Spätwerke von Musikikonen: Meisterwerke und Totalausfälle
Gut zu altern ist im Showgeschäft ein Drahtseilakt. Runterfallen kann man auf beiden Seiten: Neu erfinden soll man sich, aber auch nicht zu neu. Die Fans der ersten Stunde sollen schließlich noch mitkommen. Nicht überraschend verspricht Universal, die Plattenfirma der Rolling Stones, dass deren neue Platte "Foreign Tongues" ein "dynamisches Rock-Album" geworden sei, "das den klassischen Sound der Rolling Stones mit neuen musikalischen Einflüssen verbindet." Da kann sich niemand beschweren. Damit befinden sich die Stones in guter Gesellschaft mit anderen Rock- und Pop-Größen, die in diesem Jahr auch "mal wieder ein neues Album" herausgebracht haben. Außergewöhnliches Gespür: Paul McCartney Paul McCartney zeigt, wie es gehen kann. Im März veröffentlichte er mit "The Boys of Dungeon Lane" eine autobiografisch geprägte Solo-Platte, die auf seine Liverpooler Jugend zurückblickt - und erntete mit 83 Jahren begeisterte Kritiken: Persönlich und emotional sei das Album, und McCartney besitze immer noch ein außergewöhnliches Gespür für Melodien. Auch Madonna ist zurückgekehrt - zu ihrem Frühwerk. "Confessions II" heißt ihr gerade veröffentlichtes Album und manch einer meint sogar, es sei Madonnas "Rückkehr zur Bestform" - ihre stärkste Platte seit mehr als 20 Jahren. Das ist der Vorteil der alten Pop-Häsinnen und -Hasen: Sie sind lang genug im Geschäft, um ihre eigene Karriere reflektieren zu können. Gut gelungen ist das jüngst den Toten Hosen. Auf ihrem Abschiedsalbum "Trink aus, wir müssen gehen!" verbinden sie punkige, nach früher klingende Nummern mit bedächtigeren, um nicht zu sagen altersweisen Songs. Damit haben die Hosen einen passablen Absprung hingelegt, und das ist schon eine Leistung für sich. Manche schaffen nicht mal einen irgendwie gearteten Absprung. Das gefloppte Comeback der Beach Boys Wenn man einen Totalausfall der Popmusikgeschichte nennen dürfte, dann hätte "Summer in Paradise" von den Beach Boys gute Chancen. Fans und Rezensentinnen hassen dieses Sommer-Konzept-Album von 1992 gleichermaßen. Das mag am langweiligen Songwriting, den eintönigen Computer-Drums oder den sexistischen Texten liegen. Ganz sicher aber liegt es an einer Tatsache: Alle lieben Brian Wilson, niemand liebt Mike Love. Love war stets darum bemüht, die Beach Boys wieder auf die "altbewährte" Schiene mit Strand, Autos und Frauen zu bringen. Er wird auch dafür verantwortlich gemacht, dass Brian Wilson in der Psychiatrie landete. "Summer in Paradise" war jedenfalls das einzige Album der Beach Boys, das ohne Wilson auskommen musste - und floppte. Angeblich wurden nicht mehr als 1.000 Einheiten verkauft. Abgedriftet: Abschied von Roger Waters Auch Pink Floyd sind ein gutes Beispiel für den fahlen Geschmack, den der Zerfall einer einst legendären Band hinterlassen kann. Nachdem David Gilmour und Roger Waters sich seit Ende der 1970er-Jahre kreativ nicht mehr einig gewesen waren, erklärte Waters die Band 1985 für tot. Gilmour machte aber mit Schlagzeuger Nick Mason weiter, unter dem Namen "Pink Floyd", was auch juristisch zu Streit führte. Gilmour hat in den letzten Jahren wieder neue Songs herausgebracht. Waters interpretiert seit Jahren nur noch seinen eigenen Pink-Floyd-Katalog und macht ohnehin nicht unbedingt mit Musik auf sich aufmerksam. Er ist einer der prominentesten Unterstützer der Israel-Boykott-Bewegung BDS. Mehrere Organisationen warfen ihm wiederholt Antisemitismus vor. Dabei kann man auch in Würde altern. Johnny Cash war Anfang 70, als er mit "Hurt" einen Riesenerfolg feierte: Seine neu arrangierte, gekürzte Version ist eingängiger als das Original der Nine Inch Nails. Cash trug es außerdem eindringlich vor. Er hatte den Song einfach geschluckt. Man nimmt es Cash nicht übel. Er hat etliche Male bewiesen, dass er selbst großartige Songs schreiben kann. Das doppelte Vermächtnis von Leonard Cohen Schließlich ist Leonard Cohen zu nennen. Auch er hat etwas geschafft, was ihm so schnell keiner nachmacht. Sein eigentlich letztes Album "You want it darker" erschien 2016 nur wenige Wochen vor seinem Tod. Von Kritikern wurde es hoch gelobt, von den Fans gefeiert. Das dezent arrangierte Album mit Cohens poetischen Texten über Tod und Vergänglichkeit hätte sein musikalisches Vermächtnis sein können. Doch drei Jahre später produzierte sein Sohn Adam Cohen posthum ein Album basierend auf Songskizzen und Gedichten seines Vaters. Glücklicherweise ist auch "Thanks for the Dance" ein würdiger Abschluss einer großen Karriere. Ein Künstler, der über den Tod hinaus noch mit neuen Kompositionen auf sich aufmerksam macht, ist im Musikgeschäft eher ungewöhnlich. Was wird aus den Rolling Stones? Wie werden sich die Rolling Stones eines Tages von der Bühne verabschieden? Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood wirken noch ziemlich lebendig - und dass sie so oft als "Rock-Opas" bezeichnet werden, nehmen sie mit Humor. Das vor drei Jahren erschienene Album "Hackney Diamonds" erhielt überwiegend gute Kritiken und erreichte in mehreren Ländern Platz 1 der Charts. Warten wir ab, was der Nachfolger kann.