Seed phrases leicht zu erraten: Kryptodiebe leeren Offline-Wallets
Inhaltsverzeichnis „Don’t trust – verify‟, rät das kanadische Unternehmen Coinkite. Es verkauft unter anderem Hardware-Wallets namens Coldcard zur Aufbewahrung von Bitcoin ohne Verbindung zum Internet, bekannt als cold storage. Das hat den Ruf besonderer Sicherheit, weil der Zugriff auf das virtuelle Portemonnaie aus der Distanz fast unmöglich ist, wenn es keine Internetverbindung hat. Dennoch können sich Dritte an den Beständen bedienen: Sie haben bislang Bitcoin im Gesamtwert von über 75 Millionen Euro aus tausenden Coldcards entwendet, obwohl diese offline sind. Weiterlesen nach der Anzeige Das ist keine Hexerei, sondern liegt daran, dass das Um und Auf zur sicheren Verwahrung von Bitcoin der private Schlüssel des Wallets ist. Wer den Schlüssel verliert, verliert auch seine Bitcoin – es sei denn, er kennt die seed phrase noch. Denn wer die seed phrase kennt, kann den privaten Schlüssel nachbauen. Es handelt sich um relativ leicht zu merkende Folgen von zwölf bis 24 englischen Wörtern. Für die Erzeugung einer schwer zu erratenden seed phrase sind gute Zufallszahlen notwendig. Entsprechend verfügt jede Coldcard über einen Zufallszahlengenerator in Form eines speziellen Chips. Zufallsgenerator ignoriert Aus unbekannten Gründen umgeht die ab März 2021 genutzte Firmware der Coldcards diesen Hardware-Zufallszahlengenerator jedoch, wie eine Analyse der Firma Block ergeben hat. Lediglich die fix vergebene Seriennummer, die verstrichene Zeit und der Aufrufverlauf dienen als Eingabe, mit dem Ergebnis, dass die seed phrase direkt berechenbar wird. Bei manchen jüngeren Versionen des Produkts weicht zwar eines der Wörter ab, doch mehr als 2^32 Möglichkeiten gibt es auch dann nicht. Genau das nutzen der oder die Diebe aus. Sie gehen systematisch vor, womöglich mit Unterstützung eines großen Sprachmodells, bauen die privaten Schlüssel nach und übertragen die Bitcoinbestände in eigene Wallets. Entscheidend ist welche Firmware zum Zeitpunkt der Seed-Phrase-Erstellung genutzt wurde, nicht wann das Gerät erworben oder in Betrieb genommen wurde. Jetzt nützt ein Firmware-Update jedenfalls nichts. Die Bitcoinbestände müssen in andere Wallets mit einer anderen seed phrase übertragen werden, bevor die Diebe es tun. Weiterlesen nach der Anzeige Lediglich in Sonderfällen, etwa wenn der Nutzer zusätzlich mindestens 50-mal gewürfelt hat und das Ergebnis bei der Erzeugung der seed phrase eingegeben hat, oder wenn er das Bitcoin Improvement Proposal 39 angewandt hat, ist er laut dem Security Advisory Coinkites auf der sicheren Seite. Das dürfte eine kleine Minderheit jener sein, die sich ein Hardware-Wallet mit Hardware-Zufallszahlengenerator kaufen. Nicht wegschmeißen! Stand Sonntag wurden laut Decrypt aus 4.585 Coldcards insgesamt 1.367 Bitcoin gestohlen. Zum aktuellen Wechselkurs entspricht das rechnerisch mehr als 75 Millionen Euro. Im Durchschnitt geht es also um rund 0,3 Bitcoin pro Coldcard, zirka 16.500 Euro. Ein Kanadier hat berichtet, dass ihm 18,25 Bitcoin entsprechend gut einer Million Euro abgeknöpft worden sind. Coinkite gibt an, den noch nicht verkauften Bestand an Coldcards vernichtet zu haben. Kunden sollen das mit ihren Geräten aber keinesfalls tun, da sie im Falle der Wiederbeschaffung der gestohlenen Bitcoin essenziell wären. „Manche stellen schwierige Fragen über unsere Firma. Wir auch‟, schrieb das Unternehmen am Sonntag. „Unsere Arbeit wird in den kommenden Wochen nicht enden. Wir fangen gerade erst an.‟