Schweden wählt am Sonntag: Wer hat vom Ende der Brandmauer profitiert?
Für Ulf Kristersson steht viel auf dem Spiel. Seit vier Jahren ist der 62-Jährige Ministerpräsident in Schweden. Bei der Parlamentswahl am Sonntag geht es nicht nur um seine Wiederwahl. Sondern um die Frage, welchen Kurs das größte skandinavische Land zukünftig einschlagen will.
In dieser Frage hat sich der konservative Kristersson längst entschieden. In den vergangenen Jahren hatte er alles dafür getan, um an die Macht zu kommen – jetzt will er auch dort bleiben. Dafür ist er bereit, die Rechtsaußenpartei der Schwedendemokraten (SD) ganz offiziell in die Regierung zu hieven. Gewinnt das Rechtsbündnis am Sonntag die Wahl, könnte also eine Partei, deren Mitglieder noch in den 1990er Jahren „Haltet Schweden schwedisch“ skandierten, mit Ministerposten belohnt werden.
Die Isolation der Rechten mit Wurzeln in der Neonaziszene fand bereits vor vier Jahren ein Ende, als Ulf Kristersson sich mit ihren Stimmen 2022 zum Regierungschef hat wählen lassen. Der konservative Chef der Moderaterna-Partei riss die Brandmauer in Schweden ein, doch wem hat der Pakt mit Rechtsaußen eigentlich genützt?
Und wo ist Bullerbü?
Vielen Menschen im Land eher nicht: Schweden hat die dritthöchste Arbeitslosenquote der Europäischen Union, die Jugendarbeitslosigkeit ist mit knapp 25 Prozent ganze zehn Prozent höher als im EU-Schnitt, hinzu kommt die Wohnungsnot in den Ballungsgebieten und die extreme Ungleichheit. Dem Global Wealth Report 2025 zufolge ist das Königreich bei der Vermögensverteilung das sechstungleichste Land der Welt – noch vor den Vereinigten Staaten.
Der Mythos Bullerbü hat mit der Realität im Land nicht mehr viel zu tun.
All diese Probleme gibt es schon lange, doch unter Kristersson wurden sie nicht kleiner. Seit 2022 hat seine Minderheitsregierung umfangreiche Steuersenkungen durchgesetzt: Einkommens-, Mehrwert- und Energiesteuer wurden kleiner, die Flugsteuer gar völlig abgeschafft. Nominell trifft das alle im Land, absolut profitieren Besserverdienende oder Menschen mit hohem Konsum davon mehr.
„Die Moderaterna-Partei ist zuletzt wieder zu ihren Parteiwurzeln zurückgekehrt“, sagt Karl Loxbo, der an der Universität Stockholm unter anderem zum Aufstieg populistischer Parteien forscht, dem Tagesspiegel. „Sie galten früher als Partei der Oberschicht mit fragwürdigen demokratischen Wurzeln. Es gab eine ganze Reihe von Äußerungen, die als rassistisch wahrgenommen wurden, bevor sie sich um die Jahrtausendwende veränderten.“
Zugleich wurden in der vergangenen Legislatur Sozialleistungen massiv gekürzt: Ab dem kommenden Jahr gibt es für kinderreiche Familien weniger Unterstützung, auch das Arbeitslosengeld fällt bereits geringer aus. Einer Untersuchung des Tageszeitung „Dagens Nyheter“ zufolge haben arbeitslose Alleinstehende heute weniger Geld als zu Beginn der Legislatur.
Aus Sicht von Kristerssons Regierung werden so mehr Anreize zum Arbeiten geschaffen. Einer ihrer Wahlslogans lautet: „Anstrengung soll sich wieder lohnen“. Auf dem Bus, mit dem die Parteifunktionäre seit Monaten durch das Land reisen, steht: „Schweden ist auf dem richtigen Weg“.
Für manchen Wähler passen Worte und Taten wohl wenig zusammen. Aktuellen Umfragen zufolge steuert Kristerssons Partei auf die dritte Wahlniederlage in Folge und das zweitschlechteste Ergebnis der vergangenen fünf Jahrzehnte zu.
Doch die Opposition schwächelt, ist zudem deutlich zerstrittener als das Rechtsbündnis. Für den Konservativen könnte es am Sonntag also knapp für weitere vier Jahre an der Macht reichen. Obwohl er erneut wohl nur die drittstärkste Kraft im Parlament stellen dürfte.
