Sechs Perspektiven: Was hält die junge Generation vom Ringen um die Rente mit 63?
Mehrere Ministerpräsidenten stellen die von der Rentenkommission empfohlene Abschaffung der abschlagsfreien Frührente infrage. Seit Tagen streiten insbesondere Spitzenpolitiker, Ökonomen sowie Arbeitgebervertreter über die Zukunft der sogenannten Rente mit 63. Die junge Generation muss dabei allenfalls zur Begründung der jeweils eigenen Forderung herhalten. Ihre Perspektive kommt dabei bisher häufig zu kurz. Der Tagesspiegel hat die Vertreter der großen Jugendverbände gefragt, was sie von einem möglichen Aufschnüren des Rentenpakets und dem Festhalten an der abschlagsfreien Frührente halten. Und ob das Paket aus ihrer Sicht generationengerecht ist. Geantwortet haben die Nachwuchsorganisationen von CDU/CSU, Grünen, SPD und Linken – die Junge Union, die Grüne Jugend, die Jusos und die Linksjugend. Außerdem die DGB-Jugend sowie der Deutsche Bundesjugendring, der mehr als 50 weitere Jugendverbände vertritt. „Ich halte nichts davon, jetzt einzelne Maßnahmen wie die Rente mit 63 aus dem Rentenpaket herauszugreifen und infrage zu stellen. Wir haben uns bewusst auf ein Gesamtpaket verständigt, bei dem die verschiedenen Maßnahmen ineinandergreifen und jede Generation ihren Teil trägt. Wer jetzt einzelne Bestandteile des Pakets wieder aufschnüren will, muss deshalb auch erklären, wie die dadurch entstehenden Lücken geschlossen werden sollen. Die Antwort darauf kann jedenfalls nicht sein, die Rechnung am Ende einseitig der jungen Generation zu präsentieren. Wir haben es geschafft, eine Reform auf den Weg zu bringen, um die jahrzehntelang gerungen wurde. Jetzt sollten wir zu diesem Gesamtpaket stehen und alles daransetzen, es schnellstmöglich im Bundestag zu verabschieden.“ „Wir brauchen eine Rentenreform, um die Rente für meine Generation langfristig zu sichern. Wer die Rentenfrage jedoch einzig auf einen Generationenkonflikt reduziert, ignoriert tiefgreifende Verteilungsfragen. Wir haben kein Interesse daran, dass unsere Großeltern noch länger arbeiten und trotzdem Pfandflaschen sammeln müssen. In der Debatte müssen zudem ostdeutsche Lebensrealitäten in den Fokus rücken. Rentner*innen im Osten finanzieren ihr Leben zu 90 Prozent über die gesetzliche Rentenversicherung. Dabei zahlen sie im Schnitt 40 Jahre in die Rentenkasse ein, während Menschen in Westdeutschland nur 34 Jahre einzahlen. Insbesondere nach 2031. Wer viel verdient und damit mehr Möglichkeiten zur privaten Vorsorge hat, muss nicht im gleichen Maße zusätzliche Rentenansprüche aufbauen wie Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen. Das Äquivalenzprinzip (wonach man eine höhere Rente erhält, wenn man länger oder höhere Beiträge einzahlt, Anm. d. Red.) gehört abgeflacht, um die Rente sozial gerecht für die nächsten Generationen zu stabilisieren, ohne dass Menschen, die bereits viele Jahrzehnte gearbeitet und eingezahlt haben, die Last tragen und noch länger arbeiten müssen.” „Wir haben die Ergebnisse der Rentenkommission bereits kritisiert, als sie vorgestellt wurden. Dass jetzt auch innerhalb der Union deutlicher Widerstand sichtbar wird, zeigt: Der Weg zum Beschluss wird für dieses Paket nicht so glatt verlaufen, wie sich Friedrich Merz das offenbar vorgestellt hat. Wenn das dazu führt, dass am Ende nachgebessert wird, ist das grundsätzlich zu begrüßen. Aus unserer Perspektive wäre es gerecht, das Renteneintrittsalter an die Lebensarbeitszeit