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So erlebt ein Berliner Schüler die Schulstreiks in Paris

Welt

Ich bin seit September in Paris und bleibe noch bis Mitte November. In Berlin besuche ich die zehnte Klasse am Bertha-von-Suttner-Gymnasium. Nach Paris gekommen bin ich, um ein bisschen Französisch aufzuschnappen. Dafür besuche ich die zehnte Klasse eines Gymnasiums, die Schule liegt im Osten von Paris.

Natürlich wusste ich vorher nicht, dass die Situation hier so heftig wird [dw.com]. Auch meine Gastschule ist zurzeit zu. Der Streik an meiner Schule ging vor etwa eineinhalb Wochen los, an ein paar Nachbarschulen sogar schon früher.

Ich weiß noch genau, wie es bei uns losging. Um 7 Uhr, am Donnerstag, 1. Oktober, haben Schüler die Eingänge mit Mülltonnen und anderen Dingen von der Straße blockiert. Dann haben sie sich mit Plakaten davorgesetzt und auf andere Schüler gewartet. Bis zum Mittag ging das so und eigentlich war auch alles friedlich. Ich bin dann nach Hause gegangen. Später aber habe ich Videos zugeschickt bekommen – da brannten bereits die ersten Reifen und auch andere Sachen wurden angezündet.

Am Nachmittag war die Polizei überwiegend nicht da. Die, die da waren, haben nur von außen zugeguckt. Heftig wurde es am nächsten Tag, wo ich auch dabei war und vom Rand aus zum Teil auch mit den Lehrern alles beobachten konnte. Da kamen etwa 50 junge Leute mit Feuerwerk an. Erst haben sie in die Luft geschossen, hier und da knallten Böller oder es wurden Raketen gezündet.

Um 11:30 Uhr habe ich beobachtet, dass bereits so um die 200 maskierte Teenager da waren, sie schossen dann mit dem Feuerwerk auch auf die Polizisten. Dann kamen viele Polizisten, manche auf Motorrädern, die hatten alle Schilder und Schlagstöcke dabei, so kenne ich das eigentlich nur aus Filmen.

Irgendwann wurde "Charge!" gerufen, und alle Polizisten sind auf einmal in die Menge losgerannt und haben versucht, die Leute mit den Raketen festzunehmen. Überall wurde Tränengas verteilt. Es hat sich die ganze Zeit angefühlt, als hätte man Zwiebeln geschnitten. Mir kamen einmal auch Tränen aus den Augen. Ich habe auch gesehen, wie Polizisten unangebracht vorgegangen sind, zum Beispiel Masken runtergerissen haben.

Seitdem ist meine Schule geschlossen. Ich denke, das hat auch etwas mit dem Thema Sicherheit zu tun. Die Polizisten kontrollieren einen, wenn man vor den Schulen abhängt, und da will man einfach Probleme vermeiden.

Meinen Tag als Gastschüler starte ich seitdem eigentlich immer mit dem Glauben, dass der Unterricht morgen wieder losgeht. Am Abend vorher schauen wir in eine Schul-App, in der Lehrer an alle Schüler schreiben, ob die Schule aufhat oder nicht.

Die letzten Tage habe ich mir die Zeit mit Sport vertrieben oder andere Schüler getroffen. Ich war auch schon einmal auf einer Demo. Gerade die französischen Schüler müssen aber im Schulstoff bleiben, weil es theoretisch morgen oder übermorgen weitergehen kann.

Aber selbst wenn der Unterrichtet wieder losgeht, kann es sein, dass sich einige Schüler um 7 Uhr wieder vor die Eingänge stellen, um sie zu blockieren. Aus meiner Klasse geht eigentlich jeder zu den Protesten.

Viele protestieren ganz friedlich, aber es gibt natürlich auch Leute, die – wie schon gesagt – Feuerwerk auf Polizisten schießen und dafür von der Polizei verfolgt werden. Inhaltlich kann ich die Streiks nachvollziehen. Es geht um die Unterbesetzung bei den Lehrern, aber auch um andere Schulumstände: kaputte Toiletten, marode Schulgebäude, so wie in vielen Schulen in Berlin auch.

Es geht aber auch um andere Themen. Zum Beispiel um Rassismus. Ich war mal mit einer Mitschülerin unterwegs, die schwarz ist. Die Polizei hielt sie an und kontrollierte wirklich nur sie – uns Weißen wurde gesagt, wir sollten einfach weitergehen. Das fand ich echt krass.

Was mich auch überrascht hat, ist, dass es viele Lehrerinnen und Lehrer gibt, die den Schülern helfen. Sie verteilen Broschüren mit Nummern von Anwälten und so. Ich finde, das sagt schon viel aus, dass sogar Lehrer die Streiks unterstützen.

Der Alltag hier ist aber auch ohne die Streiks und Proteste ganz anders als in Berlin. Bevor der Unterricht hier ausgefallen ist, war ich ja schon drei Wochen in der Schule. Hier startet der Schultag um 8:20 Uhr und geht bis 17:15 Uhr. Zwar gibt es eineinhalb Stunden Mittagspause, trotzdem, bis ich zu Hause bin, ist es meistens schon 18 Uhr.

Wenn man Mal um 15 Uhr Schluss hat, freut man sich schon richtig. In Berlin ist das ganz anders. Da habe ich normalerweise um 13:30 Uhr oder 14 Uhr Schluss – hier in Paris beginnt da erst die Mittagspause.

Was mir aber auch aufgefallen ist: Hier im Unterricht schlafen die Schüler teilweise, das habe ich in Berlin so noch nie mitbekommen. Insgesamt haben die Lehrer eher weniger Geduld als die in Berlin, und die Schüler sind ziemlich kaputt, weil sie von morgens bis abends in der Schule sind. Außer der Mittagspause gibt es keine Pausen, das ist schon stressiger als in Berlin.

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