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Sind 15 Euro viel oder wenig? Kommt drauf an, sagt unser Gehirn.

Wissenschaft

Verhaltensökonomie

Mentale Konten: Warum unser Kopf Geld falsch verbucht

Stand: 12.10.2026 14:01 Uhr

Unser Gehirn führt beim Geld getrennte Konten. Dieselben 15 Euro sind uns in einem Zusammenhang eine Autofahrt wert und im anderen nicht. Der Ökonom Richard Thaler hat das in den 1980er Jahren beschrieben und später den Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Jetzt haben 102 Forscherinnen und Forscher die klassischen Versuche erstmals im großen Stil wiederholt, mit insgesamt 5.589 Menschen in 21 Ländern. Die Theorie hält.

von MDR WISSEN / RR

Die folgenden vier Fragen dauern zusammen keine zwei Minuten. Beantworten Sie sie am besten spontan, so wie Sie es im Laden oder am Ticketschalter auch tun würden. Danach steht hier, was Ihre Antworten über Ihr Verhältnis zu Geld verraten, und warum 102 Forschende dieselben Fragen gerade 5.589 Menschen in 21 Ländern gestellt haben.

Vier Fragen

Erstens: Sie wollen im Laden zwei Dinge kaufen, eine Jacke für 375 Euro und einen Bluetooth-Lautsprecher für 45 Euro. Der Verkäufer sagt, den Lautsprecher gebe es in einer 20 Minuten entfernten Filiale für 30 Euro. Fahren Sie hin? Und würden Sie auch fahren, wenn die Preise vertauscht wären, die Jacke also 45 Euro kostete und der Lautsprecher 375, und Sie den woanders für 360 Euro bekämen?

Zweitens: Sie haben ein Konzertticket für 120 Euro gekauft und merken am Eingang, dass Sie es verloren haben. Kaufen Sie ein neues? Und hätten Sie anders entschieden, wenn Sie das Ticket noch gar nicht gekauft hätten, dafür aber 120 Euro in bar verloren hätten?

Drittens: Person A gewinnt an einem Tag zweimal, einmal 50 und einmal 25 Euro. Person B gewinnt einmal 75 Euro. Wer freut sich mehr? Und umgekehrt: Person A bekommt am selben Tag zwei Bußgeldbescheide über 100 und über 50 Euro, Person B einen einzigen über 150 Euro. Wer ärgert sich mehr?

Viertens: Sie liegen am Strand, ein Freund bietet an, Ihnen ein kaltes Getränk zu holen, und fragt, was es höchstens kosten darf. Er geht entweder zur Bar eines Nobelhotels oder zu einem heruntergekommenen Kiosk. Nennen Sie beide Male denselben Betrag?

Was Ihre Antworten bedeuten

Wer bei mindestens einer Frage unterschiedlich geantwortet hat, ist in guter Gesellschaft. Finanziell ist nämlich jedes der vier Paare identisch. Es geht um dieselben 15 Euro und dieselben 20 Minuten, am Ende des Konzertabends fehlen so oder so 240 Euro, Person A und Person B haben unterm Strich dieselben 75 Euro gewonnen und dieselben 150 Euro Strafe bezahlt, und das Getränk schmeckt am selben Strand gleich, egal woher es kommt.

Der Grund für den Unterschied: Unser Kopf führt beim Geld getrennte Konten. Die 15 Euro Rabatt werden nicht gegen 15 Euro verrechnet, sondern gegen den Preis des Produkts, und ein Drittel weniger fühlt sich nach einem Gewinn an, vier Prozent weniger nach nichts. Das verlorene Ticket wird auf dem Konto "Konzertabend" verbucht, das nach dem zweiten Kauf auf 240 Euro steht, das verlorene Bargeld dagegen auf dem Konto "allgemeines Pech".

Zwei getrennte Gewinne freuen mehr als ein einziger großer, zwei getrennte Strafen ärgern mehr als eine große: Jeder Betrag bekommt sein eigenes Konto und wird einzeln verbucht. Und im Nobelhotel darf dasselbe Getränk mehr kosten, weil wir unterstellen, dass es den Verkäufer dort mehr kostet.

