Schutz vor ballistischen Angriffen: Strategisches Ziel der Ukraine: Russische Abschussrampen zerstören
Der Mangel an Munition für die Patriot-Luftabwehrsysteme macht ukrainische Städte wie Kiew schutzlos gegen russische Terrorangriffe. Mit selbst entwickelten Raketen will die Ukraine den ballistischen Beschuss aus Russland zumindest reduzieren. Nachdem Russland im Juli bereits rund 200 ballistische Raketen auf die Ukraine und vor allem auf die Hauptstadt Kiew abgeschossen hat, sind in den ersten zehn August-Tagen rund 70 ballistische Raketen gegen das angegriffene Land eingesetzt worden. Im Juli konnten die Ukrainer lediglich zehn ballistische Raketen abfangen. Im August waren sie nur im Falle von einer einzigen ballistischen Rakete erfolgreich. An der Schwäche der ukrainischen Flugabwehr, die mit Drohnen und klassischen Marschflugkörpern in der Regel sehr gut klarkommt, liegt dieser Zustand nicht. Sondern daran, dass das schon vorher bestehende Defizit an PAC-3-Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme, die als fast einzige russische Ballistik abschießen können, durch den Iran-Krieg noch verstärkt wurde. Ob die Ukraine, wie von US-Präsident Donald Trump angekündigt, eine Produktionslizenz für Patriot-Raketen bekommt, steht in den Sternen. Ein Hochfahren der Produktion würde wohl einige Jahre dauern. Die Ukraine selbst arbeitet zwar an eigenen, im Vergleich zu den PAC-3 deutlich billigeren Abfangraketen FP-7.x – de facto handelt es sich hier um eine überarbeitete sowjetische Rakete für S-300-Systeme. Aber auch hier sind der Erfolg und vor allem die Etablierung der Massenproduktion keinesfalls garantiert. Dabei wird gerade die Hauptstadt Kiew mit ihren rund drei Millionen Einwohnern inzwischen im Schnitt jede dritte Nacht mit ballistischen Raketen beschossen. Seit Anfang Juli erlebte Kiew 15 solcher Angriffe. Die beste Flugabwehr: Zerstörung der Startrampen Klar ist daher: Alleine durch Flugabwehr kann die Ukraine das akute ballistische Problem in absehbarer Zeit nicht lösen. Zumal der Abschuss der ultraschnellen ballistischen Raketen über einer Metropole wie Kiew für Zivilisten noch gefährlicher ist als das Abfangen von Drohnen und Marschflugkörpern. Denn angesichts der Geschwindigkeiten dieser Raketen kann meist nicht mal ansatzweise vorausberechnet werden, wohin die Trümmer fallen. Zudem sind russische Raketen infolge der westlichen Sanktionen viel ungenauer geworden: auch das ist ein Grund für die gestiegene zivile Todesquote in der Hauptstadt. Die auch von Präsident Wolodymyr Selenskyj thematisierte Alternative zur Flugabwehr wäre, die von Russland benutzten Startrampen zu vernichten, etwa jene für die russischen Iskander-Raketen. Beim bisher größten Beschuss der Ukraine hat die russische Armee 34 ballistische Raketen eingesetzt. Weil eine Startrampe zwei Raketen tragen kann, wurden dafür vermutlich 17 Launcher gleichzeitig eingesetzt. In der Ukraine geht man davon aus, dass Moskau maximal bis zu etwa 36 Startrampen benutzen kann. Das würde bedeuten, dass auf Kiew und andere ukrainische Gegenden mehr als 70 ballistische Raketen fliegen könnten. 