Song angefeindet – „Du sagst Völkermord, ich sage Krieg“
Audioplayer wird geladen Anzeige In den Achtzigern war er mit der Band „Culture Club“ eine der bekanntesten Stimmen der Popkultur. Er galt als Paradiesvogel, aber auch als Ikone der schwul-lesbischen Szene, lange bevor sich diese unter dem Begriff „Queer“ neu formierte: Sänger Boy George, Interpret von Klassikern wie „Do you really want to hurt me“ und mittlerweile 65 Jahre alt. Wegen der Debatte um seinen jüngsten pro-israelischen Song „We Will Dance Again“ geriet der Künstler zuletzt in- und außerhalb Großbritanniens unter Druck. Anzeige Lesen Sie auch Insbesondere in den sozialen Netzwerken häuften sich die Hasskommentare zu dem Titel. Boy George selbst dokumentierte sie immer wieder auf seinem X-Account und schrieb etwa: „So viele Menschen rufen mich an und sagen, ich solle die Klappe halten und es (den Shitstorm, d. Red.) vorüberziehen lassen, und obwohl sie es gut meinen, fürchte ich, dass das keine Option ist.“ Und weiter heißt es: „Am schockierendsten ist die Menge schwuler Menschen, die mich angreifen.“ „Du sagst Völkermord, ich sage Krieg“ Der – teils AI-kreierte – Song „We will dance again“ („Wir werden wieder tanzen“) wurde bereits Ende Juli im Internet veröffentlicht. Damit griffen Boy George und sein Team den Slogan der Überlebenden des Großangriffs der islamistischen Terrororganisation Hamas auf das Supernova-Musikfestival am 7. Oktober 2023 auf. Der Sänger bekundet darin auch deutlich seine Solidarität mit Israel. Im Text heißt es unter anderem: „Du sagst Völkermord, ich sage Krieg. (...) Du erwähnst nie den 7. Oktober: junge Mädchen, die, an Bäume gedrückt, vergewaltigt und brutal ermordet wurden.“ Anzeige In einigen britischen Medien gab es deshalb Lob für den Künstler. Der „Telegraph“ (gehört wie WELT zum Verlag Axel Springer) kürte George in einer Lobeshymne zum „Mann des Jahrzehnts“ und applaudierte ihm für sein Durchhaltevermögen: „Die meisten Juden in Großbritannien hätten sich wohl im Traum nicht vorstellen können, dass ausgerechnet der queere, trans-freundliche und von Bowie inspirierte Popstar George Alan O’Dowd – besser bekannt als Boy George – zu ihrer wichtigsten Identifikationsfigur der Stunde (ja, eigentlich des ganzen Jahrzehnts) werden würde“, heißt es in dem Text. Lesen Sie auch Und weiter: Es sei erstaunlich, was für eine Transformation der Sänger in den vergangenen Monaten hingelegt habe. Der Mut, in einer Kulturlandschaft, die nur allzu oft nach „Free Palestine“ rufe, einen Song für die Opfer des Terroranschlags auf das Musikfestival Nova in Israel zu veröffentlichen, sei allein schon bemerkenswert. Aber schon vorher habe der Sänger bereits gezeigt, auf welcher Seite er stehe, schreibt der „Telegraph“ und erinnert daran, dass Boy George Aufrufe zum Boykott des „Eurovision Song Contest“ (ESC) wegen der Beteiligung Israels stets verurteilt habe. Bei seinem Auftritt beim diesjährigen Wettbewerb – Boy George trat als Gaststar für San Marino an – habe er ebenfalls öffentlich erklärt, dass er seine jüdischen Freunde „niemals“ im Stich lassen würde. Absage für Londoner Rock-Oper Derweil nimmt der Sänger offenbar auch persönliche und finanzielle Konsequenzen für sein Engagement in Kauf. Wegen der Debatte um den pro-israelischen Song wird Boy George etwa nicht mehr wie geplant bei der Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ in London auf der Bühne stehen. „Nach langer Überlegung habe ich in meiner Eigenschaft als Manager von Boy George beschlossen, dass er nicht mehr in ‚Jesus Christ Superstar‘ im London Palladium auftreten wird“, erklärte sein Manager Paul Kemsley bereits am vergangenen Donnerstagabend im Onlinedienst Instagram. „George hat sich nie gescheut, seine persönliche Meinung zu vertreten, und dafür habe ich ihn immer respektiert“, betonte Kemsley, der selbst Jude ist. Es sei jedoch seine Verantwortung, Entscheidungen im besten Interesse des Künstlers zu treffen „und dabei auch anderen Respekt entgegenzubringen“. Boy George sollte eigentlich vom 3. bis 15. August als König Herodes in dem erfolgreichen Musical mitwirken. Der auf dem X-Account des Sängers veröffentlichte Song wurde mittlerweile von mehr als fünf Millionen Menschen angehört und hat sowohl dankbare als auch kritische Reaktionen hervorgerufen. Kolumnistin Zoe Strimpel schreibt dazu in ihrem „Telegraph“-Kommentar: „Wer als Entertainer oder Person des öffentlichen Lebens Zionist ist – selbst im gemäßigsten, wörtlichen Sinne –, gerät in einen Strudel, dessen Wucht selbst erfahrene ‚Rampensäue‘ so hart trifft, dass ihnen buchstäblich die Luft wegbleibt.“ Der Sänger selbst äußerte sich in einer Reihe von Beiträgen beim Onlinedienst X insbesondere enttäuscht über die Reaktionen in der Kulturszene. „Es spielt keine Rolle, was ich denke oder was ihr denkt. Wann werdet ihr begreifen, dass ihr NICHTS tut! Es ist ein verdammter Witz. Ich überwerfe mich sogar mit jüdischen Freunden. Der Wahnsinn kennt keine Grenzen“, postete er etwa am 30. Juli. In einem weiteren Posting gab der 65-jährige Sänger zudem an, dass er sich von Tony Pontius, dem Manager seines Plattenlabels, getrennt habe, weil dieser sich geweigert hatte, „We Will Dance Again“ zu veröffentlichen. „Weil ich mich entschieden habe, für meine jüdischen Freunde einzutreten, verliere ich einige Menschen aus meinem Leben“, schrieb Boy George. Dazu gehöre auch Pontius, der bisherige Manager seines Plattenlabels BGP. „Ich wollte den Song (...) veröffentlichen, doch er äußerte sich unmissverständlich: ‚Ich will mit diesem Lied nichts zu tun haben.‘ Daraufhin erwiderte ich: ‚Okay, das war’s dann.‘“ Und abschließend heißt es: „Wenn jemand feige ist, fällt der Abschied nicht schwer.“ mit dpa