Silverstone-Analyse: Leclerc siegt, Hamilton entgeht Strafe
Damit sind wir hier auch am Ende dieses Rennsonntages angekommen. Schon morgen melden wir uns aber mit einer neuen Tickerausgabe zurück, um die weiteren Themen aus Silverstone aufzuarbeiten.
Für euch geht es heute außerdem wie versprochen noch weiter mit der großen Videoanalyse zum Rennen ab 21:30 Uhr. Viel Spaß mit den Kollegen auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de, schlaft später gut und bis dann!
Und das letzte Urteil des Tages ist auch da. Carlos Sainz muss wegen der Nummer hinter dem Safety-Car eine volle Runde zurück. Das hatten wir so auch noch nicht. Hier das umfangreiche und komplexe Urteil im Wortlaut:
"Obwohl Auto 55 beim Einfahren in die Boxengasse an der Safety-Car-Linie 1 eine Runde Rückstand hatte, hatte es sich aufgrund der besonderen Strecken- und Boxengassenkonfiguration in Silverstone vorübergehend wieder zurückgerundet, als es die Linie am Ende der Runde überquerte, in der es die Safety-Car-Linie 1 zum zweiten Mal nach dem Einsatz des Safety Cars überquerte."
"Folglich war Wagen 55 im Sinne von Artikel B5.13.4 c) kein überrundetes Fahrzeug und war daher nicht berechtigt, das Safety-Car zu überholen, als die Meldung 'LAPPED CARS MAY NOW OVERTAKE' angezeigt wurde."
"Allerdings hatte sich Wagen 55 wieder in die gleiche Runde gebracht, sobald die Meldung von der Rennleitung angezeigt wurde. Die Rennkommissare stellten fest, dass das Auto 55 nach Abschluss seines Boxenstopps erneut ein überrundetes Auto war, als es auf die Strecke zurückkehrte."
"Angesichts des außergewöhnlichen Streckenverlaufs bei dieser Veranstaltung können die Rennkommissare nachvollziehen, wie die Abfolge der Ereignisse zur Verwirrung des Teams beigetragen haben mag."
"Der Teamvertreter räumte ein, dass das Team dennoch zwei Fehler begangen habe: erstens, dass es nicht erkannt hatte, dass Fahrzeug 55 am maßgeblichen Referenzpunkt gemäß Artikel B5.13.4 c) kein überrundetes Fahrzeug war, und zweitens, dass es nicht beachtet hatte, dass Fahrzeug 55 nicht in der Meldung der Rennleitung aufgeführt war, in der die Fahrzeuge genannt wurden, die das Safety-Car überholen durften."
"Der Teamvertreter räumte ein, dass das Team versehentlich eine Runde gewonnen hatte, obwohl es dazu nicht berechtigt war. Bei der Festlegung der angemessenen Strafe haben die Rennkommissare Artikel 12.4.1.i des Internationalen Sportgesetzbuchs der FIA berücksichtigt."
"Die Rennkommissare sind davon überzeugt, dass die Strafrunde eine der ihnen gemäß dem Internationalen Sportgesetzbuch der FIA zur Verfügung stehenden Strafen ist, und hielten sie unter den Umständen dieses Falles für die am besten geeignete Strafe."
Im Ergebnis fällt Sainz dadurch von P12 auf P17 zurück.
Der Niederländer ist sauer nach seinem Abflug - was Teamchef Laurent Mekies versteht. "Wir hatten ein Problem mit dem Heckflügel bei Max, deshalb ist er von der Strecke abgekommen. Das geht also auf unsere Kappe", gesteht er.
"Das ist schade, denn er war in dieser Phase des Rennens besonders schnell", so Mekies, der betont: "Es war auf jeden Fall eine große Verbesserung im Vergleich zu gestern. Er hätte um das Podium gekämpft, da er auf P3 lag."
"Aber leider hatten wir dieses Problem, und es ist natürlich nicht gut, ein Zuverlässigkeitsproblem dieser Art zu haben", weiß er. Daher entschuldige er sich bei Verstappen.
Man werde jetzt "versuchen, genau zu verstehen, was passiert ist. Aber anhand der Daten, die wir in Echtzeit hatten, war klar, dass wir dieses Problem am Heck hatten, das ihm praktisch keine Chance ließ."
Wir bleiben bei Ferrari und fragen uns, warum Charles Leclerc heute plötzlich so schnell war. Das weiß der Monegasse aber interessanterweise selbst nicht so genau. "Wir waren viel schneller und lagen näher an unseren Konkurrenten, als wir gedacht hatte", so der Rennsieger.
Er betont daher: "Genauso wie wir unsere Daten an schwierigen Rennwochenenden analysieren, müssen wir sie auch an einem so erfolgreichen Wochenende wie diesem auswerten, um zu verstehen, was wirklich den Unterschied ausgemacht hat."
