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Soziale Ungerechtigkeit - auch bei elektronischer Patientenakte und Digi-Rente

Wissenschaft

Stand: 28.08.2026 12:29 Uhr

Die Menschen in Deutschland zu mündigen Patienten zu machen, ihnen einen Überblick zu geben über ihre Gesundheit, ihre Diagnosen und Medikamente, und Kontrolle über ihre Daten: Das ist das Ziel der elektronischen Patientenakte, kurz ePA. Für die Altersvorsorge gibt es ein ähnliches Angebot: Die digitale Rentenübersicht (dRü) soll helfen, die Altersvorsorge im Blick zu behalten und zu planen. Zwei digitale Angebote, die das Leben der Menschen verbessern sollen. Und die anscheinend kaum funktionieren.

von Daniela Schmidt

Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Soziologen Felix Wilke von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, gemeinsam mit seinem Kollegen Wesley Preßler. Gemeinsam haben sie Anfang 2026 über 1.000 Menschen befragt und begleitet, die versucht haben, sich bei den beiden Portalen anzumelden. "Zum bisherigen Stand kommen diese noch recht jungen Digitalisierungsprojekte in der Bevölkerung so gut wie war nicht an", fasst Wilke zusammen. "Der größte Teil hat keinen Zugriff. In unserer Untersuchung sind es zehn Prozent der Bevölkerung, die die ePA genutzt haben, und bei der digitalen Rentenübersicht, die es noch gar nicht so lange gibt in der Breite, sind es sechs Prozent." In der Realität seien die Zahlen vermutlich noch geringer, weil viele Menschen die verschiedenen Angebote häufig nicht auseinanderhalten können – und beispielsweise angeben, die elektronische Patientenakte zu nutzen, weil sie die App ihrer Krankenkasse dafür halten.

Bestimmte Gruppen bleiben außen vor

Vor allem zeigen Wilke und Preßler, dass sich soziale Ungleichheiten im digitalen Raum fortsetzen. Die Chancen, ob es jemandem überhaupt gelingt, sich Zugang zu ePA und dRü zu verschaffen, sind ungleich verteilt. "Durchs Raster fallen 'die üblichen Verdächtigen', zumindest wenn man sich mit soziologischer Forschung beschäftigt. Leute mit Migrationshintergrund, besonders Personen mit geringer Bildung, Personen mit geringem Einkommen, das sind so die Hauptgruppen", erklärt Wilke. Und: "Ältere Menschen fallen auch durchs Raster. Sie interessieren sich für die digitale Rentenübersicht und die elektronische Patientenakte, aber bei der Registrierung scheitern die dann überdurchschnittlich."

Mehr Geld - bessere Chancen bei ePA und dRü

Wie sehr beim Scheitern oder Nicht-Scheitern auch das Bildungsniveau eine Rolle spielt, zeigt sich etwa in den folgenden Zahlen: Nur fünf Prozent der Befragten mit einem Hauptschulabschluss nutzen ePA und/oder dRü, bei jenen mit Hochschulabschluss liegt der Anteil bei 14 Prozent. Pro Anstieg des verfügbaren Einkommens um 1.000 Euro wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Angebote erfolgreich genutzt werden, um 20 bis 30 Prozent.

Barrieren beginnen schon sehr früh

Überhaupt: Die Registrierung. Wer Zugriff auf seine digitalen Patientendaten möchte, braucht dafür die App seiner Krankenkasse, zudem einen digitalen Identitätsnachweis, etwa per Gesundheitskarte mit PIN oder Online-Funktion des Personalausweises. Für Zugang zur digitalen Rentenübersicht braucht es den Ausweis mit Online-Funktion, eine App und die Steuer-ID. Wilke macht darauf aufmerksam, dass die Barrieren also schon sehr früh losgehen, bevor man überhaupt in Kontakt mit den Portalen kommt: Wer kein Smartphone hat, keinen PC, kein aktuelles Betriebssystem oder nicht mal Zugang zum Internet – der muss auf ePA und dRü verzichten. Aber auch wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind, scheitern viele potenzielle Nutzerinnen und Nutzer an den aufwendigen Verfahren.

Stufenmodell der Nichtinanspruchnahme

Um das genauer nachzuzeichnen, haben Wilke und Preßler ein neuartiges Stufenmodell aus der sogenannten Nichtinanspruchnahmeforschung herangezogen, welches wie ein Trichter aufgebaut ist und zeigt, wie im Laufe des Prozesses immer weniger Menschen "übrig bleiben". Das Modell unterscheidet drei Stufen: Auf der ersten Stufe, der "Threshold Stage", wird die Schwelle der Wahrnehmung überwunden, sprich: es gibt ein Bewusstsein und Wissen, dass das Angebot "elektronische Patientenakte" oder "digitale Rentenübersicht" überhaupt existiert. Auf Stufe zwei, dem "Trade-off", geschieht ein Aushandlungsprozess: Das Individuum wägt ab, ob das Angebot ihm von Nutzen sein könnte und wie groß der Aufwand wäre, es zu nutzen. Stufe drei dann ist die "Application Stage", die schlussendliche Inanspruchnahme des Angebots.

