Sonnenlicht auf Bestellung: Dieser Spiegel-Satellit soll nachts Solarstrom liefern
Solarstrom hat einen entscheidenden Haken: Ohne Sonnenlicht produzieren Photovoltaikanlagen keinen Strom. Um diese Versorgungslücke zu schließen, setzt die Energiewende bislang vor allem auf Speichertechnologien. Das kalifornische Unternehmen Reflect Orbital will jetzt mit einer spektakulären Lösung für Abhilfe sorgen, aus 625 Kilometern Höhe. Mittels in der Erdumlaufbahn befindlichen Satelliten sollen künftig Sonnenstrahlen gezielt reflektiert und auf die Erde geworfen werden können. Insbesondere, um Areale in der Nacht für die Energiegewinnung nutzen zu können. Reflect Orbital sieht sich als Dienstleister, der einen Bereich von rund fünf Kilometern Durchmesser kurzzeitig mit Sonnenlicht bestrahlt, erklärt das argentinische News-Portal „Todo Noticias“. Sonnenenergie auch bei Nacht: Kosmischer Spiegel-Satellit soll Solar-Problem lösen Am 9. Juli hat die US-amerikanische Behörde FCC (Federal Communications Commission) grünes Licht für ein Pilotprojekt gegeben – das Unternehmen darf einen seiner orbitalen Spiegel testweise platzieren. Das Objekt mit Namen Eärendil-1 besteht hauptsächlich aus einer ultradünnen, ausrollbaren und hochreflektierenden Folie. Die Struktur kann sich drehen, Sonnenstrahlen abfangen und sie auf Bereiche der Erdoberfläche lenken. Der Reflektor erzeugt dabei weder Strom noch speichert er Energie, er ändert lediglich die Richtung der Sonnenstrahlung. In der ersten Phase des Projekts ist eine Intensität von etwa 0,1 Lux (weniger als die Helligkeit des Vollmondes: circa 0,25 Lux) für etwa fünf Minuten vorgesehen. Auf diese Weise soll in erster Linie die Stromproduktion nach Sonnenuntergang etwas verlängert werden. Reflect Orbital spricht zudem allerdings noch von Einsatzmöglichkeiten bei Such- und Rettungseinsätzen oder abgelegenen Industrieanlagen. ANZEIGE ANZEIGE Wie effektiv das System agieren kann, soll die Pilotmission zeigen. Bis 2035 hofft das Unternehmen darauf, ein Netzwerk von 50.000 Satelliten einzusetzen, so „Todo Noticias“. Gefahr für Tierwelt und Piloten: So umstritten gilt das Projekt Wie das Tech-Portal „Golem“ beschreibt, regt sich allerdings auch Kritik. Nicht nur einzelne Wissenschaftler, auch die American Astronomical Society (AAS) lehnt das Projekt ab. Da sich der Satellit deutlich von Telekommunikationssatelliten unterscheide und auf das Reflektieren von Licht mit einer maximalen Helligkeit ausgelegt ist, wären Auswirkungen auf die astronomische Forschung möglich, so die AAS. Die starke Lichtreflexion könnte bei Hobbyastronomen zu gesundheitlichen Risiken im Bereich der Augen führen oder Autofahrern und Piloten vorübergehend blenden, heißt es weiter. Auch für bestimmte Ökosysteme soll die ungewohnte nächtliche Beleuchtung ein Problem darstellen. Da die FCC Rückhalt der US-amerikanischen Regierung genießt, blieben diese Bedenken allerdings ohne Konsequenzen. Wie zukunftsfähig ist Reflect Orbital? Generell sollten die Erwartungen an die Technologie nicht zu hoch angesetzt werden. Reflect Orbital selbst betont, dass die Spiegel-Satelliten Solaranlagen nicht die ganze Nacht über mit Sonnenlicht versorgen sollen. Stattdessen gehe es darum, die Stromproduktion kurz nach Sonnenuntergang zu verlängern und zusätzliche Energie in den besonders nachfragestarken Abendstunden bereitzustellen. Gleichzeitig werfen die Pläne laut eines Artikels der Monash University Fragen zu Weltraumschrott auf, schließlich spricht Reflect Orbital langfristig von bis zu 50.000 Satelliten. Das Unternehmen versichert, ausgediente Satelliten kontrolliert zum Wiedereintritt in die Atmosphäre zu bringen, wo sie verglühen sollen. Wie realistisch diese Pläne sind, wird das Pilotprojekt zeigen. Auch ob das Konzept wirtschaftlich funktioniert, bleibt offen.