Sofortprogramm: Während der ersehnte ICE aus der App verschwindet, lauschen wir meditativen Walgesängen
Wie die Nationalmannschaft dient die Bahn als eine Art Big-Mac-Index, an dem abzulesen ist, wo Deutschland gerade steht. Es wäre jetzt ganz unnötig, irgendwelche Bananenrepubliken als Vergleichsgrößen zu bemühen. Wir wissen selbst, wie düster es aussieht. Ein Schweizer Schriftsteller erzählte mir neulich, auf Lesereisen wage er sich mit der Bahn höchstens bis Mannheim. Alles darüber hinaus sei Russisch Roulette; man könne nicht einmal sicher sein, ob bis zur Ankunft nicht schon das nächste Buch erschienen sei. Wodurch sich wiederum die nächste Lesereise verspäten würde, bis zu einem Zustand, in dem sich die meisten Leute, die aus tragischen persönlichen Gründen auf das Reisen mit der Bahn angewiesen sind, eingerichtet haben: der totalen Resignation. Wie soll ein auf Effizienz getrimmtes neuronales Netz drei Tage vor der feierlichen Wiedereröffnung verarbeiten, dass auf der seit Monaten gesperrten Strecke Nürnberg-Regensburg die Stellwerktechnik zickt? Für den gestählten Bahnfahrer ein routiniertes Schulterzucken, für die KI ein tödliches Paradoxon. Kiana wird bald einsehen, dass es sich bei Fahrplänen weniger um feste Voraussagen handelt als um eine Art postmodernes Literatur-Experiment. Der totale Kollaps droht angesichts der Aussagen der eigenen Führungsetage. Bahn-Chefin Evelyn Palla verkündete diese Woche angesichts des Regensburger Desasters, man werde „die Art und Weise, wie wir planen, wie wir umsetzen“ umfassend auf den Prüfstand stellen. Wenn ein Milliardenkonzern 2026 das Konzept des „Planens und Umsetzens“ an sich fundamental hinterfragt, drohen wir, die Newton’sche Physik endgültig hinter uns zu lassen. Tatsächlich entspricht eine Stunde am Gleis in Kassel-Wilhelmshöhe auf der Erde inzwischen einem Zeitraum von sieben Jahren. So erklären sich auch die rund 7000 neuen, sündhaft teuren Monitore, die demnächst an den Bahnhöfen erstrahlen sollen. Hat Kiana erst begriffen, dass sie einem System dient, in dem Pünktlichkeit eine Illusion ist, wird sie die Displays seelsorgerisch umfunktionieren. Anstatt „Fahrt fällt heute aus“ leuchten in beruhigendem DB-Rot Camus-Zitate auf: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Und während der ersehnte ICE sang- und klanglos aus der App verschwindet, lauschen wir meditativen Walgesängen.