„Sie gehen äußerst schnell vor“: Russland zwingt Männer offenbar zunehmend zum Kriegsdienst
Angesichts hoher Verluste in der Ukraine und einer ins Stocken geratenen Rekrutierung Freiwilliger zwingt Russland seine Soldaten zunehmend zum Fronteinsatz. In kleineren Städten und Ortschaften werden Männer mitunter auf offener Straße in Gewahrsam genommen, unter dem Vorwand von Routinekontrollen, wie das „Wall Street Journal“ berichtet. Die Zeitung stützt sich dabei auf Aussagen von Rechtsanwälten, Bürgerrechtsaktivisten und Augenzeugen. Demnach werden die Betroffenen direkt in die Rekrutierungsbüros des Militärs gebracht, wo sie bedroht oder geschlagen werden, bis sie sich für den Krieg verpflichten. Das Vorgehen erinnert an die Teilmobilmachung im Herbst 2022, als die Frontstellungen Russlands wegen Personalmangels ins Wanken gerieten. Freiwilligen wird schon jetzt viel Geld geboten, damit sie sich für den Krieg verpflichten – oft mehr als ein durchschnittliches russisches Jahresgehalt. Doch dem „Wall Street Journal“ zufolge ist die Rekrutierung für Russland schwieriger geworden. Schläge in Leber und Nieren Berichte über Machtmissbrauch und die Misshandlung von Soldaten im Militär machen die Runde, hinzu kommt das hohe Sterberisiko an der Front: Die durchschnittliche Überlebensdauer eines russischen Soldaten im Kriegseinsatz beträgt nur wenige Tage bis Wochen. Die Verluste Russlands im Krieg sollen laut Militäranalysten zwischen 30.000 und 40.000 Soldaten im Monat betragen. Nachschub wird entsprechend dringend gebraucht. Auch deshalb werden die Rekrutierungsmethoden offenbar rabiater. „Die Behörden bedienen sich nun gewaltsamer Mittel, indem sie Männer festnehmen und fortschicken“, sagte der Anwalt Artyom Klyga dem „Wall Street Journal“. Klyga setzt sich für die Belange Zwangsrekrutierter ein. Offiziell ist der Kriegsdienst in Russland freiwillig. Doch tatsächlich soll die Polizei bisweilen mit Rekrutierern zusammenarbeiten, um Männer unter Druck zu setzen, bis sie schließlich nachgeben und unterschreiben. Angehörigenberichten zufolge droht die Polizei den Betroffenen oftmals an, ihnen Drogen unterzuschieben und sie damit an Ort und Stelle zu verhaften. Die Stadt Pensa im Südwesten des Landes gilt dabei als Hotspot. Laut dem Einwohner Vladislav Leonidov fand er einen vermissten Bekannten im örtlichen Rekrutierungsbüro auf, wo er in die Leber und die Nieren geschlagen worden war. Durch sein Einschreiten sei verhindert worden, dass der Mann freigelassen wurde. „Wenn wir zwei Stunden später gekommen wären, hätten sie ihn schon mitgenommen“, sagte Leonidov. „Sie gehen äußerst schnell vor.“ Auch Ausländer werden zwangsrekrutiert Die Bevölkerung hat zahlreiche Festnahmen gefilmt und ins Netz gestellt, um gegen das Vorgehen der Behörden zu protestieren. Diese wiederum weisen Berichte über Zwangsrekrutierungen zurück. „Diese Veröffentlichungen stehen in keinem Zusammenhang mit der Entsendung von Menschen in das Gebiet der speziellen Militäroperation“, heißt es in einem Statement des Innenministeriums. Den Verbreitern von „Falschinformationen“ droht das Ministerium rechtliche Konsequenzen an.