So verändert sich das Rauchverhalten bei nikotinarmen Zigaretten tatsächlich
Wer auf Zigaretten mit drastisch reduziertem Nikotingehalt umsteigt, greift nicht häufiger zur Zigarette und atmet den Rauch auch nicht tiefer ein. Das belegt eine umfangreiche Übersichtsarbeit aus den USA – und entkräftet damit den bislang befürchteten Ausgleichseffekt beim Rauchausstieg. Mit dem Rauchen aufzuhören ist für viele Betroffene eine grosse Herausforderung. Oft scheitern Versuche am Suchtstoff Nikotin, der im Tabak enthalten ist und rasch eine starke Abhängigkeit erzeugt. In den USA verfolgt die Arzneimittelbehörde FDA deshalb Pläne, den Nikotingehalt in Zigaretten und anderen Tabakprodukten zum Rauchen per Gesetz massiv abzusenken. Doch ein Einwand begleitete diese Idee von Beginn an: Würden Raucherinnen und Raucher dann nicht einfach mehr Zigaretten rauchen oder intensiver inhalieren, um das fehlende Nikotin auszugleichen? Ein Forschungsteam der medizinischen Fakultät der Wake Forest University in North Carolina ist dieser Frage nun systematisch nachgegangen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten 17 randomisierte klinische Studien mit insgesamt mehr als 5.500 jugendlichen und erwachsenen Teilnehmenden. Im Mittelpunkt standen sogenannte VLNC-Zigaretten (Very Low Nicotine Content), deren Nikotingehalt rund 95 Prozent unter dem herkömmlicher Zigaretten liegt. Die Ergebnisse der Übersichtsarbeit erschienen im Fachjournal "JAMA Network Open". Befürchteter Ausgleichseffekt bleibt aus Das Resultat fällt eindeutig aus: In keiner der ausgewerteten Studien stieg der durchschnittliche tägliche Zigarettenkonsum oder die mittlere Kohlenmonoxidbelastung bei Personen, die auf die nikotinarmen Zigaretten umgestiegen waren. Ganz im Gegenteil – in 16 der 17 Untersuchungen rauchten die Probandinnen und Probanden mit VLNC-Zigaretten sogar weniger als jene in den Kontrollgruppen, die herkömmliche Zigaretten erhielten. Darüber hinaus unternahmen zahlreiche Teilnehmende aus eigenem Antrieb den Versuch, das Rauchen vollständig einzustellen. Der vielfach befürchtete Kompensationseffekt – also dass Rauchende ihren Konsum steigern oder tiefer einatmen, um das gewohnte Nikotinniveau aufrechtzuerhalten – lässt sich demnach wissenschaftlich nicht bestätigen. Nur ein Bruchteil rauchte kurzfristig mehr Allerdings schliessen diese Durchschnittswerte nicht aus, dass einzelne Personen ihr Rauchverhalten vorübergehend veränderten. In einer ergänzenden Meta-Analyse mit Daten von mehr als 2.400 Teilnehmenden aus sieben US-Studien ermittelten die Forschenden, dass in der ersten Woche nach dem Umstieg rund 23 Prozent der Probandinnen und Probanden möglicherweise mehr Zigaretten konsumierten. Sechs Wochen später schrumpfte dieser Anteil jedoch auf 0,8 Prozent. Mithilfe von maschinellem Lernen suchte das Forschungsteam gezielt nach Bevölkerungsgruppen, die ein erhöhtes Risiko für die befürchtete Kompensation beim Rauchen aufweisen könnten – etwa definiert durch Abhängigkeitsgrad, Bildungsniveau oder Rauchhistorie. Solche Risikogruppen liessen sich jedoch nicht identifizieren, wie "EurekAlert!" berichtet. Wichtige Abgrenzung: Unterschied zwischen "Light"- und VLNC-Zigaretten Ein wesentlicher Aspekt der Debatte ist die Unterscheidung zwischen nikotinarmen Zigaretten und den sogenannten "Light"-Zigaretten, die vor Jahrzehnten auf den Markt kamen. "Light"-Produkte enthalten keineswegs weniger Nikotin im Tabak selbst, sondern setzen auf belüftete Filter, die den inhalierten Rauch verdünnen. Die Folge ist hier tatsächlich kompensatorisches Rauchen: Konsumentinnen und Konsumenten ziehen häufiger und tiefer an der Zigarette, was die Schadstoffbelastung sogar erhöht. Die Begrifflichkeit "Light" gilt daher als irreführend und ist seit 2003 in der EU verboten. VLNC-Zigaretten funktionieren grundlegend anders – bei ihnen wird der Nikotingehalt direkt im Tabak reduziert. Dass die historischen Erfahrungen mit "Light"-Zigaretten dennoch Skepsis gegenüber der Nikotinreduktion geschürt haben, bezeichnete Hauptautorin Rachel Denlinger-Apte als nachvollziehbar, aber durch die Datenlage nicht gestützt. Potenzial für eine der wirkungsvollsten Gesundheitsmassnahmen des Jahrhunderts Modellrechnungen deuten darauf hin, dass eine gesetzliche Obergrenze für den Nikotingehalt in Zigaretten langfristig Millionen Menschen zum Rauchstopp bewegen könnte. Eine Simulationsstudie kam zu dem Ergebnis, dass eine solche Massnahme in den USA fast fünf Millionen Menschen innerhalb des ersten Jahres zum Aufhören hätte bringen und bis zu 8,5 Millionen tabakbedingte Todesfälle bis zum Jahr 2100 hätte verhindern können. Empfehlungen der Redaktion Warum viele im Urlaub krank werden Dieser Faktor wurde beim Krebsrisiko wohl drastisch unterschätzt Warum die Abnehmspritze so viel Hoffnung weckt – und was sie wirklich kann "Das könnte eine der wirkungsvollsten gesundheitspolitischen Massnahmen dieses Jahrhunderts sein", so Denlinger-Apte. Obwohl die Raucherquote in den USA von über 40 Prozent in den 1960er-Jahren auf knapp unter zehn Prozent gesunken sei, rauchten dort immer noch rund 25 Millionen Menschen. Tabakkonsum bleibe eine der häufigsten Ursachen für vermeidbare Todesfälle. Die vorgeschlagene FDA-Regulierung befindet sich derzeit noch in der Prüfungsphase. Ob und wann ähnliche Massnahmen auch in Europa diskutiert werden, bleibt abzuwarten – die wissenschaftliche Grundlage dafür liefert die aktuelle Übersichtsarbeit allemal. (red)