Seine Arbeit mit einem Schnitzel könnte vielen Frauen helfen
Brrr. Grau, feucht und kalt ist es an diesem Montagmorgen in Tuttlingen. Ein Wetter zum Davonlaufen? Nicht für Soheil Pilehvar. „Ich mag das“, sagt der 38-Jährige und lacht. Das feuchtkühle Wetter empfindet er als wohltuenden Ausgleich zu seinem impulsiven Naturell. An Herausforderungen mangelt es dem Wissenschaftler ohnehin nicht: Er forscht an neuen Materialien für die Medizin, arbeitet an seiner Doktorarbeit und ist Familienvater. Langweilig wird ihm so schnell nicht.
Seit dreieinhalb Jahren lebt Pilehvar mit seiner Frau in Tuttlingen. Beide stammen aus dem Iran, er aus der Millionenstadt Teheran. Über Berlin führte sein Weg schließlich in die schwäbische Kleinstadt. „Anfangs war es fast ein wenig langweilig“, erinnert er sich an den Kulturschock. Inzwischen ist Tuttlingen für die kleine Familie Heimat geworden. Ihr zweijähriger Sohn hat die Rangordnung zu Hause ohnehin längst geklärt. „Er ist der eigentliche Chef“, sagt Pilehvar lachend.
Doch beruflich ist seine Zukunft in der Region offen. Zum Jahresende läuft sein Vertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Furtwangen aus, ein Anschlussprojekt ist bislang nicht vorgesehen. Seine Promotion will er in den kommenden ein, zwei Semestern abschließen. „Wir würden gerne hierbleiben“, so der Doktorand.
Seine Frau, eine promovierte Historikerin, arbeitet als Zusatzkraft in einer Tuttlinger Kita. Ob die Familie bleiben kann, hängt auch davon ab, ob er eine passende Stelle findet. Mit seiner Expertise bewegt er sich in einem Forschungsfeld, in dem große Unternehmen nach neuen Lösungen suchen.
Ein Schnitzel als Versuchsfeld
Wie seine Arbeit aussieht, lässt sich an einem ungewöhnlichen Forschungsobjekt zeigen: einem Putenschnitzel. Pilehvar nutzt das Fleisch, um zu testen, wie gut sich neu entwickelte Gewebemarker im Ultraschall erkennen lassen. Dazu steckt er kleine Materialproben in das Fleisch – eine Art Simulation des späteren Einsatzes im menschlichen Körper.
Das Forschungsprojekt am Campus Tuttlingen der Hochschule Furtwangen unter Leitung von Professor Mozaffari verfolgt ein konkretes medizinisches Ziel: Bei Brustkrebspatientinnen soll die Lage eines Tumors so markiert werden können, dass Ärzte ihn bei Ultraschalluntersuchungen leichter wiederfinden, etwa während einer Operation.
Bislang kommt dafür unter anderem ein Draht zum Einsatz, der in die Brust eingeführt wird und schmerzhaft sein kann. Ein winziges Materialteilchen könnte diese Methode eines Tages ersetzen und den Eingriff für die Patientinnen schonender machen.
Dafür setzt das Team auf einen ungewöhnlichen Ansatz: Winzige Glaskügelchen werden in einen Kunststoff eingebunden, der sich im 3D-Druckverfahren verarbeiten lässt. Pilehvar untersucht unterschiedliche Materialzusammensetzungen und Herstellungsverfahren. Die vielversprechenden Ergebnisse sollen nun in einem nächsten Schritt in der klinischen Anwendung getestet werden.
An der Forschungsarbeit ist auch Pilehvars Kollege Rashid Heidari beteiligt. Gemeinsam haben die beiden mehrere wissenschaftliche Fachartikel veröffentlicht. „Hier hat die Forschungsgruppe sehr vielversprechende Ergebnisse gewinnen können“, sagt Anja Bieber, Pressesprecherin der Hochschule Furtwangen. Für ein Anschlussprojekt konnte bislang allerdings noch keine Förderung erreicht werden.
Kunststoffe sind sein Hobby
Dass Pilehvar ausgerechnet an solchen Materialien forscht, ist kein Zufall. „Auch wenn es komisch klingt, Polymere sind mein Hobby“, sagt er. Polymere sind Kunststoffe, deren Eigenschaften sich durch die Kombination verschiedener Bausteine gezielt verändern lassen. Das macht sie für die Medizintechnik interessant – und für den 38-Jährigen so faszinierend.
Seine Ausbildung begann im Iran. Dort studierte er Polymertechnik und Verbundwerkstoffe. Als Ingenieur für eine iranische Unternehmensgruppe sammelte er Erfahrungen in Forschung und Entwicklung, unter anderem in China und Europa. Deutschland interessierte ihn besonders.
So wurde er auf Professor Hadi Mozaffari Jovein aufmerksam, den Leiter des Instituts für Werkstoffe und Anwendungstechnik am Campus Tuttlingen. Bis aus der ersten fachlichen Verbindung eine Zusammenarbeit wurde, dauerte es allerdings: Zunächst lebte Pilehvar fünf Jahre in Berlin, bevor er nach Tuttlingen wechseln konnte.
Seine wissenschaftlichen Interessen reichen über das Gewebemarker-Projekt hinaus. In seiner Promotion, die in Kooperation mit dem Institut für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg entsteht, beschäftigt er sich auch mit Implantaten für die Bandscheibe und das Becken. Daneben entwickelt er sein eigenes Start-up weiter, das sich mit Nanofasern beschäftigt. Dafür erhielt er 7500 Euro Kickstart-Förderung aus dem Gründerprogramm der Hochschule Furtwangen.
Fehler bringen ihn weiter
Wie bekommt man all diese Aufgaben unter einen Hut? Pilehvar probiert aus, vergleicht, verwirft und entwickelt weiter. „Auch ein falsches Ergebnis ist ein Ergebnis, das uns weiterbringt“, sagt er. Entscheidend sei, wissenschaftliche Gründlichkeit mit Tempo zu verbinden. Schließlich schlafe die internationale Konkurrenz nicht.
Dass er gerne über Fachgrenzen hinweg denkt, passt zu seiner Persönlichkeit. In Deutschland hat er eine Redensart gelernt, die seinen Alltag treffend beschreibt: „Über den eigenen Tellerrand hinausschauen.“ Für ihn eine vertraute Art zu arbeiten. Im Iran sei es durchaus üblich, sich nicht nur auf eine Sache zu konzentrieren.
Nach dem geplanten Abschluss des Projekts und seiner Promotion möchte er sich neuen beruflichen und wissenschaftlichen Herausforderungen widmen. „Entscheidend ist für mich, dass ich mich weiterhin spannenden und anspruchsvollen Herausforderungen stellen kann.“