„Sie haben uns nicht kommen sehen“: Ukrainischer Kommandeur nennt Details zur Operation „Vivaldi“
Im Rahmen der Operation „Vivaldi“ hat die ukrainische Armee im Donbass nach eigenen Angaben 277 Quadratkilometer zurückerobert. Die im Mai begonnene Gegenoffensive gilt als Überraschungserfolg der Ukraine. Dem angegriffenen Land gelang es damit, den Druck auf den sogenannten Festungsgürtel, bestehend aus den vier Städten Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka, zu mindern.
Der Kommandeur des zweiten mechanisierten Bataillons hat in einem Interview mit „Welt TV“ über das ukrainische Vorgehen gesprochen. „Zunächst haben wir die russischen Infiltrationsgruppen ausgeschaltet und so die Frontlinie begradigt“, sagte der Offizier mit dem Decknamen „Darwin“ dem Sender. Dadurch sei es möglich geworden, aus einer sicheren Position heraus zu agieren. Darwin zufolge folgte die Einnahme von rund 250 Stellungen. Mehr als 8000 russische Soldaten sollen dabei getötet worden sein.
Die Grundlage des Erfolgs sei die elektronische Kriegsführung gewesen. „Wir haben dafür gesorgt, dass die Russen blind und taub waren“, sagte der Kommandeur weiter. Viele Drohnen seien durch Signalstörungen ausgeschaltet worden. „Sie haben uns nicht kommen sehen.“ Auf der eigenen Seite hätten schwere Drohnen unbemannte Bodenfahrzeuge hinter die feindlichen Linien gebracht, die ferngesteuert mit Maschinengewehren angegriffen hätten. Zugleich seien Kampfeinheiten vorgerückt, unterstützt von schwerer Artillerie.
Netto-Gebietsgewinne im September
Der Kommandeur des 3. Armeekorps, Andrij Biletskyj, hatte die letzte Phase der Operation am Mittwoch für beendet erklärt. Man habe dem Feind keine Zeit gegeben, seine Verluste zu ersetzen oder eine tragfähige Verteidigung aufzubauen. „Der Plan des Kremls, die Regionen Donezk und Luhansk zu erobern, wird in absehbarer Zeit nicht umgesetzt werden“, sagte Bilezkyj in einer Videoansprache.
Die ukrainische Armee hat im September nach einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP erstmals seit drei Monaten wieder mehr Gelände gewonnen als verloren. Auf Grundlage von Daten des Institute for the Study of War (ISW) ergibt sich für die Ukraine ein Netto-Gebietsgewinn von rund 80 Quadratkilometern.
Trotz der jüngsten ukrainischen Fortschritte bleiben die Frontlinien weitgehend festgefahren. Russland kontrolliert weiterhin mehr als 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets. Rund sieben Prozent davon entfallen auf die bereits 2014 annektierte Krim und Gebiete im Donbass, die schon vor dem russischen Einmarsch im Februar 2022 von prorussischen Separatisten kontrolliert wurden.
Der russische Vormarsch hat sich nach den ISW-Daten erheblich verlangsamt. Seit Januar gewann Russland im Durchschnitt nur noch 15,5 Quadratkilometer pro Monat hinzu; 2025 waren es noch durchschnittlich rund 405 Quadratkilometer monatlich gewesen. (doe/AFP/Reuters)