Spanien als Weltmeister? "Das sei Trump gegönnt"
Im WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien treffen zwei unterschiedliche Fußballphilosophien aufeinander. Im Interview erklärt Thomas Helmer, warum Ballbesitz und Mentalität über Titel entscheiden können, weshalb Einzelspieler unverzichtbar bleiben und was insgesamt vom ersten Turnier mit 48 Teams hängen bleibt. Ein Interview von Johannes Fischer Spanien gegen Argentinien – dieses WM-Finale verspricht nicht nur ein Duell zweier Topmannschaften, sondern auch das Aufeinandertreffen zweier Fußballphilosophien. Auf der einen Seite steht Spanien mit seinem kontrollierten Ballbesitzfußball, einer herausragenden Nachwuchsarbeit und einem klaren taktischen System. Auf der anderen Seite Argentinien – eine Mannschaft, die für Leidenschaft, Siegermentalität und die Genialität ihrer Ausnahmespieler steht. Doch sind diese Gegensätze heute überhaupt noch so groß? Oder hat sich der moderne Spitzenfußball längst angenähert? Im Interview spricht der ehemalige Nationalspieler Thomas Helmer über die unterschiedlichen Stärken der beiden Finalisten, die Bedeutung von Lionel Messi und Lamine Yamal, die Lehren für den deutschen Fußball und darüber, was ihm am ersten Turnier mit 48 Mannschaften nicht gefallen hat. Herr Helmer, beginnen wir mit einem Rückblick auf die Halbfinals. Was hat Sie an den beiden Spielen am meisten beeindruckt? Thomas Helmer: Mich hat vor allem beeindruckt, wie unterschiedlich die beiden Finalisten ins Endspiel gekommen sind. Spanien hat Frankreich als Mannschaft regelrecht entzaubert. Die Franzosen verfügen über enorme individuelle Qualität, aber Spanien hat das als Kollektiv hervorragend gelöst. Die Ballkontrolle war außergewöhnlich, sie waren unglaublich ballsicher und hatten das Spiel nach einer gewissen Zeit komplett im Griff. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie diese Partie noch aus der Hand geben würden. Bei Argentinien war es dagegen ein ganz anderes Bild. Da ging es um Mentalität, Leidenschaft und darum, ein Spiel mit aller Macht auf die eigene Seite zu ziehen. Diese Gier, dieser unbedingte Wille – fast schon mit Schaum vorm Mund – war beeindruckend. War da teilweise nicht zu viel Schaum vorm Mund? Ja, das gehört zu ihrer Spielweise. Sie loten aus, wie weit sie gehen können, provozieren den Gegner bewusst und hoffen darauf, dass der die Nerven verliert. Das ist eine echte Kunst. Gegen Argentinien musst du nicht nur fußballerisch bestehen, sondern auch mental ruhig bleiben. Erstaunlich fand ich allerdings, dass sie trotz dieser intensiven ersten Halbzeit am Ende immer noch so viele Kraftreserven hatten. Im Finale treffen nun zwei Fußballkulturen aufeinander. Spanien steht für Ballbesitz, System und Ausbildung, Argentinien eher für Leidenschaft, Mentalität und individuelle Klasse. Ist dieses Bild heute überhaupt noch richtig? Ich finde schon. Beide Mannschaften zeigen, dass man mit unterschiedlichen Philosophien erfolgreich sein kann. Das macht dieses Finale ja gerade so spannend. Spanien überzeugt durch Kontrolle, Struktur und mannschaftliche Geschlossenheit. Argentinien lebt stärker von Emotionen, Mentalität und den besonderen Momenten einzelner Spieler. Es wird interessant zu sehen sein, welche Herangehensweise sich am Ende durchsetzt. Vielleicht gibt dieses Finale sogar einen Hinweis darauf, welches Modell den modernen Fußball künftig stärker prägt. Viele sagen, Spitzenfußball sei heute vor allem Taktik und Struktur. Braucht es trotzdem noch außergewöhnliche Einzelspieler? Unbedingt – und Gott sei Dank. Ich fand viele Spiele bei dieser WM ehrlich gesagt etwas langweilig. Dieses permanente Ballgeschiebe vor dem Strafraum erinnert mich manchmal an Handball. Ich mag es lieber, wenn Mannschaften den Abschluss suchen, auch einmal aus der zweiten Reihe schießen und etwas riskieren. Für den Zuschauer passiert dann einfach mehr. Natürlich braucht eine Mannschaft Struktur, aber am Ende sind es oft die außergewöhnlichen Spieler, die den Unterschied machen. Diese Genialität darf im modernen Fußball nicht verloren gehen. Als ehemaliger Abwehrspieler: Gegen wen wäre es unangenehmer gewesen zu verteidigen – gegen