Beschrieben hat das der US-Ökonom Richard Thaler in den 1980er Jahren, aufbauend auf Arbeiten von Daniel Kahneman und Amos Tversky. Thaler bekam dafür 2017 den Wirtschaftsnobelpreis. Mental Accounting, mentale Buchführung, gehört seither zum Grundbestand der Verhaltensökonomie.

Der Test in 21 Ländern

Die Originalversuche stammen aus einer Zeit, in der man mit Bargeld und Scheck bezahlte und Ausgaben nachhielt, indem man Kassenzettel sortierte. Heute kommen Überstundenzuschlag und Steuererstattung gleichermaßen als Überweisung an. Verschwinden die getrennten Konten im Kopf, wenn auf dem echten Konto ohnehin alles zusammenfließt?

Ein Team um Giulia Priolo von der Universität Padua hat die sieben klassischen Szenarien deshalb neu durchgespielt, mit Teilnehmern aus 21 Ländern, darunter Deutschland. Die Beträge wurden an das jeweilige Medianeinkommen angepasst, die Fragebögen in die Landessprachen übersetzt. Zu den Autoren gehört Martin Schoemann von der TU Dresden.

Das Ergebnis ist eindeutig: Alle sieben geprüften Szenarien funktionieren weiter, und zwar in dieselbe Richtung wie in den Originalen. Rechnet man die Länder einzeln aus, blieben 133 von 147 Einzeleffekten statistisch bedeutsam, also 90,5 Prozent. Wenn Sozialwissenschaftler Studien wiederholen, gelingt das sonst im Schnitt nur in rund 70 Prozent der Fälle. Etwas schwächer als vor 40 Jahren sind die Effekte allerdings geworden.

Gleichmäßig verteilt ist dieser Erfolg nicht. Am schwächsten schnitt ausgerechnet die bekannteste Falle ab, das verlorene Konzertticket: Sie ließ sich nur in 15 Ländern einzeln nachweisen.

Die eigentliche Überraschung

Alter, Bildung, Haushaltseinkommen, Finanzwissen: Nichts davon erklärt, wie stark jemand auf die Fallen hereinfällt. Auch nicht, wie demokratisch ein Land ist oder wie ungleich dort die Einkommen verteilt sind.

Ein Faktor fiel dagegen auf: die Wirtschaftskraft des Landes, aus dem die Befragten stammen. Je höher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, desto stärker die mentalen Konten, und zwar bis zu einer Schwelle von etwa 50.000 Dollar. Die Autoren vermuten, dass Menschen mit wenig frei verfügbarem Geld jeden Betrag gleich ernst nehmen, egal in welchem Zusammenhang er auftaucht. Wer rechnen muss, verrechnet sich seltener. Diesen Teil ihrer Auswertung bezeichnen sie allerdings selbst als vorläufig.

Was man damit anfangen kann

Mentale Konten sind nicht nur ein Kuriosum, sie kosten Geld. Das dreizehnte Monatsgehalt fühlt sich anders an als das elfte und zwölfte, auch wenn es genauso hoch ist und auf demselben Konto landet. Restbudgets in Firmen und Behörden werden im Dezember verbraucht, weil sie sonst verfallen. Ein Rabatt von 15 Euro auf eine Kleinigkeit zieht uns durch die halbe Stadt, derselbe Rabatt auf eine größere Anschaffung interessiert uns nicht.

Ein Gegenmittel gibt es, und es ist einfach: den Betrag aus seinem Zusammenhang lösen. Also nicht fragen, wie viel Prozent man spart, sondern was man mit diesen 15 Euro sonst anfangen würde. Ein Mittagessen zum Beispiel oder einen Kinobesuch. Wer sich das vor Augen führt, dürfte die 20 Minuten Fahrt zum Schnäppchen entweder in beiden Fällen auf sich nehmen oder in keinem.

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