Denn der Pakt mit Rechtsaußen ist für Kristersson längst keine reine Zweckgemeinschaft mehr.
Erst im Dezember sprach der 62-Jährige als erster konservativer Parteichef überhaupt auf einem Bundesparteitag der Schwedendemokraten. „Ich wollte hierherkommen und Danke sagen“, begann Kristersson seine Rede. „Schritt für Schritt haben wir gemeinsam die Entscheidungen getroffen, die notwendig sind, um den Kurs für Schweden zu ändern.“
Noch sieben Jahre zuvor versprach Kristersson als Oppositionschef einer Holocaust-Überlebenden für die Zeit nach der Wahl 2018 keinen Pakt mit den Rechten einzugehen. Als es vier Jahre später nicht für den erhofften Sieg reichte, begann er, statt auf ein Bündnis der Mitte auf die SD zu setzen.
Seitdem ist Kristerssons konservativ-liberale Minderheitsregierung im Reichstag in Stockholm auf die Stimmen der Rechten als Mehrheitsbeschaffer angewiesen. Und der Regierungschef selbst zeigte sich in dieser Zeit immer wieder äußerst nachsichtig mit dem Partner.
Skandalreiche Zusammenarbeit
Als sich Schwedens Nato-Beitritt durch Forderungen der Türkei weiter verzögerte und auch durch Koran-Verbrennungen im Land massiv gestört wurde, bezeichnete ein hoher SD-Funktionär den Islam als „gewalttätige Ideologie“. Im Amt blieb er trotzdem.
Zwei Jahre später enthüllte eine Investigativrecherche 2024 ein Social-Media-Netzwerk der Rechten, inklusive zahlreicher Deepfake-Videos, Memes und Lügenkampagnen – auch über die eigene Regierung. Die „Trollfabrik“ verbreitete Desinformation und Hassbotschaften, verspottete gar Ulf Kristersson selbst über zurückliegende Aussagen, in denen er sich für eine liberale Einwanderungspolitik aussprach.
Auch das sprengte das Bündnis nicht.
Von seinen Überzeugungen von früher ist heute ohnehin nicht mehr viel übrig. Unter Einfluss von Rechtsaußen hat sich das einst liberale Schweden in ein restriktives „Law & Order“-Land verwandelt, fast die Hälfte des 64 Seiten langen Tidö-Vertrags, der die Zusammenarbeit zwischen Minderheitsregierung und Schwedendemokraten regelt, ist den Feldern „Migration“ und „Kriminalität“ gewidmet.
Seitdem gilt nicht mehr Integration durch Teilhabe, sondern Integration durch Sanktion: Das Staatsbürgerschaftsrecht wurde verschärft, ebenso die Regeln für den Familiennachzug oder die Arbeitseinwanderung.
Seit Mitte dieses Jahres können Ausländer mit einem „mangelhaften“ Lebensstil – dazu gehören Regierungsangaben zufolge unter anderem Drogenkonsum, Schulden, aber auch die Mitgliedschaft in kriminellen Netzwerken – außerdem schneller abgeschoben werden. All das zeigt Wirkung: Im vergangenen Jahr war die Zahl der Asylanträge auf einem historischen Tiefstand.
„Die Schwedendemokraten haben beeinflusst, wie das Land über Einwanderung denkt“, sagt der Politologe Karl Loxbo. „Natürlich gab es vorher schon migrationskritische Menschen, aber der Erfolg der SD hat diese Meinung weiter normalisiert. Heutzutage ist es viel akzeptabler, diese Ansichten auszudrücken.“
Auf die oppositionellen Sozialdemokraten konnte sich Kristerssons Rechtsbündnis bei der Neuordnung des Landes oft verlassen, Untersuchungen der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ zufolge stimmten sie bei 70 Prozent aller Gesetze zu Migration oder Kriminalität mit der Regierung.
Zwischen Stockholm und Göteborg scheint das kaum gut anzukommen: Je nach Umfrage könnten die Sozialdemokraten womöglich ihr schlechtestes Wahlergebnis seit fast 100 Jahren einfahren. Und auch die rechten Schwedendemokraten steuern erstmals in ihrer Geschichte bei einer Reichstagswahl auf eine Niederlage zu.