So reagieren Männer, wenn sie sich nicht männlich genug fühlen
Was geschieht, wenn Männer an ihrer Männlichkeit zweifeln? Eine umfangreiche Übersichtsstudie aus Kanada hat 38 Experimente ausgewertet – und zeigt: Betroffene reagieren mit einem Verhalten, das ihnen vor allem selbst schadet. Männer sterben im Durchschnitt früher als Frauen, erkranken häufiger an Herz-Kreislauf-Leiden und neigen stärker zu gesundheitsschädlichem Verhalten – etwa Rauschtrinken, Rauchen oder dem übermäßigen Konsum von rotem Fleisch. Doch woran liegt das? Forschende der University of British Columbia in Vancouver sind dieser Frage nachgegangen und haben erstmals systematisch untersucht, welche Rolle die sogenannte Bedrohung der Männlichkeit dabei spielt. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin "American Journal of Men's Health". Männlichkeit als fragiler Status Das Team wertete dafür 38 Einzelexperimente aus 25 wissenschaftlichen Publikationen aus, die zwischen 2010 und 2025 in acht Ländern durchgeführt wurden. Die Stichproben umfassten zwischen 40 und 784 Teilnehmer pro Experiment. Im Zentrum stand jeweils die Frage: Wie verändern sich Verhalten, Emotionen und körperliche Reaktionen von Männern, wenn man ihnen das Gefühl gibt, den gesellschaftlichen Erwartungen an Männlichkeit nicht zu genügen? Grundlage der Forschung bildet die sogenannte "Precarious Manhood Theory" – auf Deutsch etwa: die Theorie der fragilen Männlichkeit. Sie besagt, dass Männlichkeit im Gegensatz zu Weiblichkeit als ein unsicherer sozialer Status gilt, der immer wieder aktiv unter Beweis gestellt werden muss. Wird dieser Status infrage gestellt – etwa durch Rückmeldungen, die nahelegen, dass jemand nicht "männlich genug" sei –, kann das Kompensationsverhalten auslösen: Betroffene versuchen, ihre Männlichkeit durch betont maskulines Verhalten wiederherzustellen, wie die Studienautoren erläutern. Verunsicherte Männer greifen vermehrt zu Fleisch Der mit Abstand am besten untersuchte Bereich war das Essverhalten. 16 der 38 Experimente befassten sich mit der Ernährung, 14 davon speziell mit Fleischkonsum. Das Ergebnis fiel bemerkenswert eindeutig aus: Männer, deren Männlichkeit zuvor experimentell infrage gestellt worden war, griffen deutlich häufiger zu Fleisch, lehnten vegetarische Alternativen stärker ab und zeigten eine intensivere emotionale Bindung an Fleischprodukte. Bei Getränken zeichnete sich ein ähnliches Bild ab – verunsicherte Männer entschieden sich häufiger für als stereotypisch männlich geltende Getränke wie Alkohol oder Energydrinks. Allerdings fielen die Resultate nicht durchgängig einheitlich aus. Zwei Studien konnten keine klaren Effekte auf die Absicht, Fleisch zu konsumieren, nachweisen. Auffällig war zudem, dass die Befunde bei tatsächlichem Verhalten – also wenn Teilnehmer wirklich Essen auswählten – deutlich konsistenter ausfielen als bei reinen Befragungen zu Einstellungen oder Absichten. Bedrohte Männlichkeit führt zu Stress und riskantem Verhalten Neben dem Essverhalten untersuchten neun Experimente die Auswirkungen auf das emotionale Wohlbefinden und körperliche Stressreaktionen. Den Ergebnissen zufolge berichteten Männer, die sich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlten, verstärkt von Scham, Schuldgefühlen und Wut. Gleichzeitig sank ihr Einfühlungsvermögen. Auf körperlicher Ebene registrierten die Forschenden erhöhte Cortisolwerte – ein Hormon, das der Körper bei Stress ausschüttet –, wie "News Medical" zusammenfasst. In weiteren Bereichen fielen die Ergebnisse gemischter aus. Bei Körperbild und Fitness etwa schätzten manche bedrohte Männer ihre eigene Muskelkraft geringer ein als eine Kontrollgruppe – andere hingegen überschätzten ihre körperliche Leistungsfähigkeit. Fünf Experimente widmeten sich riskantem Verhalten: Männer unter Männlichkeitsstress waren eher bereit, in bestimmten Szenarien auf Kondome zu verzichten, und hielten Schmerzen länger aus als Männer, deren Männlichkeit nicht infrage gestellt wurde. Auch zwischenmenschliche Beziehungen blieben nicht unberührt. In zwei Experimenten gaben bedrohte Männer an, weniger Nähe und Verbundenheit gegenüber ihren Partnerinnen oder Partnern zu empfinden. Nicht alle Männer reagieren gleich Besonders aufschlussreich ist die Frage, welche Männer auf solche Bedrohungen am stärksten reagieren. Die Übersichtsstudie identifizierte zwei entscheidende Faktoren: Zum einen spielte es eine Rolle, ob Männer Männlichkeit als einen leicht zu verlierenden sozialen Status betrachteten. Wer davon überzeugt war, reagierte auf Bedrohungen mit deutlich stärkeren Stressreaktionen. Zum anderen zeigten Männer, die sich selbst als besonders maskulin einschätzten, ausgeprägtere psychische und körperliche Reaktionen. Umgekehrt gab es Hinweise darauf, dass Männer, die traditionellen Männlichkeitsidealen weniger Bedeutung beimessen, auf solche Bedrohungen eher mit Widerstand oder Gleichgültigkeit reagierten – sie ließen sich also nicht zu kompensatorischem Verhalten verleiten. Ergebnisse mit Einschränkungen Die Forschenden betonen, dass die bisherige Studienlage trotz der klaren Tendenz mit Vorsicht zu interpretieren sei. Mehr als drei Viertel der ausgewerteten Experimente wiesen methodische Schwächen auf – häufig fehlten etwa vorab festgelegte Analysepläne oder Überprüfungen, ob die experimentelle Manipulation tatsächlich funktioniert hatte. Zudem stammten 26 der 38 Experimente aus den USA, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Kulturkreise einschränkt. Auch erfassten die Versuche in erster Linie kurzfristige Reaktionen im Labor – ob sich solche Muster langfristig auf die Gesundheit auswirken, müsse erst noch erforscht werden. Empfehlungen der Redaktion Männliche Selbstbefriedigung: eine Art private Leistungsprüfung? Wann ist ein Mann ein Mann? Einfach mal kein Arschloch sein! Eltern wissen oft nur, wie der Sohn nicht sein soll Dennoch liefert die Studie nach Einschätzung der Autoren wichtige Hinweise für die öffentliche Gesundheitskommunikation: Wer verstehe, dass Angriffe auf den maskulinen Status unter bestimmten Umständen zu ungesundem Verhalten führen können, könne gezielter gegensteuern. (red)