Schockanruf mit täuschend echter Stimme: "Mama, ich hatte einen Unfall!"
Stand: 25.09.2026 07:47 Uhr
Mit einer vermeintlich vertrauten Stimme täuschen Betrüger eine 60-Jährige aus Hamburg. Die Frau glaubt, ihre Tochter sei nach einem Autounfall in Not. Einige Wochen später kommt der nächste betrügerische Anruf. Experten geben Tipps, wie man sich bei solchen Schockanrufen am besten verhält.
von Atiena Abednia
Anfang Februar 2026 klingelt bei Susanne aus Hamburg-Hummelsbüttel das Festnetz-Telefon. Auf dem Display steht "unbekannt". Trotzdem nimmt sie ab. Sie denkt, sie hört am anderen Ende die Stimme ihrer Tochter. Die Person weint und sagt: "Mama, ich hatte einen Unfall, Autounfall." Für die Mutter klingt das vollkommen echt: "Das war wirklich ihre Stimme."
"Das war wir im Horrorfilm"
Dann übernimmt ein Mann das Telefon-Gespräch. "Ich wusste nicht, ob das ein Arzt war oder Polizei", erinnert sich die Mutter. "Er hat eine ganz ruhige Stimme gehabt und etwas gesagt wie: 'Ja, Ihre Tochter hatte einen Autounfall.' Ich war geschockt. Das war unheimlich, das war wie im Horrorfilm." Der Betrüger am Telefon fragt nach dem Geburtsdatum der Tochter. Die Mutter nennt - ohne darüber nachzudenken - ihr eigenes Geburtsdatum. Kurz darauf wird aufgelegt.
Und dann wird nach einer hohen Geldsumme gefragt
Die 60-Jährige hat wohl Glück gehabt: Das Gespräch wurde - warum auch immer - schnell beendet. Bei einem typischen Schockanruf geht der Betrug an dieser Stelle erst richtig los, weiß Frauke Hannes vom Landeskriminalamt (LKA) in Hamburg: "Bei den Schockanrufen ist es in der Regel so, dass mir gesagt wird, dass ein tödlicher Verkehrsunfall verursacht wurde von meiner Tochter oder meinem Sohn. Und deswegen müsse die Tochter oder der Sohn in Untersuchungshaft."
Die Betrüger sagen dann: Damit das Kind aus der Untersuchungshaft entlassen werden könne, müsse eine hohe Geldsumme als Kaution hinterlegt werden. So versuchen die Täter an das Geld ihrer Opfer zu gelangen. Nicht selten verlieren Betroffene ihr gesamtes Vermögen.
Erst der Rückruf bringt die Wahrheit
Zurück zu dem Fall in Hamburg: Die Mutter ist nach dem Anruf völlig aufgelöst. Sie informiert ihren Mann, der ihrer Tochter Saskia eine Nachricht auf das Handy schickt. Was ist bei dir los? Die Tochter wird stutzig und ruft sofort zurück: Sie sitzt an ihrem Arbeitsplatz, es ist nichts passiert. Kein Unfall, alles ist gut.
Tochter Saskia vermutet, dass die Betrüger eine neuartige Künstliche Intelligenz (KI) genutzt haben, um ihre Stimme nachzuahmen. Dass Opfer überzeugt sind, die Stimme ihrer Tochter oder ihres Sohnes erkannt zu haben, erklärt hingegen das Landeskriminalamt (LKA) in Hamburg mit der Situation selbst: Eine schreiende, weinende und verzweifelte Stimme könne beim Angerufenen sofort den Eindruck erzeugen, es handele sich um eine Angehörige.
