So verändert soziale Isolation die Lust auf Alkohol im Gehirn
US-Forschende haben im Gehirn von Mäusen einen Signalweg entdeckt, der bei Isolation die Lust auf Alkohol steigert. Doch die Reaktion fällt bei männlichen und weiblichen Tieren unterschiedlich aus. Das Forschungsteam sieht mögliche Bezüge zum Menschen.
Ein Team von Neurowissenschaftlern aus den USA hat im Gehirn von männlichen Mäusen einen Mechanismus entdeckt, der wohl Verlangen nach Alkohol auslöst, wenn die Tiere einsam sind. Die Forschenden um Reesha Patel von der Northwestern University in Chicago machten den Signalweg mithilfe eines speziellen Verfahrens sichtbar, wie sie im Fachblatt "Nature Neuroscience" beschreiben.
Dabei interessierten sie sich für die Verbindung zwischen der Amygdala und dem präfrontalen Kortex. Wurden die Mäuse zunächst in Gruppen gehalten und dann isoliert, wurde diese Verbindung deutlich aktiver und die Mäuse waren stärker dem Alkohol zugeneigt.
Amygdala und präfrontaler Kortex
Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems und verarbeitet besonders schnell emotionale Reize – vor allem Angst, Bedrohung, Wut, aber auch Belohnung und soziale Signale. Sie hilft etwa dabei, Gefahr zu erkennen und eine unmittelbare Stressreaktion auszulösen.
Der präfrontale Kortex liegt ganz vorne im Gehirn, hinter der Stirn. Dieser Bereich ist wichtig für Planung, Konzentration, Impulskontrolle, Abwägen von Folgen, Entscheidungen und die bewusste Regulation von Emotionen.
Für das Experiment wurden die Tiere unter anderem mit sogenannten Miniscopen ausgestattet. Mit diesen Instrumenten konnten die Forscher die Aktivität der ausgewählten Gehirnregionen in Echtzeit verfolgen, während sie die Tiere frei in den Gehegen bewegten. Die Mäuse durften zwischen zwei Getränkebehältern wählen. Einer enthielt reines Wasser, der andere eine 15-prozentige Alkohollösung.
Männliche Tiere stärker dem Alkohol zugeneigt
Wurden die Mäuse isoliert, wählten die Männchen häufiger den Behälter mit dem Alkohol. Weibchen hingegen reagierten genau entgegengesetzt – sie reduzierten ihren Alkoholkonsum.
"Unsere Untersuchungen zeigen, dass ein bestimmter Signalweg während der Isolation überaktiv wird und direkt zu erhöhtem Alkoholkonsum führt, und dass Männer und Frauen in Einsamkeit auf unterschiedliche neuronale Strategien zurückgreifen", sagt Reesha Patel.
Auch bei Menschen beobachten Forschende deutliche Unterschiede in Bezug darauf, wie Männer und Frauen auf Einsamkeit reagieren. So hatten Forschende 2025 die Daten von rund 17.800 Teilnehmenden dreier großer Kohortenstudien aus Deutschland ausgewertet. Die Analyse zeigte, dass einsame Männer tendenziell häufiger Alkohol tranken und dabei höhere Risiken für ihre Gesundheit eingingen. Frauen, die sich einsam fühlten, neigten dagegen deutlich seltener zu riskantem Konsum als Frauen, die nicht einsam waren.
Einige Fragen bleiben offen
Ob die Erkenntnisse aus den Experimenten mit den Mäusen auf Menschen übertragbar sind, ist aber offen und soll erst in späteren Studien untersucht werden.
Die Autoren der neuen Studie können auch nicht erklären, wie es zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden kommt. Möglich sei, dass es tiefer liegende Unterschiede bei den Signalwegen in den Gehirnen gebe. Aber auch hormonelle Unterschiede könnten eine Rolle spielen. Das wollen die Forschenden in kommenden Studien näher untersuchen.
Bereits jetzt gelang es ihnen aber, den wohl für die Neigung zum Alkohol entscheidenden Verbindungsweg im Gehirn der Mäuse mit Hilfe von Lichtsignalen gezielt zu manipulieren. Aktivierten sie die Verbindung bei den in Gruppen gehaltenen Männchen, steigerte das deutlich deren Lust auf Alkohol – die Tiere verhielten sich also so wie in der Isolation, obwohl sie nicht einsam waren. Hemmten die Forscher den aktivierten Signalweg bei einsamen Mäusen, tranken diese wiederum deutlich seltener Alkohol.
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Was die Ergebnisse für Alkoholismus bei Menschen bedeuten
Die Erkenntnisse liefern laut den Forschenden auch mögliche Ansatzpunkte, Alkoholismus bei Menschen besser zu verstehen. Denn die Fehlsteuerung der Signalwege im Gehirn der Mäuse weise ähnliche Muster auf, wie sie auch bei Menschen beobachtet würden. Auch dort spielt der präfrontale Kortex laut klinischer Forschung eine zentrale Rolle dabei, wenn mit Alkohol verbundene Reize bei abhängigen Menschen Suchtdruck und Rückfälle auslösen. (Clemens Haug, dpa/bearbeitet von sbi)