20 bis 30 Startrampen weniger würden schon helfen Laut dem ukrainischen Militärgeheimdienst HUR produziert Russland derzeit monatlich rund 65 Raketen, die von Startrampen für Iskander abgefeuert werden können. Dies wäre eine Steigerung von zehn Prozent im Vergleich zum von Kiew vorausgesehenen Tempo. Das ermöglicht Russland zwar nicht, ganz große Angriffe oft zu wiederholen: Bei den meisten Angriffen, die aktuell im Drei-Tage-Rhythmus stattfinden, werden sechs bis acht ballistische Raketen eingesetzt. Beim massivsten Beschuss in der Zeit ab Juli waren es allerdings 29. Auch so ist die Tendenz der Produktionssteigerung besorgniserregend. Aus ukrainischer Sicht wäre es bereits ein Erfolg, 20 bis 30 Startrampen zu zerstören, die von der russischen Armee aktiv benutzt werden. Die ukrainischen Streitkräfte haben zwar einige Treffer erzielt. Größtenteils wurden aber nur Lager tief im Hinterland getroffen, in denen eher Reserve-Launcher standen. Die Startrampen auf ihrem Weg zur Startposition zu treffen, ist schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Diese Startpositionen befinden sich überwiegend in einer Entfernung zwischen 100 und 200 Kilometern von der ukrainischen Grenze. Die Iskander-Systeme dort bestehen aus insgesamt sechs Fahrzeugen, eines davon trägt den Launcher. Aber nach maximal 20 Minuten verlassen sie ihren Standort wieder und ziehen sich in die verdeckten Bereitstellungspunkte zurück. Sie mit Angriffen weiter ins russische Hinterland zurückzudrängen, wäre für die Ukraine ebenfalls ein Erfolg. Hrim-2 und FP-9 Um die Startpositionen der ballistischen Raketen zu entdecken, ist die Ukraine fast ausschließlich auf westliche und vor allem US-Aufklärung angewiesen. Die kommt für gewöhnlich rechtzeitig, aber auch nicht immer, wie mehrere Vorfälle in der jüngsten Zeit zeigten, als der Luftalarm erst eingeschaltet werden konnte, nachdem die Raketen bereits in Kiew eingeschlagen waren. Meist hätten die Ukrainer aber rund zehn bis fünfzehn Minuten, um die Startrampen an ihrem aktuellen Standort zu treffen. Technisch müsste ein solcher Angriff idealerweise gleichermaßen mit ballistischen Raketen erfolgen, weil vor allem diese schnell genug sind. Die Ukraine entwickelt derzeit zwei solcher Raketen, Hrim-2 und FP-9. Sie können eine Geschwindigkeit von bis zu 2300 Meter pro Sekunde erreichen. Damit bräuchten sie zwei bis vier Minuten, um eine Startrampe zu treffen. Allerdings befinden sie sich weiterhin in der Testphase, auch wenn in einer späteren. Erste Kampfeinsätze im Herbst sind denkbar, jedoch nicht garantiert. Hätte die Ukraine die Möglichkeit, das Starlink-System für die Zielerfassung auf international anerkanntem russischem Gebiet einzusetzen, würde das zudem die Wahrscheinlichkeit steigern, die Launcher mit schnelleren marschflugkörperartigen Mittelstreckendrohnen auf dem Weg zur Startposition und zurück zum Bereitstellungspunkt zu treffen. Starlink-Chef Elon Musk genehmigt die Freistellung von Starlink auf russischem Gebiet aktuell jedoch nicht. Damit ist es extrem schwierig die Startrampen mit sogenannten Middle-Strike-Drohnen zu beschießen. Gut möglich, dass die Ukraine es schafft, bis zum Winter bei der Zerstörung der Ballistik-Startrampen in Russland einen gewissen Fortschritt zu erzielen. Es bleibt jedoch eine Mammutaufgabe. In jedem Fall ist Kiew gezwungen, aktiv nach Wegen zu suchen, um sich vor den ballistischen Angriffen der Russen zu schützen. Nach dem vorigen Winter mit großen Strom- und Heizungsausfällen drohen der Hauptstadt weitere, vielleicht noch härtere Wintermonate. Zumal Russland neben den Angriffen auf die Energieinfrastruktur der Stadt und der Region zum Beschuss der Logistik der großen Supermarktketten übergegangen ist. In manchen Läden sorgen diese Angriffe schon jetzt für ein Defizit.