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Seegraswiesen in der Ostsee: Hohe Gebühren stoppen Renaturierung

Wissenschaft

Stand: 07.07.2026 15:13 Uhr Seegraswiesen sind wichtig für die Biodiversität und gesunde Meere. Deshalb wollen Ökologen sie nicht nur schützen, sondern auch verschwundene Flächen wiederherstellen. An der Ostsee hat es bereits Anpflanzungen gegeben. In diesem Jahr allerdings macht eine Bundesbehörde Meeresschützern einen Strich durch die Rechnung. von Tomma Schröder Seegraswiesen schützen Klima und Küsten, wirken Überdüngung entgegen und sind ein wichtiger Fischkindergarten. In der schleswig-holsteinischen Ostsee haben ehrenamtliche Taucher der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd im vergangenen Jahr auf einem Hektar Fläche gut 100.000 Seegrassetzlinge gepflanzt. Aufwendig wurden die Pflanzen zuvor aus einer gesunden Spenderwiese in der Geltinger Bucht entnommen. Christine Otto von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd erklärt das Verfahren: "Das ist wie Gärtnern unter Wasser. Die Tauchenden haben eine Schaufel, um in der Spenderwiese einzelne Büschel zu entnehmen." Diese würden am Strand in Kühlboxen gelagert, gezählt, sortiert und schließlich in 50er-Bündel gepackt, die an anderer Stelle wieder ausgepflanzt werden. Behörde erhebt hohe Nutzungsgebühr In diesem Jahr sollten nach Angaben der Organisation zwei bis vier Hektar neue Seegraswiesen entstehen. Doch dann trat bei einem Stakeholder-Meeting die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes auf den Plan, erinnert sich Thorsten Reusch, der als Meeresbiologe und Seegrasexperte vom Kieler GEOMAR die Anpflanzung wissenschaftlich begleitet. "Die haben dann ganz locker erzählt, sie wären der Meinung, dass das so eigentlich nicht weiter ginge, sondern dass wir den Meeresboden nutzen und dass deswegen eine erhebliche Nutzungsgebühr auf alle Nutzer zukommen würde", sagt Reusch. Fünf- bis sechsstellige Beträge hätten plötzlich im Raum gestanden - eine Summe, die kein Umweltverband oder Tauchverein je hätte bezahlen können. GEOMAR: "Stellen natürlichen Umweltzustand wieder her" Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung verweist auf die Bundeshaushaltsordnung und das Bürgerliche Gesetzbuch, in dem ein Nutzungsentgelt geregelt sei - ganz gleich, ob ehrenamtlich oder unternehmerisch tätige Personen den Meeresboden nutzen würden. Außerdem sei ein privatrechtlicher Vertrag abzuschließen. "Bei diesen Verträgen geht es im Wesentlichen um Verantwortlichkeit, Haftungsfragen, Umfang und Zeitraum der Nutzung, Kündigungsmodalitäten und um das Entgelt. Die Höhe des Entgelts richtet sich nach den Vorgaben der Bundeshaushaltsordnung", schreibt das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Eine Argumentation, die GEOMAR-Forscher Reusch nicht nachvollziehen kann. "Wir haben vehement dagegen argumentiert. Das kann ja nicht sein, weil wir einen gewünschten, guten natürlichen Umweltzustand durch Renaturierung wiederherstellen. Wir bringen mit hoher Wahrscheinlichkeit Seegraswiesen wieder dort hin, wo sie verloren gegangen sind", argumentiert Reusch. Mittlerweile gäbe es ja auch andere Gesetze, die sogar zwingend vorschreiben, dass Bund und Länder einen guten Umweltzustand wiederherstellen müssen, sagt Reusch. Taucherinnen und Taucher sind frustriert Doch weder das EU-Renaturierungsgesetz noch die Argumente der Verbände und Forscher konnten die Behörde bisher umstimmen. Für Noelle Lampe vom Verein "Just One Ocean Diver" mehr als ärgerlich: "Besonders bitter dabei ist, dass sich fast 130 freiwillige Taucher angemeldet hatten, die beim Seegraspflanzen mithelfen wollten - das fällt jetzt alles weg", resümiert Lampe. Und auch Christine Otto von der Organisation Sea Shepherd meint: "Unsere ehrenamtlichen Taucher und Taucherinnen waren sehr frustriert, weil sie sich lange darauf eingestellt haben, dass sie dieses Jahr Seegras anpflanzen können. Die haben sich dafür Urlaub genommen, haben dafür Absprachen mit ihren Arbeitgebern getroffen." Deswegen sei der Frust von allen Seiten spürbar. Gespräche mit Ministerien ziehen sich hin Denn was die Taucher, Meeresschützer und Forscher nur zu genau wissen: Die Renaturierungsmaßnahme ist eines der wenigen Mittel, das den belasteten Ökosystemen in der Ostsee etwas Luft verschaffen könnte. Die Zeit dafür drängt. Bis August könnte noch gepflanzt werden. Doch obwohl das Bundesumweltministerium schrieb, das Ganze zügig und unbürokratisch im Sinne des Naturschutzes lösen zu wollen, ziehen sich die Gespräche mit dem ebenfalls beteiligten Verkehrsministerium immer weiter hin. Und deshalb könnte dieses Jahr für die bürgerforschungsbasierte Renaturierung ein verlorenes Jahr sein.

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