Seit 1989 nicht gespielt: Nick Cave überrascht seine alte Heimat Berlin mit einem 40 Jahre alten Song
Es ist ein alter Trick des Pop-Philosophen Slavoj Žižek, seine Vorträge fünf Minuten früher zu beginnen als angekündigt: Die Zuspätkommer fühlten sich schuldig und seien ihm automatisch gewogen. Dass Nick Cave und The Bad Seeds die Waldbühne deshalb schon um fünf vor halb acht stürmen, ist unwahrscheinlich – gewogen ist dem Mann, der sein Publikum früher auch mal beschimpfte, längst jeder, gerade in seiner alten Heimat. Wahrscheinlicher ist es da schon, dass er eine Verabredung mit seinem Berliner Weggefährten Blixa Bargeld hat, um das WM-Spiel Frankreich–Schweden zu gucken. So mancher rätselte ja, ob es vielleicht einen Gastauftritt von Bargeld geben würde. Gab er nicht – genauso wenig wie den Hit „Where the Wild Roses Grow“, Caves skandalumwittertes Mörderballaden-Duett mit Kylie Minogue, bei dem Bargeld übrigens das Demo eingesungen hatte. Das war es dann aber schon mit den Enttäuschungen an diesem Abend. Ein Rockstar im dunkelblauen Dreiteiler Nach einem Rock-‚n‘-Roll-Kung-Fu-Kick in die Abendluft startet der Vollgas-Opener „Get Ready for Love“. Cave, schlaksig wie eh und je und in einem dunkelblauen Dreiteiler gekleidet, joggt bei den meisten Songs über die Bühne, springt jeden Schlussakkord ein, wirft sich wie ein evangelikaler Prediger in die Hände seiner Fans, nur um im nächsten Moment die Treppe hoch zu Band und Klavier zu sprinten. Die Hitze kann dem 68-Jährigen offenbar genauso wenig anhaben wie sein Alter. Er habe keine Definition von Jazz, man erkenne ihn aber, wenn man ihn höre, hat die Jazz-Legende Thelonious Monk einmal gesagt. Für einen Rockstar gilt etwas ähnliches. Wer Nick Cave sieht, weiß es einfach: Hier steht einer, vielleicht einer der größten, die es je gab. Neben Cave muss man hier aber auch Warren Ellis erwähnen, den Bandleader der Bad Seeds: eine bärtige Urmacht, die ihre Geige fast zerbricht, wenn sie ihre ekstatischen Soli auf einem Stuhl stehend in die Berliner Abendluft kreischt. Von Melbourne über London nach Berlin Cave und Berlin, das ist eine besondere Beziehung. Mit der Skandalband The Birthday Party, gegründet nach abgebrochenem Kunststudium in Melbourne, zog er 1980 nach London, gelockt von der Szene, die ihm das britische Musikblatt NME versprochen hatte. Angekommen ist er dort nie: „shoegazing bullshit“ sei das gewesen, sollte er später spotten. Entscheidend war 1982 der Umzug ins abgerockte West-Berlin. In der Mauerstadt schmiedete er aus Mitstreitern wie Mick Harvey und eben Blixa Bargeld seine ewige Begleitband The Bad Seeds, im Zentrum einer kleinen, lauten Post-Punk-Gruftie-Szene. Berlin, seiner „City of Refuge“, widmete er an diesem Abend in der Waldbühne „The Weeping Song“, den er, wie er sagt, in und über diese Stadt geschrieben habe. Ansonsten verzahnt die Setlist treibende Klassiker und bedrohliche Fan-Favoriten: „Tupelo“, „The Mercy Seat“, „Red Right Hand“, „Papa Won't Leave You, Henry“. Die Setlist-Sensation des Abends heißt aber „Train Long-Suffering“. Den dreckigen Blues-Punk-Cut vom 1985er-Album „The Firstborn Is Dead“ hatte die Band seit 1989 nicht mehr gespielt – seit fast vierzig Jahren! Dass und wie Cave ihn ausgräbt, zeigt, wie weit der Weg führte: Wo einst roher Post-Punk lärmte, macht heute ein souliger Background-Chor den Song zu einem wuchtigen Call-and-Response-Gospel. Mal Prediger, mal Bänkelsänger - immer mit Humor Auch Humor legt Cave an den Tag: „O Children“ kündigt er als „very beautiful song from the midphase of Nick Cave“ an, den Song „Carnage“ als „very, very, very good and sad song“, bei dem man unbedingt ein Taschentuch brauche. Ansonsten spricht er wenig zwischen den Liedern – und erzählt umso mehr in und mit ihnen. Mal ist Cave Prediger, mal düsterer Bänkelsänger, immer findet er im Banalen das Göttlichen und im Göttlichen das Banale, ohne dabei je aus der Rolle des Rockstars zu fallen. Seine Balladen kippen vom tiefsten Schmerz in höchste Euphorie und zurück. Dazu eine Wärme, die man dem früheren Heroinabhängigen und Birthday-Sänger einer der gewalttätigsten Livebands ihrer Zeit kaum zugetraut hätte. Singt und predigt er nicht, gibt es gerne mal ein „yeah yeah yeah“ in Richtung Publikum — oder ein herausforderndes „fuckin' Berlin!“ Als Nick Cave 1982 ein Berliner war: „400 D-Mark Miete für 250 Quadratmeter, mit Proberaum im Keller“ Das fast vierzehnminütige „Hollywood“, ein Trauerstück über die Allgegenwart des Verlusts, erzählt als die buddhistischen Parabel der Kisa Gotami, beschließt das Hauptset, was eine mutige Entscheidung ist. Ganz am Ende, nach zweieinhalb Stunden vollen Körpereinsatzes, sitzt Cave dann allein am Flügel – und spielt „Into My Arms“ als vierte und letzte Zugabe. Die Band ist da bereits irgendwo im Backstagebereich verschwunden. Umso lauter singt dafür die ganze Waldbühne mit. Wer da keine Gänsehaut bekam, mit dem ist etwas, pardon my english, fucking falsch. Lesen Sie mehr zum Thema