Vom Erstkontakt zur alltäglichen Nutzung

Weil aber der Anmeldeprozess bei ePA und dRü so komplex ist, haben Wilke und Preßler die dritte Stufe noch einmal in drei Schritte unterteilt: Erst geschieht Interaktion und Orientierung, man macht sich in einem ersten Kontakt mit den Funktionsweisen der Portale vertraut. In Schritt zwei geschieht ein erster Registrierungsversuch. Phase drei beschreibt die Nutzung des Angebots und seine Integration in den Alltag.

"Leute haben geweint"

Bei beiden sozialpolitischen Digitalangeboten zeigt sich, wie die Zahl der Menschen, die eine bestimmte Stufe "erklimmen", immer kleiner wird. Beispiel elektronische Patientenakte: 87 Prozent der Befragten kennen die ePA, schaffen also die erste Stufe des Modells. Nach dem ersten Teil von Stufe drei, also der ersten Interaktion, bleiben nur noch 21 Prozent übrig. Von denen schafft es nicht mal die Hälfte von der versuchten Anmeldung zur erfolgreichen Registrierung. Häufigste Begründung: Der Anmeldeprozess sei zu komplex, zu langwierig, zu frustrierend, zudem fehlten Voraussetzungen wie etwa E-Ausweis oder PIN. "In einem unserer Artikel sprechen wir von einer kleinen Odyssee", beschreibt Studienautor Wilke. "Da war schon sehr viel Frustration im Spiel. Bei uns haben Leute in diesen Interviews geweint, manche haben gesagt, sie würden jetzt gerne ihren Computer aus dem Fenster schmeißen."

Scheitern triggert Skepsis

Dabei gehen die Konsequenzen der hohen Nutzungshürden weit über Wut und Frustration hinaus. Die Versuchspersonen wurden auch zu ihrer Wahrnehmung der digitalen Angebote des Staates befragt und zu ihrem Vertrauen in die Institutionen. Ergebnis: Auf das Vertrauen in die Institutionen wirkt sich die "prozessuale und soziale Selektivität" der Angebote nicht oder kaum aus. Aber: Wilke und Preßler beobachten eine gewisse Skepsis gegenüber sozialpolitischen Modernisierungsprojekten, die durch derartige negative Nutzungserfahrungen ausgelöst oder verstärkt werden könne – und die langfristig möglicherweise in der Frage gipfle, ob der Staat überhaupt im Stande ist, vernünftig zu digitalisieren.

Nur Vorboten für weitere Digitalisierung

Aber wie schlimm ist denn dieser "Digital Divide", also diese Kluft zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen, die sich offenbar im digitalen Raum widerspiegelt? Soziologe Felix Wilke wiegt den Kopf. Klar, sagt er, man könne auch ohne Nutzung der elektronischen Patientenakte ein gesundes Leben haben, und niemand brauche die digitale Rentenübersicht unbedingt, um stabil fürs Alter vorzusorgen. Aber: "Diese sozialpolitischen Angebote richten sich ja an alle - und dann werden systematisch Leute ausgeschlossen. Wir müssen ehrlich sein: Das sind oft Leute mit niedrigem Einkommen, und gerade für die ist es essentiell, beispielsweise eine zusätzliche private Altersvorsorge zu machen." Auch gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass Armut ein Gesundheitsrisiko ist - und somit wäre gerade für Armutsbetroffene die elektronische Patientenakte möglicherweise ein hilfreiches Instrument. Zudem, gibt Wilke zu bedenken, seien ePA und dRü ja nur zwei Beispiele, Vorboten quasi für weitere Digitalisierungsprozesse. Er weiß aus seiner bisherigen Forschung: Solche Angebote können gar nicht niedrigschwellig genug sein, immer wieder komme es vor, dass Anspruchsberechtigte zum Beispiel bestimmte sozialpolitische Leistungen einfach nicht nutzten, obwohl sie ihnen zustünden und Vorteile bringen würden.

Es braucht analoge "Krücken"

Bleibt der Traum von der Digitalisierung, den ja auch die Politik immer wieder beschwört, also ein Traum? Sind wir für immer auf analoge "Krücken" angewiesen, wenn wir alle mitnehmen wollen? "Im sozialpolitischen Bereich sehe ich fast keine andere Möglichkeit", so Felix Wilke. "Man muss sich dann auch ein bisschen ehrlich machen. Die Digitalisierung ist nicht ganz so günstig zu haben, wie sie oft medial dargestellt wird. Es sind aufwendige Prozesse. Im Moment leisten das [im Falle der ePA, Anm.d.Red.] auch viele Praxen, die eigentlich sehr viel Besseres zu tun haben, als die Leute darin zu beraten, wie sie jetzt mit dieser App umgehen." Auch in anderen Ländern, die in Sachen Digitalisierung bereits weiter seien, bräuchten viele Menschen zusätzlich Hilfe und Beratung im "echten" Leben, um die Angebote nutzen zu können.

"Diese Odyssee machen alle durch"

Wie war es eigentlich für Felix Wilke selbst, sich bei der elektronischen Patientenakte und der digitalen Rentenübersicht anzumelden? "Schwer!", platzt es aus ihm heraus. "Es ging mir da nicht anders als dem größten Teil der Bevölkerung. Und das zeigt so ein bisschen diese Odyssee. Die machen alle durch."

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