Schock in Grossbritannien
Die ehemalige britische Abgeordnete Ann Widdecombe ist tot in ihrem Haus in der Grafschaft Devon aufgefunden worden. Die schweren Verletzungen deuten auf einen Mord hin. Die 78-Jährige war nicht nur als langjährige konservative Politikerin bekannt, sondern auch als Teilnehmerin in populären Sendungen. So trat sie noch 2010 in der Tanzshow «Strictly Come Dancing» auf und 2018 in der Reality-TV-Show «Celebrity Big Brother». Bis jetzt gebe es keine Hinweise auf eine terroristische oder politisch motivierte Tat, teilte die Polizei zuerst mit. Aber die Umstände ihres Todes bleiben rätselhaft. Premierminister Keir Starmer sagte später, es gebe zum jetzigen Zeitpunkt keine gesicherten Informationen darüber, ob die Tat politisch motiviert war, und warnte vor Spekulationen. Er sagte, der Tod der bedeutenden Politikerin sei schockierend und ein schwerer Verlust. Auch Innenministerin Shabana Mahmood bezeichnete den Tod als äusserst erschütternd. Katholikin, Fernsehstar und ein «Ein-Frau-Kebab-Stand» Widdecombes Leiche wurde am Donnerstagmittag mit schweren Kopfverletzungen in ihrem Haus im Dorf Haytor am Rande des Dartmoor-Nationalparks im Südwesten Englands entdeckt. Am Freitag gab die Polizei ihren Tod öffentlich bekannt. Gleichentags wurde ein 26-jähriger Verdächtiger festgenommen, am Samstag jedoch wieder auf freien Fuss gesetzt. Widdecombe sass von 1987 bis 2010 im Unterhaus und hatte unter Premierminister John Major diverse Ministerposten inne. Sie war später für die Brexit-Partei im Europäischen Parlament und setzte sich leidenschaftlich für den EU-Austritt ein. 2023 schloss sie sich der Rechtspartei Reform UK von Nigel Farage an. Noch am Mittwochmorgen war sie Gast bei «Talk TV» gewesen. Am Nachmittag hätte sie in einer anderen Sendung auftreten sollen, erschien jedoch nicht und antwortete auch nicht auf Anrufe und Nachrichten. Darauf wurde die Polizei alarmiert. Widdecombe trat 1993 zum Katholizismus über, weil sie der Ansicht war, dass die anglikanische Kirche sich zu sehr dem Zeitgeist anpasse, indem sie zum Beispiel die Priesterweihe für Frauen erlaubte. Mit ihren konservativen Ansichten sorgte sie oft für Kontroversen. So trat sie für die Wiedereinführung der Todesstrafe ein, sprach sich sowohl gegen Abtreibung wie auch gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus und widersprach der Ansicht, dass Transpersonen selbst über ihr Geschlecht bestimmen sollten. Widdecombe war eine geistreiche und scharfzüngige Politikerin. Oft griff sie politische Gegner und auch Mitstreiter persönlich und direkt an. Der frühere Tory-Chef Iain Duncan Smith beschrieb sie in einer Kolumne im «Telegraph» besonders plastisch: Widdecombe sei ein «Ein-Frau-Kebab-Stand» gewesen. Wer ihr auf die Nerven gegangen sei, sei «aufgespiesst und geröstet» worden. Sie wurde aber über die Parteigrenzen hinweg respektiert. Das Verbrechen weckt Erinnerungen an zwei frühere Morde In Grossbritannien wurden in den letzten zehn Jahren zwei amtierende Parlamentsmitglieder ermordet: 2016, während der Brexit-Abstimmung, tötete ein Rechtsextremer die Labour-Abgeordnete Jo Cox. Der konservative Abgeordnete David Amess wurde 2021 von einem Anhänger der Miliz Islamischer Staat (IS) erstochen. Widdecombes Tötung fällt in eine politisch angespannte Zeit. Grossbritannien steht kurz davor, mit Andy Burnham einen neuen Premierminister zu erhalten. Er soll die Nachfolge von Keir Starmer antreten und die Macht von Labour sichern. Gleichzeitig hat der Reform-Chef Farage vor wenigen Tagen seinen Rücktritt aus dem Unterhaus erklärt, weil er wegen eines angeblich undeklarierten Millionengeschenks und Immobiliengeschäften unter Druck geraten ist. Der Schritt ist allerdings nur ein taktisches Manöver, denn Farage will sofort wieder zur Nachwahl antreten und dazu einen öffentlichkeitswirksamen Wahlkampf führen. Dieser dürfte nun unter erhöhten Sicherheitsmassnahmen stattfinden.