Spaniens Positionsspiel oder gegen Argentiniens Unberechenbarkeit? Gegen beide musst du auf höchstem Niveau verteidigen. Spanien kontrolliert das Spiel nahezu perfekt. Allerdings fand ich, dass ihnen in einigen Spielen vorne ein wenig die letzte Durchschlagskraft gefehlt hat. Argentinien hat dagegen mit Lionel Messi einen Spieler, der vielleicht nicht mehr permanent arbeitet, für den aber die ganze Mannschaft spielt. Und dann reicht ihm oft ein einziger Moment. Als Verteidiger darfst du ihm überhaupt keinen Raum geben. Das macht ihn wahrscheinlich sogar noch etwas schwieriger zu verteidigen. Auf der einen Seite Lionel Messi, auf der anderen Lamine Yamal. Stehen die beiden für zwei unterschiedliche Fußball-Epochen? So unterschiedlich sehe ich das gar nicht. Natürlich ist Yamal ein Produkt einer hervorragenden Ausbildung, aber was ihn auszeichnet, ist genau wie bei Messi das Eins-gegen-eins. Er sucht diese Situationen, nimmt Gegenspieler auseinander und entscheidet Spiele mit seiner Kreativität. Das erinnert mich durchaus an Messi. Der große Unterschied ist vielleicht, dass Yamal heute deutlich mehr Defensivarbeit leistet. Aber spielerisch sehe ich da viele Gemeinsamkeiten. Was kann Deutschland von den beiden Finalisten lernen? Dieses oft zitierte Wort Mentalität klingt zwar etwas abgenutzt, aber genau darum geht es. Beide Mannschaften vermitteln das Gefühl, dass sie auf dem Platz wirklich alles investieren. Natürlich wollen das unsere Spieler auch, aber bei Spanien und Argentinien sieht man diesen unbedingten Willen in jeder Aktion. Gleichzeitig verfügen beide über herausragende Einzelspieler. Wenn ich etwa an Cucurella oder Olmo denke, sieht man, wie wichtig Spieler sind, die auch unter höchstem Tempo konstant die richtigen Entscheidungen treffen. Solche Typen brauchst du einfach. Wer wird am Ende den WM-Pokal in die Höhe halten? Das ist unglaublich schwer vorherzusagen. Ich lag schon bei den Halbfinals komplett daneben. Einen kleinen Vorteil sehe ich trotzdem bei Spanien. Sie haben im gesamten Turnier kaum Gegentore zugelassen, verteidigen hervorragend und verfügen außerdem über einen sehr starken Torhüter. Wenn sie es schaffen, Messi weitgehend zu kontrollieren, könnte das am Ende reichen. Aber genau das ist eben die große Herausforderung. Sollte Spanien Weltmeister werden, müsste US-Präsident Donald Trump den Pokal an das Team jenes Landes überreichen, das er wegen seiner Verteidigungspolitik wiederholt kritisiert hat. Hätte das nicht eine gewisse Ironie? Ja, das stimmt. Das sei Trump gegönnt. (lacht). Wobei ich fast mehr auf das Drumherum gespannt bin. Die Halbzeitpause wird ja wieder länger, und was da inzwischen alles veranstaltet wird ... Das ist mir ehrlich gesagt oft zu viel, da wird ein ziemlicher Schmarrn gemacht. Ich hoffe nur, dass solche Showelemente nicht dauerhaft auch im europäischen Fußball Einzug halten. Der Kommerz rückt immer stärker in den Vordergrund – und das ist für den Sport selbst keine gute Entwicklung. Was wird Ihnen sonst noch von dem Turnier in Erinnerung bleiben? Dass die Diskussionen um Donald Trump und Gianni Infantino dem Turnier nicht gutgetan haben. Außerdem war die WM insgesamt etwas zu lang. Gerade die letzte Woche hat sich gezogen. Positiv war, dass viele Außenseiter gezeigt haben, wie sehr sie aufgeholt haben. Zum Schluss der Blick nach Deutschland: Sollte Jürgen Klopp tatsächlich Bundestrainer werden – ist er der richtige Mann? Empfehlungen der Redaktion Umstrittener Elfmeter in der Nachspielzeit – dann bricht das totale Chaos aus Was das WM-Debakel über unser Land aussagt "Nur Spanien! Argentinien wurde schon genug bevorteilt" Ich glaube schon. Viele haben sich Jürgen Klopp schon seit Jahren für diesen Job gewünscht. Jetzt bekommt er diese Chance, allerdings auch mit enormem Druck. Wichtig ist, dass wir nicht sofort wieder über Titel reden. Wir wollten einen Umbruch – dann müssen wir ihm auch Zeit geben. Geduld und Demut würden uns im deutschen Fußball im Moment guttun. Wenn es Klopp gelingt, wieder Begeisterung für die Nationalmannschaft zu entfachen und Schritt für Schritt eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen, dann wäre schon viel gewonnen.