Schwerster Börsencrash seit Finanzkrise soll anstehen
Die wichtigsten Eckpunkte
Stratege sieht Jahresendziel von 5.000 Punkten für S&P 500 im Jahr 2027, Abwärtspotenzial von 36 %.
Steigende Kreditkosten sollen KI-Investitionen zum Erliegen bringen.
Freie Cashflows der Hyperscaler seien weitgehend aufgebraucht.
Marktblick auf Tech-Gewinne rechtfertige jeden makroökonomischen, kreditbezogenen oder sonstigen Gegenwind.
Wenn alle vor dem Börsencrash warnen, kommt er nicht. Wenn alle euphorisch sind, dann kommt der Crash. So leicht vereinfacht darf man es basierend auf Erfahrungen ausdrücken? Zuletzt warnen recht viele Analysten und Marktstrategen von Banken vor einem Platzen der KI-Blase. Börsencrash voraus, oder doch eher nicht? Aktuell gibt es eine neue mahnende Stimme, die das Ende des Booms und massive Kursverluste für 2027 oder 2028 prognostiziert.
Börsencrash voraus wegen Ende des KI-Booms
Der Leiter der Marktstrategie bei einer Londoner Investmentbank hat eine eindringliche Warnung für Anleger: Der KI-Boom könnte bald vorbei sein, was den schwersten Börsencrash seit der globalen Finanzkrise auslösen könnte. Aktien sind in diesem Jahr weltweit auf Rekordhöhen gestiegen, was zum Teil auf den Optimismus hinsichtlich der steigenden Ausgaben für KI-Infrastruktur zurückzuführen ist. Joachim Klement von Panmure Liberum sagt aktuell laut Bloomberg jedoch, sein Basisszenario gehe davon aus, dass dieser Trend bereits 2027 zusammenbrechen und die Aktienkurse stark nach unten treiben werde.
„Meine zentrale Überzeugung ist, dass die KI-Blase entweder 2027 oder 2028 platzen wird, also irgendwann in den nächsten zwei Jahren“, sagte Klement in einem Interview. Die freien Cashflows der Hyperscaler seien weitgehend aufgebraucht, während die Kreditkosten rapide stiegen und für diese Unternehmen unerschwinglich würden, erklärte er.
Klements Jahresendziel von 5.000 Punkten für den S&P 500 im Jahr 2027 impliziert ein Abwärtspotenzial von 36 % gegenüber dem aktuellen Niveau (also ein echter Börsencrash). Das ist mit Abstand die pessimistischste Prognose unter sieben weiteren von Bloomberg befragten Strategen, die im Durchschnitt mit einem potenziellen Aufwärtspotenzial von 14 % rechnen. Klement sieht den europäischen Stoxx Europe 600 auf 430 Punkte fallen, was mehr als 30 % unter dem aktuellen Niveau liegt.
Deutlicher Sinneswandel für S&P 500
Der Stratege, der seine Karriere vor mehr als zwei Jahrzehnten bei der UBS begann, gehört zu den Ersten, die ein Ende der aktuellen Hausse an den Aktienmärkten prognostizieren. Noch Mitte September ging er davon aus, dass der S&P 500 bis Ende nächsten Jahres 8.300 Punkte erreichen würde.
Sein Sinneswandel hin zum Börsencrash-Szenario spiegelt die Sorge wider, dass die hartnäckige Inflation und ein damit verbundener Anstieg der Kreditkosten zur Finanzierung von Investitionen den Boom bei der KI-bezogenen Infrastruktur zum Erliegen bringen könnten. Dies deckt sich mit einer Warnung, die Rohit Sipahimalani, Chief Investment Officer bei Temasek International, diese Woche aussprach: Eine Umkehr des KI-Trends sei ein zentrales Risiko für die globalen Märkte.
KI-Investitionen verdoppeln sich
Die Investitionen der Hyperscaler in Rechenzentren könnten sich 2026 gegenüber dem Vorjahresniveau auf 713 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln, so Schätzungen von Bloomberg Intelligence. Diese Zahl dürfte im nächsten Jahr weiter steigen, wenn auch langsamer, und hat viele der Prognosen für die erwarteten Gewinne US-amerikanischer Technologieunternehmen untermauert.
„Es ist eine Situation, in der sich die Leute nur auf eine einzige Sache konzentrieren, nämlich auf Gewinne und insbesondere auf Gewinne im Technologiesektor“, sagte Klement. „Und sie rechtfertigen damit jeden makroökonomischen, kreditbezogenen oder sonstigen Gegenwind, den man sich nur vorstellen kann.“
Strategen der Citigroup erklärten diese Woche, dass solide Gewinne im Jahr 2027 trotz höherer Zinsen und geopolitischer Risiken weitere Kursgewinne bei globalen Aktien stützen könnten.
Warnung vor Absturz in 6 bis 9 Monaten
Klement räumt ein, dass seine pessimistische Prognose (für einen Börsencrash) möglicherweise verfrüht ist, und er bleibt bis Ende 2026 der optimistischste unter den von Bloomberg beobachteten Strategen für den Stoxx 600, wobei er Kursgewinne von etwa 10 % für den regionalen Leitindex prognostiziert. „Ich mache den Leuten heute schon Sorgen wegen etwas, das meiner Meinung nach erst in sechs bis neun Monaten passieren könnte“, sagte er. Anstatt seinen Kunden zu raten, jetzt zu verkaufen, empfiehlt der Stratege ihnen, Notfallpläne und Timing-Instrumente zu entwickeln, die dabei helfen würden, den Beginn eines Crashs zu erkennen.
Zeitpunkt für Notfallpläne
Seine wichtigste Empfehlung lautet, „vollständig auf defensive Werte umzuschwenken“, sobald der S&P 500 unter den gleitenden 200-Tage-Durchschnitt des Index fällt – ein technischer Indikator, der den Schlusskurs des Index mittelt, um langfristige Markttrends zu erkennen. In einem solchen Fall plädiert er für extrem defensive Sektoren, darunter Lebensmittel-, Tabak- und Pharmaaktien. „Ich sage den Leuten, dass jetzt die Zeit ist, sich vorzubereiten“, so Klement. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Notfallpläne für den Fall zu erstellen, dass der Markt in eine Baissephase eintritt.“
FMW/Bloomberg
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Capital Markets Redakteur
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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