Selenskyj nennt „nicht verhandelbare“ Punkte: Vor den nächsten Gesprächen liegen die Ukraine und Russland meilenweit auseinander
US-Außenminister Marco Rubio beschrieb den von Russland begonnenen Ukrainekrieg kürzlich als Konflikt um Land, als Auseinandersetzung um die Region Donbass im Osten. Diese Darstellung ist falsch, weil die Forderungen des Kremls weit darüber hinausgehen. Vor einem im November in Abu Dhabi angedachten Treffen zwischen den USA, der Ukraine und Russland hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nun drei Punkte als „nicht verhandelbar“ bezeichnet.
Schaut man sie sich im Detail an, wird deutlich, wie weit beide Konfliktparteien noch immer auseinanderliegen – heute, bald zwei Jahre nach Amtsantritt von Donald Trump, der den Krieg in 24 Stunden beenden wollte.
1 Die Armee der Ukraine
Selenskyjs Position: Die Größe des ukrainischen Heeres ist nicht verhandelbar.
Russlands Position: Laut einem im Sommer 2025 veröffentlichten Plan soll die Zahl ukrainischer Soldaten begrenzt werden.
Fazit: unvereinbar
2 Freie Bündniswahl
Selenskyjs Position: Die Ukraine entscheidet selbst, welchem Bündnis sie angehören will. Das Land möchte Mitglied der Nato werden.
Russlands Position: Die Ukraine soll sich zur Neutralität und Blockfreiheit verpflichten. Eine Nato-Mitgliedschaft wäre damit ausgeschlossen.
Fazit: unvereinbar
3 Die Sicherheitsgarantien westlicher Verbündeter für die Ukraine
Selenskyjs Position: Die Ukraine benötigt vor der Unterschreibung eines Friedensvertrags die verbindliche Zusicherung westlicher Bündnispartner, im Falle einer erneuten russischen Aggression zu helfen.
Russlands Position: Nato-Truppen auf ukrainischem Boden werden abgelehnt. 2022 forderte Russland, soweit bekannt, ein Vetorecht gegen das Eingreifen anderer Staaten. Im Sommer 2026 sagte Putin-Sprecher Dmitri Peskow: „Sicherheitsgarantien ohne die Beteiligung Russlands zu formulieren, ist unmöglich.“
Fazit: Wenn Moskau damit einverstanden wäre, kein Vetorecht zu fordern, und Kyjiw zum Verzicht auf die Stationierung ausländischer Truppen, könnte in diesem Punkt ein Kompromiss gefunden werden.
Im bisherigen diplomatischen Ringen um eine Friedenslösung gab ausschließlich die Ukraine ursprüngliche Forderungen auf. So fordert sie etwa keinen vollständigen Rückzug der russischen Truppen aus dem ukrainischen Staatsgebiet mehr. Stattdessen könne die Front an den aktuellen Linien eingefroren werden, sagte Selenskyj vergangene Woche im US-Fernsehen.
Doch Russland beharrt nach aktuellem Stand weiter darauf, den gesamten Donbass zu bekommen – also auch die sogenannten „Festungsstädte“ in Donezk, deren Umzingelung die ukrainische Armee dieses Jahr vereitelte. Damit nicht genug: Im Januar 2026 verlangte der russische Außenminister Sergej Lawrow über das bisher besetzte Land weit hinausgehende Gebiete von der Ukraine.
Das strategische Ziel Russlands ist offenbar ohnehin viel größer als Gebiets- oder Bündnisfragen im Nachbarland. Dem Kreml gehe es darum, die gesamte Ukraine als Staat und Nation zu zerstören und so Europa zu dominieren, sagte die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies. Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) sieht Russland in einem großen Konflikt mit dem Westen, in dem Europa und die Nato geschwächt werden sollen.
Militärisch ist die Leistung des Aggressors dabei schwach. Nach mehr als viereinhalb Jahren Krieg hält Russland nach wie vor nur ungefähr 19 Prozent der Ukraine besetzt, wobei die Krim und andere zuvor bereits kontrollierte Gebiete schon eingerechnet sind. Als Erfolg kann Putin verbuchen, dass US-Präsident Donald Trump vor den US-Zwischenwahlen Anfang November Sanktionen gegen Russland gelockert und den Druck auf die Ukraine wieder erhöht hat. (mit dpa/AFP/Reuters)