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Social Media: Schon Achtjährige in der Suchtambulanz

Technologie

Startseite Deutschland Die zerstörerische Anziehungskraft der digitalen Welt: Schon Achtjährige kommen in die Suchtambulanz Von: Stephanie Eva Fritzsche Uns auf Google folgen Kinder werden immer öfter und immer jünger mediensüchtig. Jedes vierte Kind hat ein riskantes Nutzungsverhalten. Die Fünf-Finger-Regel gibt Eltern Anhaltspunkte. Berlin/Dießen am Ammersee – Die Sucht beginnt schleichend, aber sie betrifft alle Gesellschaftsschichten. Kinder nutzen Smartphones oder iPads in immer jüngerem Alter und die Nutzungsdauer steigt – allen Gefahren zum Trotz. „Es ist wissenschaftlich erwiesen: Je früher Kinder unkontrollierten Zugang zu digitalen Medien haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ein riskantes Nutzungsverhalten zu entwickeln“, erklärt Privatdozentin Dr. Kerstin Paschke, Leiterin des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters am Universitätsklinikum Eppendorf, dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Jedes zweite acht- bis neunjährige Kind habe ein eigenes Smartphone und jedes dritte Kind zeige bereits Symptome einer problematischen Mediennutzung, sagt Paschke. „Die jüngsten Patienten, die wir in unserer Spezialambulanz sehen, sind Achtjährige, bei denen die Eltern den Medienkonsum nicht einschränken können. Manche unserer jungen Patienten können bei Beschränkung aggressiv werden, ihren Alltag nicht mehr bewältigen, und ihnen droht der Verlust sozialer Kontakte im analogen Leben.“ Junge Menschen verbringen teils Jahre in digitalen Scheinwelten: Fünf-Finger-Regel hilft Eltern Eine Mediensucht ist laut WHO-Kriterien gegeben, wenn drei Kriterien über einen Zeitraum von zwölf Monaten erfüllt sind: Der Betroffene verbringt mehr Zeit im Internet, als er eigentlich möchte, soziale Kontakte, Sport und Schule leiden darunter und obwohl die negativen Folgen erkannt werden, gelingt es ihm nicht, den Konsum einzuschränken. „Aus klinischer Sicht kann man auch bei der Erfüllung einzelner Kriterien bereits einen riskanten Medienkonsum ableiten. Für Eltern hilft die Fünf-Finger-Regel: Schläft das Kind genug entsprechend der Altersempfehlungen? Trifft es noch regelmäßig Freunde und geht Hobbys nach? Isst es noch regelmäßig und kümmert sich um Körperpflege, bringt es noch schulische Leistungen? Und gibt es im Haushalt weiter Kontakt zum Kind, oder zieht es sich aus allem raus?“, erläutert Paschke. Kinder im Netz – Vierteilige Merkur-Serie zu Social-Media-Gefahren Teil 1: „Öffnen mit dem Smartphone die Kinderzimmertür für Unbekannte“ – Cyber-Kriminologe warnt Eltern Teil 2: „Alle gucken zu“: Online-Mobbing trifft Millionen – warum ein Bündnis nun auf den „Netz-Führerschein“ setzt Teil 4 wird sich mit der Frage befassen, wie Social-Media-Nutzung das Verhalten von Kindern und Jugendlichen beeinflusst. Das Problem der Mediensucht verschwindet nicht mit dem Erwachsenenalter, sondern kann sich ohne elterliche Kontrolle manifestieren. Extreme Fälle finden Hilfe an der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee. „Junge Menschen können ihre Sucht in der Schule vielleicht noch ansatzweise vertuschen. Aber sobald sie sich selbst versorgen müssen, in einer Stadt, in der sie niemand kennt, und ohne Kontrolle durch das Elternhaus, rutschen einige massiv in die Sucht ab“, sagt Professor Bert te Wildt, Chefarzt und Experte für Online-Sucht der Klinik in Dießen. „Wir behandeln Fälle, die über Monate hinweg über 10 bis 16 Stunden in digitalen Spielwelten verbringen. Es führt bis zur körperlichen Verwahrlosung, der völligen sozialen Vereinsamung und dem Scheitern in Ausbildung und Studium.