"Zwischen Samstagvormittag und -nachmittag haben wir einige Änderungen an meinem Auto vorgenommen, und ich habe das Gefühl wiedergefunden, das mir gefehlt hatte. Das hat sich im heutigen Rennen bestätigt", so Leclerc.
Doch nun müsse man verstehen, warum es auf einmal wieder geklappt habe.
Obwohl Lewis Hamilton P2 durch den späten Boxenstopp verlor - und Ferrari damit den Doppelsieg -, will Teamchef Frederic Vasseur den Stopp hinter dem Safety-Car nicht als Fehler bezeichnen.
"Ich glaube, ihn an die Box zu holen, war die richtige Entscheidung, da wir ziemlich sicher waren, dass das Rennen noch einmal gestartet wird und es ihm mit den weichen Reifen ziemlich leicht gefallen wäre, Russell zu überholen", so Vasseur.
Das mag sogar stimmen, doch weil das Rennen eben hinter dem Safety-Car endete, ging der Plan nicht auf.
Gemischte Gefühle heute bei Audi. Einerseits holte Gabriel Bortoleto P8 und damit die ersten WM-Punkt seit dem Saisonauftakt in Melbourne. Auf der anderen Seite sah Nico Hülkenberg die Zielflagge wieder einmal nicht.
Audi hat inzwischen erklärt, dass ein Getriebeproblem dafür sorgte, dass Hülkenberg das Auto abstellen musste. Teamkollege Bortoleto sagt auf der anderen Seite: "Ich bin sehr zufrieden mit dem heutigen Ergebnis. Das Team hat es sich wirklich verdient."
Renndirektor Allan McNish lobt: "Gabi hat sich nach dem Verlust einiger Plätze beim Start hervorragend erholt und sich mit einer starken Aufholjagd auf den achten Platz vorgearbeitet. Es war eine souveräne und entschlossene Fahrleistung."
Hülkenberg dagegen ist auch nach dem neunten Saisonrennen weiter ohne WM-Punkt.
Toto Wolff erklärte ja selbst bereits, dass die Chancen, Antonellis Fünf-Sekunden-Strafe anzufechten, relativ gering seien. Inzwischen haben unsere Kollegen vor Ort erfahren, dass es in der Tat keinen Protest von Mercedes geben wird.
Intern hat man sich entschieden, die Strafe zu akzeptieren. Damit bleibt der WM-Leader an diesem Wochenende definitiv ohne Punkte.
Nicht nur Kimi Antonelli wurde heute für das Überfahren der Tracklimits bestraft. Lance Stroll erhielt deswegen sogar gleich drei Fünf-Sekunden-Strafen! Das ist mindestens mal in diesem Jahr ein Rekord.
Macht auch bei ihm aber keinen Unterschied im Ergebnis, da er sowieso 19. geworden war und als letzter Fahrer die Zielflagge gesehen hatte.
... gibt es derweil bei der Sainz-Nummer hinter dem Safety-Car. Der Grund für die Untersuchung ist allerdings kurios, denn die FIA hat inzwischen erklärt, dass Sainz sich hinter dem Safety-Car zurückrundete, obwohl er das eigentlich gar nicht durfte.
Warum das so ist, das wissen wir nicht. Für das Endergebnis macht es ohnehin keinen echten Unterschied, weil Sainz als Zwölfter außerhalb der Punkteränge gelandet ist.
Auch die Fünf-Sekunden-Strafe für Antonelli hat die FIA inzwischen offiziell begründet. So heißt es hier:
"Es war offensichtlich, dass Wagen 12 in Runde 44 in Kurve 6 ohne triftigen Grund die Strecke verließ. Dies war der vierte Verstoß des Fahrers gegen die Streckenbegrenzungen in diesem Rennen."
"Die Rennkommissare räumten ein, dass Auto 12 ein technisches Problem hatte. Dies stellte jedoch keinen triftigen Grund für das Verlassen der Strecke dar."
"Gemäß den Strafvorschriften beträgt die Standardstrafe für eine vierte Überschreitung der Streckenbegrenzung während des Rennens eine Fünf-Sekunden-Zeitstrafe. Die Rennkommissare verhängten daher die Standardstrafe."
Seinen Defekt gibt es hier noch einmal im Video:
Kleiner Hinweis in eigener Sache: Durch die zahlreichen Themen heute verschiebt sich unsere Liveanalyse um eine halbe Stunde nach hinten. Kevin Scheuren und Kevin Hermann melden sich um 21:30 Uhr auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de bei euch.
Hamilton bekommt nur eine Verwarnung. Die Rennkommissare erklären das in ihrem umfangreichen Urteil so:
"HAM fuhr in den betreffenden Sektor ein, bevor eine gelbe Flagge oder eine gelbe Leuchtanzeige angezeigt wurde; vor Kurve 9 gab es keinerlei entsprechende Anzeige. Die erste Leuchtanzeige, auf die er nach Kurve 9 stieß, zeigte unmittelbar vor Kurve 10 grün an."