Mit KI können Schockanrufe noch überzeugender wirken
Schockanrufe können also auch gefährlich sein, selbst wenn die Stimme am anderen Ende nicht mithilfe von KI erzeugt worden ist. Nach Einschätzung des LKA könnten allerdings technische Möglichkeiten, wie sie die KI bietet, künftig eine Rolle spielen. Auch im Fall von Susanne lässt sich deshalb nicht belegen, wie die Stimme am Telefon erzeugt wurde. Sicher ist nur: Für die Mutter klang sie wie die Stimme ihrer Tochter.
Einige Wochen später klingelt es wieder
Im April kommt dann erneut ein Anruf von einer unbekannten Nummer. Diesmal ahnt die Mutter, was dahinterstecken könnte. Trotzdem nimmt sie aus Neugier ab. Wieder hört sie die Stimme ihrer Tochter: "Mama, ich hatte einen Autounfall." Die Mutter sagt diesmal kein Wort. Die vermeintliche Tochter fragt mehrfach: "Hallo? Mama?" Dann wird aufgelegt.
Dass Menschen mehrfach angerufen werden, ist laut LKA durchaus möglich. Die Täter gehören zu unterschiedlichen Gruppen und nutzen häufig dieselben Telefonregister. Dabei suchen sie gezielt nach Vornamen, die in den 1930er-, 40er- oder 50er-Jahren beliebt waren, und rufen die dazugehörige Festnetz-Nummer an. So werden die Menschen zu Hause erreicht, wo sie möglicherweise allein sind. Deshalb können dieselben Personen auch mehrfach ins Visier von Betrügern geraten.
Betrüger setzen auf Angst und Zeitdruck
Die Vorgehensweise ist bei Schockanrufen immer gleich: Die Täter täuschen eine akute Notlage vor und setzen ihre Opfer emotional und zeitlich unter Druck. Häufig geben sie sich als Angehörige, Polizisten oder andere Amtspersonen aus. Ziel ist es, an Geld, Wertsachen oder persönliche Daten zu kommen. Die Tätergruppen sind laut LKA organisiert und haben sich auf unterschiedliche Varianten des Telefonbetrugs spezialisiert.
Millionen-Schaden durch Telefonbetrug
Nach Angaben des Hamburger Landeskriminalamts wurden allein im Jahr 2025 in Hamburg mehr als 150 vollendete Fälle des telefonischen Trickbetrugs zum Nachteil älterer Menschen registriert. Darunter fallen unter anderem Schockanrufe, Enkeltrick und Anrufe falscher Polizeibeamter. Die Schadenssumme lag nach Angaben der Polizei bei rund sieben Millionen Euro.
So können sich Betroffene schützen
Das LKA rät dazu, sich gedanklich darauf vorzubereiten, dass ein solcher Anruf grundsätzlich jeden treffen kann. Besonders bei hohen Geldforderungen sollten sofort die Alarmglocken läuten. Wer einen verdächtigen Schockanruf erhält, sollte auflegen und selbst die Polizei beziehungsweise die Angehörige oder den Angehörigen über eine bereits bekannte Telefonnummer zurückrufen. Persönliche und finanzielle Daten sollten nicht herausgegeben und niemals Geld oder Wertsachen an Unbekannte übergeben werden.
"Was ist real und was ist nicht real?"
Tochter Saskia findet es besonders beunruhigend, dass sie nun nicht mehr sicher sein könne, ob ihre Eltern einen echten Notruf von ihr erkennen würden. Sie hat inzwischen mit ihrer Familie darüber gesprochen, wie sie sich künftig besser absichern können. Eine Möglichkeit ist ein gemeinsames Codewort, das nur Eltern und ihre Kinder kennen. Gleichzeitig bleibt bei der Tochter ein ungutes Gefühl: "Man weiß gar nicht mehr, was ist real und was ist nicht real."
Auch ihre Mutter denkt seit dem Anruf immer wieder daran. Besonders der Gedanke, dass sie künftig vielleicht tatsächlich einen Notruf ihrer Tochter bekommen könnte und trotzdem zweifeln müsste, ob die Stimme echt ist, beschäftigt sie.