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„Sieht so aus, als würden wir langsam, aber sicher verlieren“: Selenskyjs Ex

Welt

Der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat vor einer schleichenden Niederlage der ukrainischen Armee gegen Russland gewarnt. Wie der 35-Jährige am Montag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters berichtete, habe Kyjiw demnach nur noch ein Zeitfenster von wenigen Monaten, um das Blatt zugunsten der Ukraine zu wenden.

Der Ukrainer appellierte, dass Kyjiw dringend wichtige und nötige Entscheidungen treffen müsse, wenn man den Krieg gegen Russland nicht langsam verlieren wolle. Demnach fehle es der Führung aktuell an einer Gesamtvision, wie der Krieg gewonnen werden könne. Das liegt Fedorow zufolge an einem Mangel an Innovation und einer tief verwurzelten Korruption und Vetternwirtschaft innerhalb der staatlichen Strukturen.

Der ehemalige Verteidigungsminister war im vergangenen Monat nach nur sechs Monaten im Amt und einem teils auf offener Bühne ausgetragenen Konflikt mit Armeechef Olexander Syrskyj im Juli von seinem Posten enthoben worden. Die Entlassung erfolgte im Rahmen eines Regierungsumbaus von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Kurz danach kam es in der Ukraine zu Protesten gegen die Entlassung des populären Reformers.

Fedorow sieht die Ukraine vor einer Wende

Fedorow sagte im Interview: „Ich glaube, dass wir jetzt an einem Wendepunkt stehen, der unseren weiteren Kurs bestimmen wird. Aber es sieht so aus, als würden wir langsam, aber sicher den Kampf verlieren.“ Er ergänzte, dass die Ukraine zwar noch „alle Chancen“ habe, um zu gewinnen – allerdings benötige das Land dringend einen Plan, um endlich den Krieg zu beenden.

Diese Rhetorik weicht deutlich von dem gängigen Narrativ Kyjiws ab. Das Präsidialamt der Ukraine erklärte etwa auf Anfrage der Nachrichtenagentur, dass sich Fedorow noch während seiner Zeit im Ministerium positiv über den Kriegsverlauf geäußert habe – das Einzige, was sich demnach geändert habe, sei sein persönlicher Status.

Experten sehen hingegen im anhaltenden Krieg aktuell ein entscheidendes Momentum zugunsten der Ukraine erreicht. Demnach gehe Kyjiws Drohnenstrategie auf und die Ukraine treffe Russland nun dort, wo es wehtut: ins Herz der Kriegswirtschaft.

Fedorows Vision: Was schlägt der Ex-Minister vor?

Fedorow hob jüngst immer wieder hervor, dass die Entwicklung autonomer und KI-gesteuerter Drohnen sowie kostengünstiger Abfangraketen zur Abwehr russischer Luftangriffe von besonderer Wichtigkeit sei. Mithilfe eines eigenen ukrainischen Programms für ballistische Raketen könne man dem 35-Jährigen zufolge noch eine Wende einleiten, sagte er im Interview mit Reuters. Demnach sollen ukrainische Hersteller aktuell bereits entsprechende Technologien entwickeln.

Fedorow zufolge könne man Truppen an der Front mit elektronischen Sensoren zur Feinderkennung ausstatten. Seine Vision sehe außerdem vor, dass Drohnen zu Lande und in der Luft den Einsatz von Menschen auf ein Minimum reduzieren könnten. „Es gibt bereits Technologien, die die Russen vollständig aufhalten könnten, aber unser Mangel an Weitsicht führt dazu, dass wir sie nicht einsetzen“, beklagte er gegenüber Reuters.

Es fehle nach wie vor an einer ganzheitlichen Strategie. Dem Ex-Minister zufolge gebe es noch ein Zeitfenster von einigen Monaten, um laufende Operationen sowie die aktuelle Drohnenkampagne voranzutreiben und die von Russland besetzte Krim zu isolieren, bevor Moskau herausfinde, wie es auf die Taktik der Ukraine reagieren müsse.

Fedorow gilt als Konkurrent Selenskyjs

In der vergangenen Woche hatte Fedorow als erster hochrangiger Politiker via Videostatement gefordert, dass man im Land die Option von Neuwahlen diskutieren müsse, da es eine „strukturelle“ Regierungskrise gebe. In einem Interview mit der „BBC“ legte er später nach und sagte: „Wir sollten keine Angst haben, darüber zu diskutieren. Darum geht es in einer Demokratie. Wenn ich meine Ideen nicht teilen und darüber offen mit meinem Land sprechen kann, wofür kämpfen wir dann?“

Präsident Wolodymyr Selenskyj wies diese Forderung zurück und erklärte danach, dass eine Wahl während des andauernden Krieges mit Russland das Land spalten und zerstören könne. Das käme einem „Tsunami für den Staat“ gleich. Seine Strategie sei es hingegen, das Land zu einem Ende des Krieges zu führen und einen unabhängigen und souveränen Staat zu bewahren.

Seit der russischen Invasion im Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht, das Wahlen aus Sicherheitsgründen verbietet. Selenskyj deutete zudem an, dass Fedorow von Kräften außerhalb des Landes zu dem Vorstoß gedrängt worden sein könne. Fedorow wies dies entschieden zurück. Trotz der enormen logistischen Herausforderungen durch Millionen Vertriebene und die Besetzung von Gebieten zeigte sich Fedorow überzeugt, dass die Ukraine innovative Wege zur Organisation von Wahlen finden werde.

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