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Spaziergang im Wald: Kann man den Klimawandel hören?

Wissenschaft

Klang des Waldes Spaziergang durch den Wald: Wo wir den Klimawandel hören können Stand: 22.07.2026 14:13 Uhr Er hat eine beruhigende Wirkung: der Wald. Studien zeigen, dass ein Streifzug durch naturnahe Waldlandschaften sich positiv auf die psychische Gesundheit und das Stressniveau auswirkt. Vor allem der Klang heimischer Wälder stärkt unser Wohlbefinden. Doch der Ort, der uns entlastet, ist zunehmend selbst belastet durch den Klimawandel. Und das ist hörbar. von Katja Evers Sanftes Blätterrauschen, ein erdiger Geruch, leises Vogelgezwitscher – schon als Kind hat Anne Arnold gerne im Wald gerochen, gelauscht, geschmeckt – einfach alle Sinneseindrücke aufgesogen. Mittlerweile hat sie diesen Ort der Ruhe zu ihrem Beruf gemacht: Sie leitet das Nabu-Waldinstitut am Standort Blankenburg im Harz. Mit dem Wald verbindet sie ihre Kindheit und weiß gleichzeitig, dass es nicht der Wald von damals ist. Denn der Klimawandel hinterlässt auch hier seine Spuren: Schädlingsbefall, Waldbrände, extreme Hitze- und Trockenperioden und Stürme setzen dem Wald schwer zu. Es sind Veränderungen, die für uns alle hörbar sind, wenn wir nur aufmerksam genug lauschen. Zeit für einen Streifzug durch den neuen Klang des Waldes. Hitzeschutz: Wenn der Wald leiser wird Wer regelmäßig in den Wald spaziert, wird vor allem eines feststellen, erzählt die Forscherin: Er wird stiller. Denn als Folge des Klimawandels verschieben sich in Deutschland die Niederschläge vom Sommer in den Winter: Bis 2050 um bis zu 40 Prozent weniger im Sommer und gleichzeitig bis zu 30 Prozent mehr für Herbst und Winter, so das Umweltbundesamt. Die Folge sind trockenere und heißere Sommer, es fehlt die Abkühlung. Während wir Menschen uns in klimatisierte Räume zurückziehen, suchen sich die Tiere einen kühlen Unterschlupf und Rückzugsräume und verstummen dadurch nicht nur im Winter, sondern auch an heißen Sommertagen. Das sei schon immer so gewesen, meint Anne Arnold, heute verstummten sie aber länger und man höre zunehmend andere Arten, etwa wärmeliebende Zikaden. Gleichzeitig sorgen die Dürreperioden für eine hörbare Trockenheit. Wassermangel: Wenn es in den Kronen knackt Besonders in Laubwäldern ist jeder Schritt zu hören. Abgeworfene Blätter, Äste und trockenes Holz lassen den Waldboden rascheln, knirschen und knacken. "Es quietscht und knarrt förmlich unterm Schuh", beschreibt Anne Arnold ihre Beobachtungen. Grund sei fehlendes Wasser, das zentrale Element, das die Vitalität der Bestände herabsetze. Wassermangel in den Wäldern sei inzwischen erheblich, sagt auch Lars Fischer im Kurzfilmmagazin Unicato. Der Mitbegründer des Büros für Landschaftskommunikation, das den Dialog über Landschaften und ihre Zukunft fördert, sieht ihn deshalb als eine der größten Bedrohungen für den Wald. Der daraus entstehende Stress lege sich heute über nahezu alle Waldformen. Werden Bäume mit zu wenig Wasser versorgt, fällt der Druck ab, mit dem Wasser in die Baumkrone transportiert wird. Das kann sich zunächst in hängenden Blättern bemerkbar machen und beeinflusst auch die Fähigkeit der Bäume, Kohlendioxid aufzunehmen. Mit anhaltender Trockenheit werfen die Bäume dann vorzeitig ihr Blätterwerk ab. Auch Früchte oder ganze Äste können den Blättern folgen, und das hören wir dann deutlich, wenn wir darüber laufen. Die Kronen wiederum werden dadurch lichter. Allein im Dürrejahr 2019 stieg laut Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft der Anteil von Bäumen mit deutlichen Kronenverlichtungen von 29 auf 36 Prozent. Nur