zu koppeln statt an die allgemeine Lebenserwartung. Wer mit 16 Jahren anfängt, auf dem Bau oder in der Pflege zu arbeiten, und Jahrzehnte in diesem Job harte und wichtige Arbeit leistet, sollte nach 45 Jahren in Rente gehen können. Wer bis 30 studiert und anschließend ohne körperliche Arbeit gut Geld verdient, kann nach einer angemessenen Anzahl an Arbeitsjahren in Rente gehen. Das schützt diejenigen, die bei der härtesten Arbeit die geringste Lebenserwartung haben, und genau darum sollte es bei dieser Reform gehen.“ „Wer ein Leben lang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, muss eine sichere Rente bekommen. Deshalb lehnen wir Einschränkungen beim früheren Renteneintritt ab. Gerade Menschen, die jahrzehntelang körperlich oder psychisch hart gearbeitet haben, müssen die Möglichkeit haben, ohne Abschläge in Rente zu gehen. Denn die Realität vieler Beschäftigter sieht anders aus als die von Berufspolitiker*innen. Generationengerechtigkeit heißt nicht, Jung gegen Alt auszuspielen. Eine starke gesetzliche Rente ist für alle wichtig: heute und in Zukunft. Der wahre Konflikt besteht nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen den Überreichen und jenen, die für ihre Profite ausgebeutet werden.“ „Wer sein Leben lang geschuftet hat, verdient danach eine Rente, von der man wirklich leben kann. Das Rentenniveau zu stabilisieren und anzuheben, ist deshalb richtig. Das Rentenalter weiter hochzuschrauben, lehnen wir ab. Viele schaffen es schon heute nicht, gesund bis 67 durchzuhalten – vor allem die, die körperlich hart arbeiten. Es geht hier eben nicht nur um Mathematik, sondern auch um Gerechtigkeit: Wer 45 Jahre Beiträge gezahlt hat, hat sich das Recht verdient, früher aufzuhören. Die Rente mit 63 zu streichen, wäre einfach ungerecht denen gegenüber, die dieses Land jahrzehntelang am Laufen gehalten haben. Immer wieder wird die gesetzliche Rente von den immer gleichen Expert*innen mit dem Hinweis auf einen vermeintlichen Generationenkonflikt infrage gestellt – zum Wohl der Jugend, heißt es. Wer das tut, trifft aber vor allem uns junge Menschen. Wir Jungen sind dann nämlich die, die länger arbeiten und mehr Beiträge zahlen müssten. Dafür bekämen wir dann auch kürzer, somit weniger Rente. Für junge Menschen ist ein höheres Rentenalter ein ganz schlechtes Geschäft, wenn man keine reichen Eltern hat oder im Lotto gewinnt!“ „Die Alterssicherungskommission legt wichtige Ansätze vor, bleibt bei der entscheidenden Frage aber zu vorsichtig: Wer trägt die Kosten einer verlässlichen Rente? Eine Erwerbstätigenversicherung (in sie würden nicht nur abhängig Beschäftigte, sondern auch Selbstständige, Beamte und Politiker einzahlen, Anm. d. Red.) darf kein fernes Leitbild bleiben, und längeres Arbeiten kann keine pauschale Antwort auf den demografischen Wandel sein. Denn die Konflikte bestehen nicht – anders als vielfach dargestellt wird – primär zwischen jungen und älteren Menschen. Sie haben ihre Ursache vielmehr in der ungleichen Verteilung von Wohlstand und Einkommen. Eine Lösung muss daher vor allem auf einer Stärkung der Verteilungsgerechtigkeit basieren. Nur so lassen sich Lebensstandards sichern und Altersarmut wirklich bekämpfen. Echte Generationengerechtigkeit erfordert eine solidarische Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung. Denn junge Menschen brauchen beides: Beiträge, die sie heute tragen können, und eine Rente, auf die sie morgen vertrauen können.“