Selenskyj droht zweite Front
Startseite Politik Selenskyjs Albtraum wird wahr: Belarus klar auf Kriegskurs – Ukraine droht zweite Front Von: Karsten-Dirk Hinzmann Uns auf Google folgen Emsiger Bunker-Bau an der Grenze: Trotz Milliarden-Verlockung der Europäischen Union verstrickt sich Lukaschenko tiefer in die Abhängigkeit von Putin. Kiew – „Der Bau der Straßeninfrastruktur und der Lagerbasen für Munition, Treibstoff und Schmierstoffe nähert sich dem Abschluss“, sagt Wolodymyr Selenskyj. Während die Truppen des ukrainischen Präsidenten gegen Wladimir Putin Boden gutmachen, scheint sich eine zweite Front zu eröffnen. Wie der ukrainische Geheimdienst vermutet, schickt sich Belarus an, die Infrastruktur zu schaffen, um sich in den Ukraine-Krieg hineinziehen zu lassen. In Kiew wachsen die Sorgen – Grund genug hätte die ukrainische Regierung. Das behauptet jedenfalls Hanna Liubakova; die Autorin des Thinktanks „Atlantic Council“ ist überzeugt, der Vasall Russlands „bereitet sich im Stillen darauf vor, eine größere Rolle im Ukraine-Krieg Russlands zu spielen“. Allerdings scheint das vornehmlich auf Druck von Wladimir Putin zu geschehen – je stärker die Kräfte seiner Invasionstruppen schwinden, desto bedeutender wird es, die Ukraine in die Zange zu nehmen, vermutet das Wall Street Journal (WSJ). Laut deren Autoren Thomas Grove und Daria Matviichuk möglicherweise sogar gegen den Willen der belarusischen Führung unter dem Diktator Alexander Lukaschenko: „Ein Kriegseintritt stünde im Widerspruch zu Lukaschenkos strategischen Zielen, die offenbar mit einer Verbesserung seiner Beziehungen zum Westen verbunden sind“, zitiert das Blatt Alexander Piroznikow vom Thinktank „East European Strategic Forum“. Balázs Jarábik stilisiert die Situation sogar zum möglichen Showdown in der Region um die Rolle des Platzhirschen. Ukraine-Krieg schwappt auf Belarus über: „Belarus ist kein neutrales und atomwaffenfreies Land mehr.“ Seit 2025 stehe der Kurs auf Konfrontation zwischen der Ukraine und ihrem kleinen Nachbarland, so der Autor des Thinktanks „Carnegie Endowment for Political Peace“. Laut dem Kiyv Independent habe Selenskyjs Regierung aktuell Schützenhilfe der belarusischen Opposition erhalten: eine Liste mit Warnhinweisen, die auf eine baldige militärische Verstrickung des Lukaschenko-Regimes hindeuteten – die ersten Schritte waren schon vorher unternommen worden mit der Stationierung von russischen Raketen in Belarus sowie russisch-belarusischen Manövern auf belarusischem Territorium. „Belarus ist kein neutrales und atomwaffenfreies Land mehr“, laute der Kern des durch die Regimegegner durchgestochenen Papiers, berichtet der Kiyv Independent. „Ich habe ihnen ganz offen gesagt: ‚Leute, sagt Eurem Präsidenten: Wenn er glaubt, er könne so mit uns reden – und uns obendrein noch in einen Krieg hineinziehen –, dann muss er verstehen, dass sich der Charakter des Krieges sofort ändern würde‘“ Selenskyj bereitet dieses erste Säbelrasseln durch den Ausbau der Infrastruktur jenseits des etwas mehr als 1000 Kilometer langen Grenzgebietes aus Sumpf und dichten Wäldern bereits erhebliches Ungemach, wie Ondrej Ditrych klarstellt: Dem Autoren erscheint unerheblich, ob die Infrastruktur zur Täuschung hochgezogen wird oder militärischen Verbänden Bahn bricht: Belarus mutiere zur „Spielfigur in Russlands Kriegsspielen“, so der Autor des „European Institute for Security Studies“, und zwinge die Ukraine zeitnah zur Verlegung von erheblichen Kräften, um gegenüber Belarus Flagge zu zeigen. Ditrych sieht zwar aktuell keine Anzeichen dafür, dass das Lukaschenko-Regime aktiv offensive Anstrengungen unternimmt – allerdings stehe Russland im Verdacht, seine aggressive Expansionspolitik über den Umweg von Belarus in die Ukraine zu tragen zu versuchen. Belarus „als Ausgangspunkt für russische Angriffe könnte jedoch Vergeltungsschläge der Ukraine auslösen“, argumentiert Ondrej Ditrych; mit einer Ausweitung auf ein drittes Land geriete der Ukraine-Krieg in Gefahr, weiter nach Europa auszugreifen. Laut dem Analysten versuche die belarussische Regierung jedoch gegenzusteuern. Er sieht eine Chance für die EU, über Minsk vielleicht doch in den Ukraine-Krieg mildernd einzugreifen. „Unabhängige Umfragen zeigen übereinstimmend, dass eine Mehrheit der Belarussen eine Kriegsteilnahme ablehnt“, schreibt „Atlantic-Council“-Analystin Hanna Liubakova. Ihr zufolge würde demnach militärische Aktivität zur innenpolitischen Krise für Alexander Lukaschenko ausarten – eine weitere Zerreißprobe für die belarusische Regierung seit den Protesten von 2020, die den Diktator beinahe sein Amt gekostet hätten. Putins Vasall: „Der jüngste Streit um die Relaisausrüstung kann daher nicht als Einzelfall betrachtet werden.