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Sohn spricht über Abschiebung

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"Wir werden gerade abgeschoben. Ich bin im Flughafen mit deiner Schwester." Diese Sprachnachricht seines Vaters habe er am Freitagmorgen, dem 16. Oktober, bekommen, erzählt Ruhaim Rouf. Er habe gerade im Hostel in Berlin gestanden und sich die Zähne geputzt, seine Klassenfahrt war fast vorbei. Er habe sich eigentlich schon gefreut, seine Familie nach einer Woche wiederzusehen, erzählt der Teenager. Doch daraus wurde nichts.

"Ich habe angefangen zu weinen", sagt der 15-Jährige. "Das war wirklich so ein Schock für mich." Danach habe er angerufen, immer wieder. "Mein Vater ging nicht ran, meine Mutter nicht, meine Schwester nicht." Nach seinen Angaben hätten alle ihre Handys abgeben müssen. "Was soll ich darunter verstehen, wenn ich nur eine Nachricht bekomme und auf einmal sind alle stumm?"

Bewahrte ihn die Klassenfahrt vor der Abschiebung?

Erst nach und nach erfährt Ruhaim, was in Opladen passiert ist. Nach Angaben von Unterstützern brechen Mitarbeitende der Ausländerbehörde am frühen Morgen die Wohnungstür der Familie auf. Seine Mutter und die jüngeren Geschwister seien in Düsseldorf festgehalten worden, sagt Ruhaim. Sein Vater Mohamed und seine älteste Schwester Ramla, sie ist 19 Jahre alt, werden noch am selben Tag nach Sri Lanka abgeschoben. "Ich war auch froh, dass sie mich nicht bekommen haben", sagt Ruhaim. "Sonst wäre ich in dem gleichen Flugzeug gewesen."

Ruhaim wurde nicht abgeschoben - er war auf Klassenfahrt.

Bildquelle: WDR

Familie lebt seit acht Jahren in Leverkusen

Ganz überraschend sei die Abschiebung nicht gekommen, sagt er. "Ich habe schon erwartet, dass so was passieren könnte. Aber nicht ohne Verwarnung." Seine beiden jüngsten Brüder seien sieben und neun Jahre alt. "Wer geht um fünf Uhr morgens zu einer Familie, wo es noch Minderjährige gibt, stürmt mit Polizei rein und schlägt die Tür kaputt?"

Ruhaim ist wütend. "Wie kann man so ein grausamer Mensch sein und eine Familie zerreißen und abschieben? Wir leben hier seit acht Jahren." Sein Vater sei zu jedem Termin bei der Behörde gegangen und habe seine Papiere immer rechtzeitig abgegeben, sagt er. Straftaten habe in seiner Familie niemand begangen. Dann lacht er kurz: "Das Einzige: Ich habe mal Pfand weggeworfen."

Stadt Leverkusen folgte der Härtefallkommission nicht

Juristisch ist der Fall weitgehend entschieden. Die Asylanträge der Familie sind abgelehnt, die Klagen dagegen blieben erfolglos. Noch am Tag der Abschiebung lehnte das Verwaltungsgericht Köln einen Eilantrag ab. Stadt und Landesregierung sagen, rechtlich sei das nicht zu beanstanden.

Für Fälle, in denen das Recht keinen Aufenthalt vorsieht, gibt es jedoch eine Möglichkeit: die Härtefallkommission des Landes, angesiedelt beim Fluchtministerium. Sie kann aus humanitären Gründen darum ersuchen, dass jemand eine Aufenthaltserlaubnis bekommt, auch wenn die gesetzlichen Voraussetzungen eigentlich nicht erfüllt sind. Genau das hat die Kommission im Fall Rouf getan. Verbindlich ist ein solches Ersuchen nicht, in NRW entscheidet am Ende jeweils die Ausländerbehörde vor Ort.

Die Stadt Leverkusen ist dem Ersuchen nach eigenen Angaben und "nach sorgfältiger Abwägung im Einzelfall" nicht gefolgt. In ihrer Stellungnahme räumt sie aber ein, dass die Trennung eine erhebliche Belastung sei, gerade für die Kinder. Die rechtliche Einordnung beantworte nicht alle menschlichen Fragen, etwa zur Integration und zur schulischen Entwicklung der Kinder. Weitere Details nennt die Stadt mit Verweis auf den Datenschutz nicht. Anfang November soll sich der Stadtrat in einer Sondersitzung mit dem Fall befassen.

Land NRW will eigentlich vor allem Straftäter abschieben

NRW-Fluchtministerin Verena Schäffer (Bündnis 90/Grüne) sagt im WDR-Interview: "Mich bewegt das Schicksal der Familie Rouf sehr, als Mutter, als Familienministerin und insbesondere mit Blick auf die Kinder." Das Vorgehen der Stadt sei jedoch "rechtlich nicht zu beanstanden".

