Siemens: Kulturrevolution bei Dax-Konzern - Hunderte Cheftitel entfallen
München. Für Siemens-Führungskräfte hat es am Donnerstag gleich zwei wichtige Nachrichten gegeben. Am Morgen präsentierte Siemens-Chef Roland Busch gute Zahlen: Auftragseingang und Gewinn kletterten auf Rekordniveau, die Prognose für das Gesamtjahr wurde angehoben. Doch für viele Manager persönlich war die zweite Botschaft noch wichtiger. Am frühen Nachmittag luden Busch und der gesamte Vorstand Hunderte Führungskräfte zu einem Call ein. Die Botschaft: Die meisten Träger eines C-Titels wie zum Beispiel Chief Financial Officer verlieren diesen. Das Handelsblatt hatte bereits exklusiv über entsprechende Pläne berichtet. Aktuell gebe es weltweit bei Siemens allein rund 300 CEOs und CFOs, zum Beispiel in Landesorganisationen und Geschäftseinheiten, hieß es in Unternehmenskreisen. „Schon das zeigt den Handlungsbedarf.“ Intern wie extern habe es Verwirrung gegeben. Die Maßnahme sei aber vor allem ein Signal nach innen für einen kulturellen Wandel. Siemens sei kein Konglomerat mit vielen kleinen Reichen mehr, sondern werde ein integrierter Technologiekonzern. Dieser Wandel müsse auch auf der Topebene gelebt werden. Busch sagte laut Teilnehmern: „Diese Veränderung ist Teil von etwas Größerem. Sie ist Teil eines umfassenden kulturellen Wandels – vielleicht der größten Transformation, die Siemens jemals durchlaufen hat: der Entwicklung zu einer One Tech Company.“ Bei Siemens war allen klar, dass das Thema heikel ist. „Da spielen viele Emotionen mit rein. Es ist klar, dass das nicht allen gefallen wird“, hieß es in Unternehmenskreisen. Zwar behalten die meisten Betroffenen ihre Verantwortlichkeiten und bekommen neue Titel. So werden Vorstand Cedrik Neike und Peter Körte nicht mehr CEOs von Digital Industries und Smart Infrastructure sein, sondern Presidents. Andere bekommen Titel wie „Head of ...“ oder Managing Director. Doch könnte der Verlust des Cheftitels von manchen als die Degradierung aufgefasst werden, die es laut Busch nicht sein soll. „Wir reduzieren die Anzahl der C-Titel – nicht die Bedeutung von Führung“, sagte er laut Teilnehmern. Im Konzern gibt es derzeit ohnehin viel Unruhe. Am 1. Oktober soll die neue Struktur im Rahmen der „One Tech Company“-Strategie umgesetzt werden. Im Konzern gibt es Verunsicherung, weil Tausende Mitarbeiter nicht wissen, welchen Titel und welche Aufgaben sie künftig haben. Zumindest auf Vorstandsebene ist die künftige Rollenverteilung jetzt geklärt. Strategiechef Peter Körte, der seit 1. Juli auch die Einheit Smart Infrastructure führt, wird den Titel des Chief Technology Officers abgeben. Das Handelsblatt hatte vorab darüber berichtet. Ein Technologiechef eine Ebene unter dem Vorstand wird künftig an Cedrik Neike berichten, der für die Kernsparte Digital Industries verantwortlich ist, wie Busch berichtete. Körte und Neike gelten als potenzielle Nachfolger von CEO Busch, dessen Vertrag noch bis Mitte 2030 läuft. Es sei dem Aufsichtsrat wichtig gewesen, dass die Macht zwischen Körte und Neike gut ausbalanciert werde, sagte ein Kontrolleur dem Handelsblatt. Körte habe seit der Übernahme der SI-Verantwortung zu viele Verantwortungsbereiche gehabt. Durch eine gerechte Verteilung der Aufgaben zwischen Neike und Körte wolle man eine Vorentscheidung und einen möglichen Machtkampf nun vermeiden. Etwas einfacher werden die Umbauten, weil es bei Siemens derzeit operativ sehr gut läuft. „Unsere technologische Führerschaft in allen Geschäften, der klare Fokus auf industrielle KI sowie die starke Positionierung in attraktiven Märkten treiben unser profitables Wachstum voran“, sagte Busch bei Vorlage der Quartalszahlen. Der Umsatz stieg im dritten Quartal 2025/26, also von April bis Juni, auf vergleichbarer Basis um acht Prozent auf 20,8 Milliarden Euro. Der Auftragseingang legte um 13 Prozent auf erstmals 27,9 Milliarden Euro zu. Das operative Ergebnis im industriellen Geschäft verbesserte sich um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, was einer Marge von 17,3 Prozent entsprach. Damit lag der im deutschen Aktienleitindex Dax notierte Konzern über den Erwartungen der Kapitalmärkte. Analysten hatten im Schnitt 20,6 Milliarden Euro Umsatz und ein operatives Ergebnis von 3,2 Milliarden Euro prognostiziert. Der Aktienkurs fiel am Donnerstag dennoch um gut