Sparkurs gefährdet Interessenausgleich
Startseite Lokales Kreis Kassel Baunatal Göttinger Soziologe warnt: VW-Sparkurs gefährdet Interessenausgleich – auch in Baunatal Von: Daniel Seeger Uns auf Google folgen Ein Göttinger Arbeitssoziologe sieht den Interessenausgleich bei Volkswagen in Gefahr. Die 15.000 Beschäftigten in Baunatal warten weiter auf Antworten zum Sparkurs. Göttingen/Baunatal – Nordhessens größter Arbeitgeber Volkswagen steckt in der Krise – vorrangig über die Medien wurden in den vergangenen Wochen immer wieder vermeintliche Details zu den Sparplänen der Konzernbosse bekannt. Doch die äußerten sich öffentlich bislang wenig konkret. Das sorgt für Frust bei den gut 15.000 Volkswagen-Beschäftigten in Baunatal, die schon mit dem letzten Tarifabschluss im Winter 2024 Einschnitte hinnehmen müssen. Der Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen, Martin Kuhlmann, sieht in der aktuellen Krise des Volkswagen-Konzerns eine fundamentale Herausforderung für den Interessenausgleich von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Um eine weitere Verunsicherung der Beschäftigten und der Öffentlichkeit zu verhindern, müssten alle Beteiligten nun zügig eine wirtschaftlich und sozial tragfähige Kompromisslösung anstreben. „Nur wenn alle die Gewissheit haben, dass sie etwas gegeben und zugleich etwas bekommen haben, ist es eine brauchbare Lösung“, sagte der Arbeitssoziologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Volkswagen steckt in der Krise – welche Folgen hat das für Arbeitnehmer in Baunatal? Sollte es bei VW zu einer Einigung im Sinne eines fairen Gebens und Nehmens kommen, könne dies das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Wirtschaft und Politik sogar stärken. Die Gefahr sei jedoch real, dass bei den Beschäftigten der Eindruck entstehe, die „kleinen Leute“ müssten Fehlentscheidungen des Managements ausbaden. Umso wichtiger sei es, anstehende Lasten fair zu verteilen und der Belegschaft Mitwirkungsmöglichkeiten bei den anstehenden Veränderungen einzuräumen, betonte Kuhlmann. Vor dem Werk Kassel gab es zuletzt eine Protestaktion der IG Metall. Anlass war die jüngste Aufsichtsratssitzung des Konzerns, bei der VW-Chef Oliver Blume sein Sparprogramm vorgestellt hatte. Zu einer Einigung kam es in der mit vielen Erwartungen aufgeladenen Sitzung jedoch nicht. In der Kritik der Gewerkschaft und des Betriebsrats steht derzeit neben möglichen Einschnitten insbesondere die Informationspolitik der Konzernleitung. Massive Unruhe ist „verständlich“ Dass die Unruhe und der Ärger in den Werken derzeit massiv seien, nannte der Wissenschaftler verständlich, da die Arbeitnehmerseite davon ausgegangen war, mit dem bisherigen Sparpaket bereits ausreichende Zugeständnisse gemacht zu haben. Nun stünden deutlich weiterreichende Kostensenkungen und Strukturveränderungen im Raum. Kuhlmann zog Parallelen zur Existenzkrise des Autobauers in den 1990er Jahren, als mit der Einführung der Vier-Tage-Woche neue Wege beschritten wurden. Die gegenwärtige Krise sei allerdings „noch grundlegender als frühere“. Wirtschafts-Nachrichten direkt ins Postfach Der HNA‑Wirtschaftsnewsletter bringt Ihnen alle zwei Wochen dienstags zur Mittagszeit einen schnellen, kompakten Überblick über das, was die Wirtschaft in und um Kassel bewegt – gezielt aufbereitet für Entscheider, Mittelstand, Gründer und alle, die beruflich oder privat am regionalen Wirtschaftsleben hängen. Lesen Sie die aktuelle Ausgabe und melden Sie sich kostenlos an. Dass sich die Konzernspitze in der Kommunikation derzeit schmallippig präsentiere und die Öffentlichkeit vorerst keine Festlegungen erfahre, verwundere indes nicht, da die Aushandlungsprozesse hinter den Kulissen in vollem Gange seien. Fairness lasse sich laut Kuhlmann nicht von außen vorgeben, sondern müsse im Miteinander zwischen Vorstand, Betriebsrat und Gewerkschaften erstritten und ausgehandelt werden. Gerade bei Volkswagen habe die Mitbestimmung allerdings Tradition – und immer wieder auch in krisenhaften Situationen zu tragfähigen Lösungen geführt. Unsicherheit in der Belegschaft hatte unter anderem ein Bericht des „Manager Magazins“ ausgelöst, wonach die Konzernführung den weltweiten Abbau von bis zu 100.000 Stellen und die Schließung der Standorte in Hannover, Emden und Zwickau sowie der Audi-Produktion in Neckarsulm vorsieht.