“ Dessen ungeachtet, gibt sich Lukaschenko gegenüber Selenskyj kämpferisch und rhetorisch bärbeißig, wie Reuters von einer Rede an seine Nation nach einem Treffen mit ukrainischen Offiziellen berichtet: „Ich habe ihnen ganz offen gesagt: ‚Leute, sagt Eurem Präsidenten: Wenn er glaubt, er könne so mit uns reden – und uns obendrein noch in einen Krieg hineinziehen –, dann muss er verstehen, dass sich der Charakter des Krieges sofort ändern würde‘“, so der Diktator laut der Nachrichtenagentur. Lukaschenko bestritt in dem Zusammenhang jegliches Interesse seines Volkes oder seiner Regierung, gegen die Ukrainer zu kämpfen – und will seine Worte dennoch als Warnung an die Ukraine verstanden wissen. Die Spannungen verschärfen sich. Kiew hatte Belarus kürzlich aufgefordert, Relaisstationen an seiner Grenze abzuschalten. Angeblich würden diese den angreifenden russischen Drohnen Orientierung auf ihrem Weg in die Ukraine bieten – Selenskyj hätte sonst interveniert, wie er ankündigte. Belarus scheint diese Drohung ernst genommen zu haben, so die einhellige Berichterstattung; die Relaisstationen gingen letztlich offline oder wurden abgebaut. Neben der wachsenden militärischen Infrastruktur stört Kiew aber auch die mehr oder weniger verdeckte Zuarbeit von Belarus zur russischen Kriegsökonomie: in Form von Munition oder elektronischen Komponenten für Drohnen oder Raketen. „Der jüngste Streit um die Relaisausrüstung kann daher nicht als Einzelfall betrachtet werden. Im Gegenteil, er ist lediglich eine von vielen Manifestationen der verdeckten Rolle von Belarus im russischen Krieg“, so Hanna Liubakova. EU lockt mit drei Milliarden: Das Geld fließt, „sobald Belarus einen demokratischen Übergang einleitet“. Wie der Rat der Europäischen Union noch im Januar 2026 erneut betont hat, stehe die Gemeinschaft an der Seite des belarusischen Volkes – und somit in strikter Opposition zum Lukaschenko-Regime; dessen Wahl im August 2020 negiert die EU, weil sie sie als weder frei noch fair geißelt und Alexander Lukaschenko jegliche demokratische Legitimität abspricht. Im Gegensatz dazu unterbreitet sie dem Potentaten ein verlockendes Angebot: Die EU hat sich im Januar bereit erklärt, „ein Investitionspaket von bis zu drei Milliarden Euro für Belarus zu mobilisieren“, wie sie schreibt. Das Geld fließt, „sobald Belarus einen demokratischen Übergang einleitet“, so der offizielle Wortlaut. Bereits 2023 hatte Minsk diplomatisch mit Warschau angebandelt und fabuliert, dass die Länder ja nun mal Nachbarn und prinzipiell auf Gedeih und Verderb verwoben seien. Das Magazin Cicero hatte dazu gemutmaßt, Lukaschenkos Schmusekurs solle den Grad der Kriegsmüdigkeit in Europa messen. Seit dem Zeitpunkt irrlichtert Lukaschenko zwischen West und Ost umher. Während die EU zu vermeiden sucht, Lukaschenko so zu provozieren, dass der sich gänzlich Russland verschreibt, versucht Lukaschenko den Schein von Autonomie zu wahren, wie er in einem Interview mit dem Sender RT geäußert hat: Belarus sei „ein moderner, souveräner und möglichst unabhängiger Staat. Wir sind hier, im Herzen Europas. So hat es Gott gewollt“. Noch 2023 hatte er auch verkünden lassen, dass er den Kontakt und die Nähe zum „High-Tech-Westen“ unbedingt stabilisieren möchte; wie Cicero-Kolumnist George Friedman allerdings spitz kommentierte, unternehme Lukaschenko kaum etwas, ohne Zustimmung oder Anweisung von Wladimir Putin. Das ist die Realität, an der sich die EU orientieren müsse, wie Hanna Liubakova betont. Und für Ondrej Ditrych ist wenig gewonnen, wenn Lukaschenko lediglich politische Gefangene freilässt, um gut Wetter zu machen bei der EU. Ihm zufolge würde sich Lukaschenko dadurch womöglich wieder größeren Handlungsspielraum erkaufen und hintenherum Putins verlängerter Arm bleiben. Im Gegenteil nimmt gerade Selenskyjs Albtraum schärfere Konturen an, wie die belarusische Nachrichtenagentur Belta berichtet: Lukaschenko hat jetzt gerade die Aktualisierung eines militärisch-technischen Kooperationsabkommens mit Russland von 2009 ratifiziert. Der Vasallenstaat Putins schmeißt sich aufgrund dieses Protokolls mächtiger ins Zeug, um Russlands Kriegsmaschinerie zu befeuern, wie die Nachrichtenagentur schreibt: „Das Protokoll sieht eine Vertragsänderung vor, die die Anzahl der zur Umsetzung des Vertrags berechtigten Organisationen erhöht und das Verfahren für die Lieferung von Baugruppen, Einheiten und Komponenten vereinfacht.“ (Quellen: Reuters, Belta, Rat der Europäischen Union, Atlantic Council, East European Strategic Forum, European Institute for Security Studies, Carnegie Endowment for Political Peace, Wall Street Journal, Kiyv Independent, Cicero) (hz)