umweltforschung in Halle an der Saale. Der Fluss fließt nicht weit entfernt in die Elbe, deren Pegel derzeit ebenfalls historisch niedrig steht. Merz untersucht in seiner Arbeit, wie Wasser durch die Landschaft fließt – und warum es immer öfter nicht mehr dort fließt, wo es eigentlich gebraucht wird. „Trinkwasser ist unser kleinstes Problem“, sagt der Professor im Gespräch. „Wasser zu trinken dürften wir auch in Zukunft genug haben.“ Probleme verursachten die sekundären Effekte der Wasserknappheit: „Keine Schifffahrt, Waren werden teurer, der Wald geht ein, Kraftwerke müssen gedrosselt werden.“ Merz verweist auf Studien, die Folgen von Wassermangel bei Lebensmittelpreisen belegen. So hat Maximilian Kotz, Klimaökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die Folgen vergangener Dürren auf europäische Lebensmittelpreise berechnet: „Wir schätzen, dass die Hitze des Sommers 2022 die Lebensmittelinflation in Europa um etwa 0,6 Prozentpunkte erhöht hat“, schreibt Kotz in der Studie. Produktion von Batteriezellen und Chips braucht Wasser Deutschland selbst hatte sich unter der Ampelregierung eine „Nationale Wasserstrategie“ gegeben. Auslöser waren die Dürren von 2018 und 2019. In einzelnen Kommunen wurde – wie jetzt auch – das Trinkwasser knapp. Die Liste an Vorhaben ist lang: Die Strategie sieht eine Hierarchie für die Wassernutzung vor. Die bestimmt, wer zuerst bei Knappheit kein Wasser mehr bekommt und wer immer versorgt werden muss. Neue Fernwasserleitungen sollten Wasser aus feuchten in trockene Regionen bringen, Moore wieder vernässt werden. In Städten müssten geschlossene Betonflächen so umgebaut werden, dass Wasser in den Boden sickern kann. Und für den Wirtschaftsstandort besonders wichtig: In regionalen und überregionalen Wassernutzungskonzepten sollte über die Ansiedlung von Industrien mit großem Wasserbedarf entschieden werden. „Wir hatten 2018 das letzte Mal diese große Krise“, sagt Puls. „Wir haben auch einen großen Plan aufgelegt“, sagt er. „Nur mit der Umsetzung kam man nicht in die Pötte.“ Gerade für die Zukunftsbranchen, an denen es in Deutschland mangelt, könnte das ein Problem werden: „Die Produktion von Batteriezellen oder Chips braucht Reinwasser in größerer Menge“, sagt der IW-Experte. Dass der Bedarf zu Verteilungskonflikten führen kann, zeigt die geplante Tesla-Batteriefabrik in Grünheide in Brandenburg. Ursprünglich wollte der Konzern hier eine Fabrik mit 250 Gigawattstunden Kapazität hinstellen – im Trinkwasserschutzgebiet. Der Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE) warnte vor den Folgen für eine Region mit 170.000 Menschen. Im vergangenen Sommer dann strich Tesla seine Pläne zusammen – auch, weil das Wasser in der Region nicht reicht. Der Autohersteller gab 400.000 seiner ursprünglich reservierten 1,6 Millionen Kubikmeter Wasserrechte zurück. „Bis jetzt wurden vielerorts Wasserrechte mit sehr hohen Entnahmemengen auf Jahrzehnte, teils sogar unbefristet, vergeben – und das zu einem relativ günstigen Preis ohne systemische Anpassung an Dürren oder sinkende Grundwasserstände“, sagt Merz, der Hydrologe. „Das muss sich ändern.“ In Dresden versucht man drohender Wasserknappheit für die Hightech-Chipindustrie vorausschauend zu begegnen. Der Versorger SachsenEnergie lässt vom Baukonzern Hochtief für mehr als 300 Millionen Euro ein Flusswasserwerk an der Elbe bauen. Die Idee dahinter: Getrennt vom Trinkwasser wird aufbereitetes Elbwasser an die Chipfabriken von Infineon und künftig auch ESMC im Dresdner Norden geliefert. SachsenEnergie rechnet demnach mit einer Verdopplung des Industriewasserbedarfs in den kommenden zehn bis 20 Jahren. Der Anteil der Industrie am Gesamtwasserbedarf der Stadt soll bis 2030 von 30 auf 45 Prozent steigen. Das Flusswasserwerk soll mögliche Engpässe beheben. Im Prinzip sei das eine gute Idee, sagt Wasserexperte Merz. „Nur, was geschieht, wenn das Flusswasser in der Elbe auf einmal nicht reicht?“ Schon jetzt ist geplant, Elbwasser in die Spree zu leiten und in die ehemaligen Braunkohleseen in der Lausitz. „In Dürrephasen wie jetzt werden dann alle um dasselbe Wasser streiten.“ Er fragt, was geschehen wäre, wenn in Magdeburg, ebenfalls an der Elbe, auch die geplante Intel-Chipfabrik errichtet worden wäre. In dieser Woche zeigte der Pegel an der Strombrücke im Stadtzentrum nur noch 37 Zentimeter, so wenig wie noch nie. Angesichts solcher Wasserstände erfordere ein Vorhaben wie eine Chipfabrik künftig neue Planungen. „Man muss im Vorfeld planen, wie viel verfügbar ist, und zwar nicht im Mittel, sondern in Krisensituationen.“ Sonst geht es den neuen Industrien in nicht so ferner Zukunft möglicherweise wie Schiffen in Kaub auf dem Rhein heute schon: Man sitzt auf dem Trockenen. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt. Jan Dams ist Chefreporter WELT AM SONNTAG. Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera. Andreas Macho ist Reporter Wirtschaft & Innovation. Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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