„Schon nach fünf bis zehn Minuten wird es gefährlich“
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Psychologin erklärt Folgen von Social-Media-Konsum: „Schon nach fünf bis zehn Minuten wird es gefährlich“
Von: Andreas Schmid
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Deutschland diskutiert über ein Social-Media-Verbot. „Die Vorteile überwiegen“, sagt dazu eine Psychologin. In Sachen Altersgrenze hat sie aber einen anderen Vorschlag.
Braucht es ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? Jüngst legte eine Expertenkommission ihre Empfehlungen vor, die Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) direkt aufgriff: Ein Social-Media-Verbot für alle unter 13 soll es werden, meinte Prien. Aus wissenschaftlicher Sicht ergebe das jedoch keinen Sinn, sagt Professorin Christiane Alberternst. Sie forscht an der Hochschule Coburg zu Social-Media-Konsum und sagt im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media: „Das Alter von 13 überrascht mich aus fachlicher Sicht.“ Die „sinnvollere Grenze“, so Alberternst, liege bei 15 bis 16 Jahren.
Frau Alberternst, Ihre Forschung zeigt: Wer sich auf Instagram oder TikTok häufig mit anderen vergleicht, fühlt sich schlechter. Warum ist das so?
Das Vergleichen mit anderen ist uns Menschen gewissermaßen eingebaut und wir messen uns dabei fast automatisch an denen, die schöner, erfolgreicher oder kompetenter sind als wir selbst. Dieser sogenannte Aufwärtsvergleich führt dazu, dass die Stimmung absackt. Und er macht gerade Frauen und Mädchen unzufriedener mit dem eigenen Körper. Das geht dann auch in die Richtung Depression, seelische Gesundheit und betrifft das generelle Wohlbefinden.
Social-Media-Konsum: „Selbst kurze Nutzungszeiten reichen aus, um negative Effekte zu spüren“
Social Media verstärkt diesen eingebauten Vergleich?
Ja, vor allem auf bild- und videobasierten Plattformen wie TikTok oder Instagram verschärft sich das Problem erheblich: Die Bilder dort sind bearbeitet, gefiltert, inszeniert. Hinzu kommen Influencerinnen und Influencer, die ihr Geschäftsmodell teils auf aufwendigen Schönheitsoperationen aufgebaut haben, der sogenannte Kardashian-Effekt: ein Körperbild, das für normale Menschen schlicht unerreichbar ist.
Idealisierte Körperbilder gab es doch auch schon in Zeitschriften oder im Fernsehen. Ist Social Media wirklich so viel schlimmer?
Social Media ist aus zwei Gründen eine andere Kategorie. Erstens ist die Menge der Inhalte deutlich größer. Zweitens, und das ist entscheidend: Social Media ist ständig verfügbar. Eine Zeitschrift legt man weg, das Handy liegt neben dem Bett. Setzt man Kindern keine Grenzen, konsumieren sie diese Inhalte rund um die Uhr. Und wir Menschen neigen dazu, das, was wir dauerhaft sehen, als Norm zu verinnerlichen. Das geht über das hinaus, wie herkömmliche Medien wirken.
In Ihrer Studie zeigt sich: Nicht einfach die Nutzungszeit ist das Problem, sondern wie junge Menschen die Plattformen nutzen. Was genau meinen Sie damit?
Ja, es kommt auf die Art der Nutzung an. Das ziellose Scrollen etwa hat kaum negativen Effekt auf die Stimmung. Kritisch wird es beim aktiven Vergleichen und beim Konsum körper-, gewichts- und fitnessbezogener Inhalte. Diese Kombination schadet. Rezepte, Deko, allgemeiner Sport – das ist weitgehend unproblematisch. Selbst kurze Nutzungszeiten reichen aber aus, um negative Effekte zu spüren, wenn dabei Idealbilder konsumiert werden. Schon nach fünf bis zehn Minuten wird es gefährlich. Dazu kommt der sogenannte Verdrängungseffekt: Die Zeit auf Social Media fehlt für Bewegung, echte Freundschaften und Hobbys. Und der späte Konsum am Abend führt nachweislich zu schlechterem Schlaf.
Welche konkreten psychischen Folgen kann übermäßiger, falscher Social-Media-Konsum haben?