Der Fokus, den das Land setzt, ist jedoch eigentlich ein anderer. Bei Abschiebungen liege die Priorität auf Straftätern und Gefährdern, sagt Schäffer. Für Menschen, "die schon lange hier sind, die sich gut integriert haben, deren Kinder hier zur Schule gehen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen", sollen dagegen "Bleibemöglichkeiten auch genutzt werden". Inzwischen befasst sich auch der Petitionsausschuss des Landtags mit dem Fall. Schäffer spricht von "konstruktiven Gesprächen".

Jochen Ott, SPD

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SPD-Oppositionsführer Jochen Ott sagt im WDR-Interview: "Wir schieben die Falschen ab." Die Härtefallkommission solle in Einzelfällen entscheiden, und sie entscheide nur in 25 Prozent der Fälle zugunsten derjenigen, die sich an sie gewandt hätten. "Das heißt, es ist ein seriöses Instrument, und ich möchte von den Kommunen gerne erwarten dürfen, dass, wenn die Härtefallkommission sagt, diese Familie darf bleiben, dann sollten die Kommunen sich daran auch orientieren."

Das würde allen mehr Rechtssicherheit geben, so Ott weiter. Er hoffe sehr, "dass die Ministerin und der Leverkusener Oberbürgermeister alles tun, um jetzt in diesem Fall eine gute Lösung zu finden".

Elizaveta Khan von der Initiative "AG Bleiben" unterstützt Familien in solchen Verfahren. Sie sagt, die Vorgabe des Landes komme vor Ort nicht an. "Wir stellen fest, dass das bei den Kommunen nicht funktioniert." Straftäter seien aus vielen Gründen schwer abzuschieben. "Dann greift man natürlich auf die Fälle zurück, die vermeintlich einfacher sind." Gemeint seien Menschen, derer die Behörden leichter habhaft werden könnten. Khans Fazit: "Die Idee des Landes funktioniert nicht in der Praxis."

Genau das macht Ruhaim wütend. "Es gibt so viele Kriminelle, die in Deutschland falsch leben", sagt er. "Anstatt da etwas zu machen, kommen die zu einer Familie, die sich gut integriert hat." Seine Familie habe sich an die Regeln gehalten. "Ich verstehe nicht, was da das Problem ist."

Ruhaims Familie lebt seit acht Jahren in Deutschland.

Bildquelle: WDR

Mutter und Sohn haben Angst, sich zu treffen

Seit der Abschiebung habe Ruhaim seine Mutter nicht gesehen. Die beiden trauten sich nach seinen Worten nicht, am selben Ort zu sein, aus Angst, dann gemeinsam abgeholt zu werden. "Wir hatten mehrere Möglichkeiten, uns zu treffen", sagt Ruhaim. "Aber ich und meine Mutter haben uns nicht getraut." Sie telefonierten, er versuche, sie zu beruhigen. "Ich vermisse sie. Ich will sie auch im echten Leben mal umarmen."

Seine Mutter komme kaum zurecht, erzählt er, allein mit den jüngeren Kindern, ohne ihren Mann und ohne ihre älteste Tochter. Im Netz bekomme sie außerdem viele Hasskommentare. Sein Vater und seine Schwester seien in Sri Lanka fürs Erste bei einem Onkel untergekommen.

15-Jähriger findet Kirchenasyl in Duisburg

Bildquelle: privat

WDR. 2 Min. 36 Sek.. Verfügbar bis 22.10.2028.

"Diese acht Jahre sind dann für nichts gewesen"

Ruhaim sei Klassensprecher, erzählt er. Er wolle seinen Realschulabschluss machen und danach eine Ausbildung zum Koch. In Sri Lanka sehe er dafür keine Chance.

Während des Gesprächs lächelt er immer wieder. Er versuche trotz allem, "immer positiv zu bleiben", sagt er. "Aber ehrlich gesagt ist mein Kopf so durcheinander, dass ich nicht weiß, wie es mir geht." Einen normalen Tag könne er sich gerade nicht vorstellen. Jetzt seien Herbstferien, und wenn er auf dem Handy Urlaubsbilder sehe, denke er sofort an die Abschiebung. "Das geht nicht mehr aus meinem Kopf raus."

Er wünsche sich, wieder zur Schule gehen zu können, "ohne Sorge, dass ich jederzeit gepackt und mit meiner Familie in ein Flugzeug geschmissen werde". Und er wünsche sich seinen Vater und seine Schwester zurück. "Wir sind eine Familie und wir sind zerrissen. Ich will, dass wir wieder zusammen sind."

Als während des Interviews ein Flugzeug über Leverkusen fliegt, schaut Ruhaim nach oben. "Ich hoffe, das bin ich nicht bald in diesem Flugzeug."

Unsere Quellen:

Interview mit Ruhaim Rouf

Interview mit Flucht- und Integrationsministerin Verena Schäffer (B‘90/Grüne)

Interview mit Elizaveta Khan

Interview mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden in NRW Jochen Ott

Stellungnahme der Stadt Leverkusen

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