“ In einem Fall konnte ein Patient gar nicht mehr laufen, weil er zwei bis drei Jahre im Netz verbracht und nur noch liegend gespielt hatte. „Suchtpotenzial im Internet haben vor allem Spiele, Pornografie, soziale Medien und Streaming. Hier finden keine echte Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen statt“, warnt te Wildt. Junge Männer sind statistisch häufiger süchtig nach Onlinespielen, junge Frauen nach sozialen Medien. In der Klinik landen dennoch mehr Männer. „Der typische Internetsüchtige ist ein junger Mann, der viel Zeit seines Lebens in digitalen Medien verbracht und dort anders als in der realen Welt gute Erfahrungen gemacht hat“, erklärt te Wildt. „In der analogen Welt hatte er dagegen entwertende, ausgrenzende oder bedrohliche Erlebnisse, was dazu führt, dass er sich immer mehr ängstlich, sozial, phobisch und depressiv zurückzieht, um in der virtuellen Welt den Helden zu spielen, der er in der realen Welt nicht sein kann.“ Auch te Wildt erlebt, was der Entzug der Droge Internet mit den Patienten macht. Dann zeige sich „häufig eine hohe Aggressivität oder Depressivität. Die kann gefährlich werden und suizidal oder fremdgefährdend sein, was Fälle von Tötungen von Angehörigen zeigen.“ Typisch sei auch eine schwere Depression: „Die Betroffenen können nichts mit sich anfangen, sie spüren sich nicht und sind nicht in der Lage, etwas in der analogen Welt zu tun, das ihnen Freude bereitet.“ Experten einig: Wurzel der Mediensucht liegt in der Kindheit Genau das sei Teil der Therapie: „Es geht um ein sanftes Zurückführen in die analoge Welt und positive Erlebnisse. Patienten müssen überhaupt in der analogen Welt die Existenzform ihres eigenen Körpers wieder begreifen und entdecken“, erläutert der Experte. „Dabei geht es auch darum, Alternativen aufzuzeigen, wie sie die freigewordenen Stunden am Tag füllen können. Dabei spielt Sport eine wichtige Rolle.“ Die Ursache der Sucht sehen beide Psychologen in der Kindheit. Die größte Verantwortung kommt den Eltern zu. „Medien sind kurzfristig wirksam, um Kinder zu beschäftigen. Eltern setzen sie aber mitunter auch ein, um die Emotionen der Kinder zu regulieren“, sagt Kinderpsychologin Paschke. „Nicht selten zeigen auch Eltern selbst eine problematische Nutzung. Und Kinder lernen von ihren Eltern. Das Modellverhalten spielt eine große Rolle. Hinzu kommt, dass sich viele Eltern nicht gut genug auskennen und sich der Gefahren wie Cybergrooming, Challenges und süchtig-machenden Inhalten nicht bewusst sind.“ Das fordert unglaublich viel von Eltern. Sie können es nicht alleine lösen. Da muss die Politik helfen. Aber die Kinder- und Jugendpsychologin macht den Eltern keinen Vorwurf. „Eine protektive Anleitung der Kinder setzt eine Reflexion des eigenen Mediennutzungsverhaltens voraus. Außerdem sollten Eltern auf dem neusten Stand bleiben, damit ihre Kinder sie als Digital Natives nicht überholen. Das fordert unglaublich viel von Eltern. Sie können es nicht alleine lösen. Da muss die Politik helfen“, sagt Paschke. Die Bundesregierung arbeitet gerade an einem Gesetzentwurf für ein Verbot sozialer Medien. Dabei sorgt die Altersgrenze allerdings noch für Diskussionen. Suchtexperte Te Wildt empfiehlt auch Erwachsenen eine stärkere Selbstkontrolle und den Einsatz von bewussten Offline-Zeiten: „Es ist nicht nur für Kinder und Süchtige sinnvoll, Bildschirmzeiten zu begrenzen, sich Zeitlimits zu setzen und medienfreie Zeiten und Räume im Alltag festzulegen“, sagt er. Das könnten die letzte und erste Stunde des Tages sein, Orte wie Esstisch und Schlafzimmer oder bestimmte Situationen wie Familienausflüge: „Jeder kann sich Auszeiten im Alltag schaffen. Das kann sich auch über ein ganzes Wochenende ziehen oder eine ganze Woche Digital Detox im Urlaub sein, um den Kontakt zur realen Welt und den Mitmenschen zu intensivieren.“ (Quellen: Kerstin Paschke, Bert te Wildt, eigene Recherchen)

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