Ich habe in meiner Forschung mit einer Skala gearbeitet, die auch die WHO für das Depressions-Screening einsetzt. Es geht also nicht um gelegentlich schlechte Laune, sondern um depressive Symptomatik, niedrigen Selbstwert und geringere Zufriedenheit mit dem eigenen Körper. Der Peak für Essstörungen bei Mädchen liegt bei 14 bis 16 Jahren – erste Anzeichen zeigen sich aber oft schon mit 9 oder 10 Jahren. In schweren Fällen, etwa bei Cybermobbing, kann es sogar zu suizidalen Gedanken kommen. Mobbing hat es immer gegeben, aber es ist ein Unterschied, ob es auf dem Schulhof stattfindet oder den ganzen Abend und die Nacht weitergeht. Jugendliche sind in der Identitätsentwicklung und haben noch keine stabilen positiven Selbstbilder aufgebaut, gegen die sie solche Angriffe aufwiegen könnten. Social Media verstärkt diese Probleme.
Welche Rolle spielt der Algorithmus?
Eine entscheidende. Der Algorithmus ist darauf ausgelegt, die Verweildauer zu maximieren und zeigt dafür Inhalte, die möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen. Man landet schnell in einer Bubble. Das kennen wir besonders deutlich aus der Forschung zu Magersucht: Mädchen mit Anorexie finden in entsprechenden Online-Communities gegenseitig Bestätigung fürs Hungern. Ein Außenblick ist kaum noch möglich, weil alle in der Bubble dasselbe sehen und bestärken.
Kinder im Netz – Vierteilige Merkur-Serie zu Social-Media-Gefahren
Teil 1: „Öffnen mit dem Smartphone die Kinderzimmertür für Unbekannte“ – Cyber-Kriminologe warnt Eltern
Teil 2: „Alle gucken zu“: Online-Mobbing trifft Millionen – warum ein Bündnis nun auf den „Netz-Führerschein“ setzt
Teil 3: Die zerstörerische Anziehungskraft der digitalen Welt: Schon Achtjährige kommen in die Suchtambulanz
Politiker fordern ein Social-Media-Verbot. Sie auch?
Ja, das würde helfen. Ich weiß, dass die Durchsetzung schwierig ist. Australien zeigt, dass trotz des Verbots für unter 16-Jährige noch rund 80 Prozent der Zielgruppe aktiv ist, weil Altersnachweise leicht zu umgehen sind. Aber das ist kein Argument gegen ein Verbot. Als das Rauchen eingeschränkt wurde, war das auch kein kurzfristiger Erfolg. Aus entwicklungspsychologischer Sicht überwiegen die Vorteile für ein Social-Media-Verbot klar.
Social-Media-Verbot: „Das Alter von 13 überrascht mich aus fachlicher Sicht“
Bundesfamilienministerin Prien will Social Media bis 13 Jahren einschränken. Gehen Sie bei dieser Altersgrenze mit?
Nein. Das Alter von 13 überrascht mich aus fachlicher Sicht. Britische Längsschnittstudien zeigen: Das sensible Altersfenster für körperbezogene Inhalte liegt bei Mädchen bei 11 bis 13 Jahren, bei Jungen bei 14 bis 15 Jahren. Man kann nicht sagen, Mädchen dürfen früher rein als Jungen. Das ist kaum durchsetzbar. Um auch Jungen wirksam zu schützen, wäre 15 bis 16 Jahre die sinnvollere Grenze. Das australische Modell mit 16 Jahren halte ich für konsequent und nachvollziehbar. Der Unterschied zwischen 13 und 16 ist in dieser Lebensphase enorm.
Gegen ein Social-Media-Verbot dürften sich vor allem diejenigen wenden, die es betrifft: die Jugendlichen. Für sie gehört Social Media zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben …
… das stimmt, aber man muss differenzieren. Textbasierte Kommunikation ist deutlich weniger problematisch und stärkt sogar bestehende Freundschaften. Was wir kritisch sehen, sind bild- und videobasierte Inhalte. Medienkompetenz wird in der Schule zudem oft auf Datenschutz reduziert. Aber über die psychischen Folgen – wie fühle ich mich nach bestimmten Inhalten, was macht der Vergleich mit mir? – wird viel zu wenig gesprochen.
Was raten Sie Eltern konkret?
Medienkompetenz beginnt mit begleitetem Medienkonsum. Was beim Fernsehen selbstverständlich war – gemeinsam schauen, Inhalte auswählen, danach sprechen – sollte sich durch das frühe Jugendalter ziehen. Das Wichtigste ist echtes Interesse daran, was Kinder auf diesen Plattformen erleben. Und praktisch: Es ist sehr sinnvoll, wenn Jugendliche abends ihr Handy abgeben müssen. Dann kommen sie gar nicht erst in Versuchung, nachts zu scrollen, schlafen besser und bekommen es am nächsten Tag zurück. Das ist keine Strafe, sondern Fürsorge. (Interview: Andreas Schmid)