fünf Prozent auf 270 Euro. Er war in den Tagen zuvor bereits auf einen neuen Höchststand gestiegen. Mit der neuen Strategie will sich Siemens noch stärker zu einem integrierten Technologiekonzern entwickeln. Dafür sollen die Bereiche zum Beispiel bei Technologieplattformen enger zusammenarbeiten und gemeinsam beim Kunden auftreten. Im Vertrieb sollen mehr Mitarbeiter in den direkten Kundenkontakt. Teil der neuen Strategie ist auch die Abspaltung der Medizintechnik-Tochter Healthineers. Man habe in den vergangenen Monaten „wesentliche Fortschritte bei der geplanten Dekonsolidierung“ gemacht, sagte Finanzvorständin Veronika Bienert. Siemens habe inzwischen die steuerlichen Themen mit den Finanzbehörden verbindlich geklärt. Weil es eine vergleichbare Abspaltung einer börsennotierten Tochter in Deutschland bislang noch nicht gegeben hat, hatte es viele offene Fragen gegeben. Klar ist: Bienert und Busch wollen sich Anfang 2027 auch aus dem Aufsichtsrat der Healthineers zurückziehen. Auf der Hauptversammlung im Februar sollen die Siemens-Aktionäre über die Abspaltung entscheiden. Sie bekommen dann 30 Prozent der Healthineers-Aktien in ihre Depots gebucht. Die Siemens AG zieht sich damit auf eine Minderheitsposition von zunächst maximal 37 Prozent zurück. Siemens baut bewusst jetzt um, da die Geschäfte gut laufen. „Wir agieren ganz klar aus einer Position der Stärke“, sagte Busch dem Handelsblatt. Man solle sich verändern, wenn es einem gut gehe – „nicht erst warten, bis es schlechter wird“. Im Gesamtgeschäftsjahr (bis 30. September) rechnet Siemens weiterhin mit einem Umsatzwachstum von sechs bis acht Prozent auf vergleichbarer Basis. Beim Gewinn nach Steuern erwartet der Konzern nun vor Sondereffekten 11,20 bis 11,50 Euro pro Aktie (zuvor: 10,70 bis 11,10 Euro). Auch für das kommende Geschäftsjahr 2026/27 zeigte sich Busch zuversichtlich. Der Rekordauftragsbestand von 132 Milliarden Euro gebe „sehr gute Sicherheit“. Besonders genau schauen die Investoren auf die Sparte Digital Industries (DI) mit der Automatisierungstechnik und der Industriesoftware. Auf beiden Feldern ist Siemens Weltmarktführer – es zeichnen sich aber Disruptionen durch die Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz ab. Im dritten Quartal stiegen die Umsätze bei DI auf vergleichbarer Basis um zehn Prozent auf 4,9 Milliarden Euro. Die Softwaregeschäfte legten überproportional um 15 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro zu. Das Ergebnis verbesserte sich um 44 Prozent auf 923 Millionen Euro, was einer Marge von 18,7 Prozent entsprach. Zum Vergleich: Der US-Konkurrent Rockwell Automation, auf den sie in München genau schauen, steigerte die Umsätze im dritten Quartal 2025/26 (ebenfalls zum 30. September) auf vergleichbarer Basis um 2,3 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis verbesserte sich um 23 Prozent auf 516 Millionen Dollar. Die Marge verbesserte sich auf 22,3 Prozent. Operative Renditen sind aber nur bedingt miteinander vergleichbar. Zweite Kernsparte des künftigen Siemens-Konzerns ist Smart Infrastructure (SI) mit der intelligenten Gebäudetechnik und dem Energiemanagement. Hier legten die Umsätze um 13 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro zu. Der Auftragseingang stieg sogar um 42 Prozent auf acht Milliarden Euro. Das Ergebnis verbesserte sich um 19 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro, die Marge lag bei 20 Prozent. Haupttreiber bei SI sind derzeit Aufträge für Datencenter. In den ersten neun Monaten stiegen die Auftragseingänge hier prozentual dreistellig auf fast sechs Milliarden Euro. Der Umsatz stieg um mehr als 50 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro. Ein Ende des Booms ist laut Busch nicht absehbar. „Die Pipeline sieht gesund aus.“ Der Auftragsbestand und bestehende Vereinbarungen mit Kunden gäben „Klarheit bis weit in das Jahr 2027 und darüber hinaus“. SI wird seit Kurzem von Strategiechef Peter Körte geführt. Er soll sich damit operativ beweisen, um für die Busch-Nachfolge infrage zu kommen. Bislang fehlte ihm die Erfahrung in der Führung eines großen Geschäfts. Es werde eine Herausforderung für ihn, die Erfolgsgeschichte seines Vorgängers Matthias Rebelius fortzuschreiben, heißt es in Industriekreisen. Der hatte Marktposition und Profitabilität über Jahre hinweg konsequent ausgebaut.