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Selenski wirft Trump schwere Fehler vor

Welt

Seit einer Woche wird das Verhältnis zwischen den Präsidenten der USA und der Ukraine mit jedem Tag frostiger. Zum Entsetzen von Wolodimir Selenski hat Donald Trump nicht nur eine Vereinbarung mit Russland über Diesellieferungen getroffen und ultimativ ein Ende der ukrainischen Angriffe auf russische Erdölraffinerien verlangt. Trump hat den Ukrainern auch unverblümt geraten, Selenski loszuwerden.

Direkte Auswirkungen auf das Kriegsgeschehen zeigte die Krise Mitte dieser Woche, als die ukrainische Armee plötzlich eine Beschränkung ihres Zugangs zum amerikanischen Satellitennetzwerk Starlink feststellte. Ominös wirkte zudem, dass die USA entgegen ihrer früheren Praxis zweimal hintereinander keine Warnungen über russische Raketenstarts nach Kiew weiterleiteten.

Selenski gab dem Druck zunächst nach, wie er das schon nach seinem denkwürdigen Wortgefecht mit Trump im Oval Office vor anderthalb Jahren getan hatte. Um Trumps Gunst zurückzugewinnen, legte er damals eine demonstrative Unterwürfigkeit an den Tag. Doch diesmal wählte Selenski eine andere Taktik. Den von Washington geforderten «Energie-Waffenstillstand» hielt er nur drei Tage lang ein, von Montag bis Mittwoch. Nachdem Russland in diesem Zeitraum unbeirrt ukrainische Kraftwerke und andere Energieanlagen angegriffen hatte, gab Selenski den Gegenbefehl. «Das war’s, der Unterbruch ist vorbei», sagte er in einem Interview mit der «Financial Times».

Vorgänge um Starlink bleiben mysteriös

Bereits am Donnerstag schlugen ukrainische Drohnen wieder auf dem Gelände einer russischen Erdölraffinerie ein, diesmal in Rjasan, wie der örtliche Gouverneur meldete. Die USA haben sich bisher nicht zur Wiederaufnahme der ukrainischen Angriffe geäussert. Ohnehin wirkte Washington in den letzten Tagen etwas sprachlos: Für die kontroverse Einschränkung von Starlink wollte bisher niemand geradestehen.

Elon Musk, dessen Konzern SpaceX das Satellitennetzwerk betreibt, verwies auf das Pentagon und das Weisse Haus. Er argumentierte, dass die Beschränkung nicht die zivile Version von Starlink betreffe, sondern die militärische Version Starshield. Diese stehe unter Kontrolle der amerikanischen Regierung. Die Entscheidung müsse deshalb dort gefallen sein, letztlich beim Präsidenten. Im Weissen Haus gab man sich jedoch unwissend und zeigte mit dem Finger zurück auf SpaceX. Weil auch das Pentagon schweigt, verlangt nun der Trump-kritische republikanische Senator Thom Tillis eine Untersuchung über die Hintergründe der Entscheidung.

Die Wellen haben sich insofern etwas beruhigt, als Starlink beziehungsweise Starshield seit dem Donnerstag offenbar wieder fast vollumfänglich funktionieren. Wie ukrainische Medien unter Berufung auf Militärquellen berichteten, können Drohnen mit Starlink-Terminals wieder bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnell fliegen, ohne dass das Internet ausfällt. Am Mittwoch waren solche Unterbrüche offenbar schon bei wesentlich langsameren Geschwindigkeiten erfolgt. Die Ukrainer nutzen Starlink unter anderem zur Steuerung ihrer Mittelstrecken-Drohnen, die Jagd auf russische Militärtransporte in den besetzten Gebieten machen.

Allerdings ist die Beschränkung auf 160 Kilometer pro Stunde noch immer einschneidend. Abfangdrohnen zur Bekämpfung russischer Fluggeräte müssen mit wesentlich höheren Geschwindigkeiten fliegen.

«Wie kann er mit Putin befreundet sein?»

Selenski kritisierte die Einschränkung von Starlink im Interview mit der «Financial Times» als sehr schweren Fehler. Er legte dar, dass er sich von den Amerikanern das Gegenteil erhofft habe, nämlich einen erweiterten Starlink-Zugang für das ukrainische Militär – konkret für Drohnenflüge nach Russland. So liessen sich die russischen Aggressoren noch wirkungsvoller bekämpfen.

Selenski zeigte aber auch auf andere Weise seine Frustration. In einem Interview mit dem britischen Moderator Piers Morgan bekannte er, dass er sich von der amerikanischen Führung verraten fühle. Gegenüber der «Financial Times» prangerte er zudem Trumps Bewunderung für autoritäre Staatschefs wie Putin an. «Wie kann er mit ihm befreundet sein?» Er unterstellte dem amerikanischen Präsidenten, vor allem an Geschäften mit Moskau interessiert zu sein – ungeachtet dessen, dass es für die Ukrainer ums nackte Überleben gehe.

Bewusst oder unabsichtlich mischte sich Selenski damit auch in den amerikanischen Wahlkampf ein. Drei Wochen vor der Entscheidung über die künftigen Machtverhältnisse im Kongress wirkte seine präzedenzlose Kritik wie ein Appell an die amerikanische Öffentlichkeit, für einen anderen aussenpolitischen Kurs einzustehen. Trump steht zwar nicht zur Wahl, aber er kann die Stimmung in der Bevölkerung in der Ukraine-Frage nicht völlig ignorieren. In einer am Mittwoch veröffentlichten Yougov-Umfrage zeigten 57 Prozent der Befragten mehr Sympathie für das angegriffene Land als für Russland; nur 4 Prozent äusserten sich umgekehrt.

Trotzdem geht Selenski mit seinem undiplomatischen Vorgehen ein Risiko ein. Laut verschiedenen Quellen hat die Trump-Regierung gedroht, der Ukraine keine nachrichtendienstlichen Informationen über Russland mehr zu liefern, sollte sie ohne Rücksicht auf den weltweiten Dieselmarkt weiterhin russische Raffinerien angreifen.

Rückhalt bei den Europäern – aber mit Grenzen

Entsprechend sucht Selenski nun verstärkte Rückendeckung bei den Europäern. Bei einem Treffen mit dem britischen Premierminister Andy Burnham in London wurde ihm am Mittwoch die Lieferung weiterer Marschflugkörper des Typs Storm Shadow zugesichert. Am Donnerstag traf Selenski den Nato-Generalsekretär Mark Rutte, und am Freitag ist er zu Gast beim Gipfeltreffen der EU in Brüssel.

Möglicherweise wird Selenski dort den Rat erhalten, im Umgang mit Trump den Bogen nicht zu überspannen. Die europäischen Partner haben die seit 2025 ausgebliebene Militärhilfe der USA an Kiew zwar zum grossen Teil mit eigenen Aufwendungen kompensiert. Aber sie wissen, dass sie die Amerikaner nicht vollständig ersetzen können. Weder existiert ein europäisches Pendant zu Starlink, noch verfügen die EU-Staaten über ähnlich gute Fähigkeiten bei der nachrichtendienstlichen Aufklärung wie die USA.

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