Sie lasen laut aus der Bibel vor: Touristen in Hagia Sophia festgenommen
Die beiden Touristen wurden im Besucherbereich der Hagia Sophia von Sicherheitskräften verhaftet, berichtet die Deutsche Presse-Agentur und die russische Nachrichtenagentur Tass. Die Polizei übergab das Ehepaar anschließend der Migrationsbehörde. Das russische Konsulat in Istanbul hat die Recherchen zu diesem Fall aufgenommen und steht in Kontakt mit den Betroffenen. Gegen das Ehepaar werde wegen Verstoßes gegen Artikel 216 des türkischen Strafgesetzbuches ermittelt wird – ein Paragraph, der die „öffentliche Anstiftung zum Hass“ unter Strafe stellt. Der Zwischenfall ereignete sich bereits am vergangenen Dienstag: Laut Augenzeugenberichte hätten die Russen im oberen Galeriebereich – der für Besucher zugänglich ist – laut aus der Bibel vorgelesen. Ob dies eine bewusste Provokation oder eine spontane religiöse Handlung war, ist Gegenstand der laufenden Untersuchung. Die Hagia Sophia ist kein reines Museum mehr, sondern eine Moschee. Laut türkischem Recht dürfen Besucher religiöse Handlungen anderer Konfessionen dort nicht ausüben. Die Hagia Sophia zählt zu den beeindruckendsten Bauwerken der Weltgeschichte: Im 6. Jahrhundert von Kaiser Justinian als christliche Kathedrale errichtet, war sie fast ein Jahrtausend lang das größte Gotteshaus der Christenheit. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 wurde sie zur Moschee. Mustafa Kemal Atatürk wandelte sie 1934 in ein Museum um – ein Symbol der säkularen Türkischen Republik. Präsident Recep Tayyip Erdoğan sah das anders: Im Jahr 2020 wurde die Hagia Sophia wiedre zur Moschee. Dieser Schritt löste weltweit Proteste aus, vor allem in der orthodoxen Christenheit. Die UNESCO äußerte damals Besorgnis über den Erhalt des kulturellen Erbes. Das russische Konsulat prüft derzeit die Lage der festgenommenen Staatsbürger, die in eine Internierungslager für Migranten gebracht worden sind. Russland und die Türkei pflegen enge Beziehungen, dennoch könnten derartige Vorfälle Folgen haben: In orthodoxen Kreisen wird der Fall als weiteres Zeichen gesehen, dass christliche Präsenz in der Hagia Sophia zunehmend eingeschränkt wird.