rund ein Fünftel der Bäume zeigte keine Schäden. Auch das können wir hören, meint Anne Arnold. Zum einen, weil die Bäume deutlich mehr quietschen und knacken. Zum anderen, weil das Totholz und die Verlichtung neue Arten anlocken. Neubezug: Wenn andere Stimmen lauter werden Wer genau hinhört, kann zum Beispiel zunehmend das Brummen der Blauen Holzbiene wahrnehmen. "Die ist so groß wie eine Hornisse und brummt auch so laut", erklärt die Forscherin, "fast schon bedrohlich. Aber ich finde sie wunderschön" Sie vermehrt sich auf dem Totholz und benötigt viel Wärme. Und die gibt es zunehmend auch im Wald: Mit den lichteren Kronen verändert sich das Mikroklima des Waldes. Wo weniger Blätter Schatten spenden, und Wasser verdunsten, geht ein Teil der natürlichen Kühlwirkung verloren. Dadurch erwärmt sich der Wald stärker. Mittlerweile ist die Holzbiene nicht mehr nur in Süddeutschland, sondern zunehmend auch im Norden bis nach Schweden zu finden, erklärt Anne Arnold. In Mitteldeutschland gehört sie laut den Zählungen des Nabu- Insektensommers mittlerweile zu den meistverbreiteten Insektenarten. Der Specht ist immer öfter zu hören. Wo Trockenheit, Sturmwürfe oder Borkenkäferbefall mehr abgestorbenes Holz hinterlassen, finden holzbewohnende Käfer zusätzliche Lebensräume – und damit auch der Specht mehr Nahrung. Auch eher ungewöhnliche Waldbesucher tauchen inzwischen auf. Den Bienenfresser – einen bunten Vogel, der eigentlich offene und warme Landschaften bevorzugt – hat Anne Arnold mit ihrem Team bereits an Waldrändern beobachtet. Abschied: Wenn vertraute Stimmen verschwinden Die neuen Geräusche im Wald erzählen allerdings keine einfache Geschichte. Dass Holzbienen brummen, Bienenfresser auftauchen oder Spechte häufiger zu hören sind, zeigt, wie anpassungsfähig die Natur sein kann. Gleichzeitig werden manche vertrauten Klänge seltener. Mit dem Rückgang dichter Fichtenbestände verschwinden vielerorts auch typische Waldarten wie Tannmeise oder Wintergoldhähnchen. Auch das Totholz erzählt beide Seiten: Einerseits ist es, gerade für uns als Spaziergänger, oft ein Zeichen des Verfalls und der Trockenheit. Andererseits speichert es Wasser, bietet zahlreichen Pilzen, Insekten und Pflanzen einen Lebensraum und trägt dazu bei, Kohlenstoff langfristig im Ökosystem zu halten. Für Anne Arnold sind die Veränderungen deshalb immer beides: "Es ist Anpassung, aber auch Verlust." Zukunftsmusik: Wenn der Wald anders klingt Wie der Wald der Zukunft klingen wird, kann niemand genau vorhersagen. Auch Anne Arnold ist vorsichtig mit Prognosen und plädiert für Flexibilität im Umgang mit den Veränderungen. Lars Fischer verweist auf die wachsende Unsicherheit. Noch vor wenigen Jahrzehnten planten Förster in Zeiträumen von hundert Jahren. Heute sei deutlich schwerer abzuschätzen, welche Baumarten unter den sich rasch verändernden Klimabedingungen langfristig bestehen werden. Sicher scheint aber: Die Melodie des Waldes verändert sich bereits heute. Mit jedem trockenen Sommer, jedem lichter werdenden Bestand und jeder neu hinzukommenden Art wandelt sich das Klangbild. Dabei verändern sich nicht nur die Geräusche, sondern auch die Funktionen des Waldes – von der Wasserspeicherung über die Kühlung bis hin zu den Nahrungsketten zwischen Pflanzen, Insekten und Vögeln. Wer aufmerksam lauscht, hört deshalb nicht nur Vögel, Insekten oder den Wind in den Bäumen. Er hört auch den Umbruch eines Ökosystems, das versucht, sich an den Klimawandel anzupassen. Für Anne Arnold ist das aber kein Grund, wegzuhören – sondern genauer hinzuhören, um von der Natur zu lernen.

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