Soziologe sieht Spätfolgen der 90er bis heute
Die DDR kennen sie nur aus Erzählungen. Trotzdem identifiziert sich vor allem die Nachwendegeneration mit ihrer ostdeutschen Herkunft. Woher kommt das?
Ein Interview
von Lara Lattek
Obwohl sie lange nach dem Mauerfall geboren wurden, bezeichnen sich immer mehr junge Menschen mit ostdeutscher Biografie bewusst als ostdeutsch – in ihren Büchern, Podcasts und auf Social Media.
Was zunächst wie ein Widerspruch klingt – dass ausgerechnet diejenigen, die nur ein geeintes Deutschland kennen, ihre ostdeutsche Identität betonen –, überrascht den Soziologen Daniel Kubiak nicht. Im Gegenteil.
Herr Kubiak, 36 Jahre nach der Einheit reden wir immer noch von "Ost" und "West". Warum?
Daniel Kubiak: Weil wir immer wieder versuchen, "den Osten" als einen homogenen Raum zu erklären. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich einmal in einem westdeutschen Radiosender in fünf Minuten die "ostdeutsche Seele" erklären sollte. Das fand ich ziemlich schwierig. Wie soll man Millionen Menschen eine gemeinsame Identität zuschreiben? Beim "Westen" passiert das kaum. Der Westen gilt als das Normale, Ostdeutschsein als etwas Besonderes.
Das zeigt sich auch in Studien. Viele junge Ostdeutsche fühlen sich ostdeutsch, während sich junge Menschen aus dem Westen eher einfach als deutsch verstehen.
Tatsächlich sieht sich aber nur etwa ein Fünftel der jungen Ostdeutschen ausdrücklich als ostdeutsch. So groß ist diese Identifikation also gar nicht. Aber sie ist eben stärker als im Westen.
Der Soziologe Steffen Mau und die Autorin Valerie Schönian nennen dieses Gefühl für die eigene ostdeutsche Herkunft "neues Ostbewusstsein". Was genau ist das?
Zunächst einmal ist dieses Ostbewusstsein nichts Neues. Ich forsche dazu bereits seit über zehn Jahren. Im Grunde bedeutet Ostbewusstsein, sich mit den eigenen Wurzeln und dem Osten auseinanderzusetzen und sich zu fragen: Was davon gehört zu meiner Identität? Gerade junge Menschen beschäftigen sich verstärkt damit. Das überrascht mich auch gar nicht.
Warum? Schließlich ist diese Generation in einem längst vereinten Deutschland geboren und aufgewachsen.
Viele junge Menschen gehen für Studium oder Arbeit in den Westen. Dort gibt es viele exzellente Universitäten und Dax-Unternehmen. Und dort machen sie zum ersten Mal die Erfahrung, von anderen als "Ostdeutsche" wahrgenommen zu werden. Plötzlich wird die eigene Herkunft thematisiert – auch in Form von Klischees und Pauschalisierungen.
In der Berichterstattung wird der Osten vor allem mit AfD-Wahlerfolgen und wirtschaftlichen Problemen verbunden.
Diese Abwertungserzählungen sind ein großes Thema. Auch, wenn die Berichterstattung meines Erachtens mittlerweile deutlich vielfältiger geworden ist, wird der Osten nach wie vor sehr häufig als Problem-Region dargestellt. Wenn über ihn vor allem dann gesprochen wird, wenn etwas nicht funktioniert, geraten positive Entwicklungen und die wachsende Zivilgesellschaft schnell aus dem Blick.
Was macht das mit jungen Menschen?
Es kann der Drang entstehen, die eigene Heimat zu verteidigen. Das zeigt sich etwa bei den vielen jungen Menschen, die Bücher schreiben oder Podcasts machen und darin die Vielfalt Ostdeutschlands zeigen. Indem sie sich mit ihrer Geschichte und Herkunft auseinandersetzen, entwickeln sie auch ein stärkeres Bewusstsein dafür. Und gerade in den 20ern und 30ern beschäftigt man sich ohnehin viel mit grundlegenden Fragen: Wer bin ich? Wo möchte ich leben? Und wo komme ich eigentlich her?
Inwiefern spielt bei dieser Selbstreflexion die DDR-Geschichte eine Rolle, obwohl diese Generation sie selbst nie erlebt hat?
Für viele junge Menschen ist das Leben ihrer Eltern und Großeltern einfach interessant und in Ostdeutschland gehört die Geschichte der DDR dazu. Sie fragen sich: Wie war das damals eigentlich? Was hat meine Familie geprägt? Das bedeutet aber nicht, dass sie die DDR zurückhaben wollen oder sie romantisieren. Nur ein sehr kleiner Teil der jungen Ostdeutschen verklärt die DDR tatsächlich. In meinen empirischen Arbeiten habe ich eher das Gegenteil beobachtet.
Was prägt das Ostbewusstsein junger Menschen noch?
Vor allem die Erfahrungen ihrer Eltern nach der Wiedervereinigung. Es gibt eine große Sensibilität dafür, was die Elterngeneration damals erlebt hat. Viele kennen die Umbrüche der 90er-Jahre aus ihren Familien: Arbeitslosigkeit, Abwanderung und wirtschaftliche Unsicherheit. Für viele Familien waren die 90er Jahre eine harte Zeit und ein positiver Aufbruch zugleich.
Studien zeigen, dass diese Erfahrungen bis heute nachwirken. Manche Ostdeutsche fühlen sich noch immer als "Bürger zweiter Klasse".
Ja, das kann mit dem Gefühl zusammenhängen, nicht gesehen oder vertreten zu werden. Und dieses Gefühl kann wiederum in Trotz umschlagen. Dann entsteht möglicherweise die Haltung: "Dann ist es mir eben egal, was ihr denkt – ich wähle eben AfD." Gerade bei jungen Menschen konnte man dieses Phänomen bei den letzten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt beobachten. Auch, wenn man da nochmal unterscheiden muss. Natürlich haben nicht alle aus Protest oder Trotz so gewählt. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe.
Was kann man tun, damit aus Ostbewusstsein – also der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und ihren positiven Seiten – kein Frust entsteht?
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Wir brauchen mehr Vielfaltserzählungen. Regionale Identitäten und auch ein ostdeutsches Bewusstsein sind nichts Schlechtes. Unsere Gesellschaft ist pluralistisch, Menschen bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Mein Vorschlag wäre deshalb, den Tag der Deutschen Einheit in "Tag der deutschen Vielfalt" umzubenennen. Denn wichtig ist, dass diese Forderung nach Vielfalt auch sichtbar wird. In politischen Talkshows wird aktuell zum Beispiel gerade wieder öfter über Ostdeutschland gesprochen, ohne dass jemand mit ostdeutscher Biografie am Tisch sitzt.