"Die gelbe Anzeige auf dem Lenkraddisplay erschien erst, als sich der Fahrer bereits auf der Geraden in Richtung Kurve 10 und nahe dem Ende der Gelbflaggenzone befand. Die Beweislage zeigte, dass sich keine gelbe Leuchtanzeige im unmittelbaren Sichtfeld des Fahrers befand und dass die gelbe Anzeige auf dem Lenkraddisplay nur für einen sehr kurzen Zeitraum sichtbar blieb."
"Die Rennkommissare waren daher davon überzeugt, dass die dem Fahrer zur Verfügung stehende Reaktionszeit auf die gelbe Flagge sehr begrenzt war. Die Rennkommissare erkennen zudem an, dass HAM unmittelbar vor der Einfahrt in den Sektor in ein Überholmanöver mit VER verwickelt war und dass der Fahrer mit einem Gegenangriff rechnete."
"Infolgedessen richtete sich seine Aufmerksamkeit während des größten Teils der Geraden in Richtung Kurve 10 auf seine Rückspiegel und nicht unmittelbar auf die grüne Leuchttafel am Ende des Sektors. Die Rennkommissare berücksichtigten dies bei der Prüfung der Frage, ob die Sichtbarkeit der grünen Leuchttafel dem Fahrer an sich hätte deutlich machen müssen, dass er sich noch in einer Gelbflaggenzone befand."
"Die Rennkommissare stellen dennoch fest, dass HAM, nachdem die gelbe Flagge auf dem Lenkrad-Display angezeigt worden war und die grüne Leuchttafel unmittelbar vor Kurve 10 aufleuchtete, keine erkennbare Geschwindigkeitsverringerung vornahm und somit die bei einer einzelnen gelben Flagge geltenden Anforderungen nicht vollständig erfüllte."
"Bei der Festlegung der Strafe berücksichtigten die Rennkommissare, dass HAM den Sektor bereits vor dem Erscheinen der gelben Flagge befahren hatte, dass die gelbe Anzeige den Fahrer erst erreichte, als er sich bereits nahe dem Ende des Sektors befand, dass die zur Reaktion verfügbare Zeit und Distanz sehr begrenzt waren und dass die Aufmerksamkeit des Fahrers aus verständlichen Gründen durch den unmittelbar vorangegangenen Zweikampf mit einem anderen Fahrzeug in Anspruch genommen worden war."
"Unter diesen Umständen hielten die Rennkommissare eine Verwarnung für die angemessene Strafe."
Das Urteil ist da: Lewis Hamilton bekommt keine nachträgliche Strafe, er darf P3 also behalten. Mehr gleich bei uns!
Ohne diese hätte er ja sogar trotz Defekt noch gepunktet. Bei Sky sagt er: "Es ist okay, wenn man durch das Abkommen von der Strecke eine Track-Limit-Strafe bekommt, wenn man dadurch einen Vorteil hat."
"Aber ich konnte das Auto in diesem Moment einfach nicht auf der Strecke halten. Ich habe mein Bestes gegeben, um auf der Strecke zu bleiben, aber es ist mir einfach nicht gelungen", betont er.
Er findet es falsch, einen Fahrer dafür dann auch noch zu bestrafen. Das Regelbuch macht in so einem Fall allerdings keine Ausnahme.
Diese Frage wird sich rückblickend natürlich nicht mehr sicher beantworten lassen. Klar ist aber, dass der WM-Leader zehn Runden frischere Reifen als Leclerc hatte und deutlich schneller als der Ferrari war, als sein Defekt auftrat.
Toto Wolff sagt: "[Kimi] hätte Charles sechs Runden vor Schluss mit einem enormen Reifenunterschied eingeholt." Er glaubt daher, dass es "ein episches Rennende" geworden wäre.
Doch dazu kam es nicht. "Es ist ein mechanischer Sport. So etwas kann passieren", weiß Wolff. Trotzdem will Mercedes dem Defekt nun natürlich wie bereits erklärt auf den Grund gehen.
Der Weltmeister wurde heute Vierter. Doch die eigentliche Pace von McLaren war deutlich schlechter. Abgesehen vom Resultat auf dem Papier sei alles "ziemlich schockierend" gewesen, betont er.
"Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie wir es heute auf P4 geschafft haben", sagt er. Tatsächlich profitierte er von den Problemen bei Antonelli und Verstappen, ohne die er weiter hinten gelandet wäre.
"Das ist vielleicht eines der schwierigsten Autos, die ich je in der Formel 1 gefahren bin", sagt er über den McLaren. Sollte Hamilton auch noch eine Strafe bekommen, würde er aber sogar noch auf das Podium rutschen ...