Spektakuläre Studie wirft Fragen auf
Der Sohn einer schwer an Alzheimer erkrankten 83-Jährigen aus Brasilien unterzeichnete vor einiger Zeit ein folgenreiches Dokument: ein Einverständnis, dass ein Team der Privatklinik Ankh Cross Association in São Paulo seiner Mutter fünf Gramm Enigma verabreichen darf. Enigma ist eine Magic-Mushroom-Sorte der Art Psilocybe cubensis. Die enthaltenen Psilocybine konnten offenbar längst verloren geglaubte Fähigkeiten der Alzheimer-Patientin reaktivieren. Die Frau, die durch ihre Erkrankung seit Jahren schon eher einsilbig kommunizierte, begann 19 Stunden nach der Psilocybin-Einnahme ein vier Stunden langes Gespräch mit ihrem Sohn. Auch Erinnerungen habe sie dabei thematisiert, heißt es in der Fallstudie. In den Wochen darauf habe die Patientin außerdem zunehmend die Kontrolle über ihre Blase zurückgewonnen. Sie sei immer mobiler geworden und sie habe sich wieder selbstständig ankleiden können. Eine zweite Drei-Gramm-Dosis Enigma nach einem Monat hat der Studie zufolge zu weiteren Fortschritten geführt. Unter anderem hätten sich die verbalen und mimischen Ausdrucksfähigkeiten verbessert. Und die Patientin habe bei einem Besuch in der Klinik gesagt: „Es ist angenehm hierherzukommen.“ Eine strukturierte Selbstauskunft war allerdings kaum möglich, was die Autor:innen auf die weit fortgeschrittene Demenz zurückführen. Eine vollständige Heilung sei nicht erfolgt und die möglichen Mechanismen hinter den Verbesserungen seien unklar, schreiben sie. Grundsätzlich scheinen diese Effekte möglich zu sein. Schließlich wird die Wirkung der Psychedelika auf das Gehirn in anderen Bereichen schon therapeutisch genutzt, etwa bei etlichen Menschen mit schweren Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen. Sie fördern offenbar die Plastizität des Gehirns, also seine Fähigkeit, sich anzupassen und neu zu organisieren. Wie genau das geschieht, ist noch Gegenstand von Untersuchungen. Psilocybin-Bericht: Zweifel an Validität und Ethik „Ich habe eine ganze Reihe von Bedenken hinsichtlich der Validität des Berichts und der Ethik insgesamt“, kommentiert allerdings Albert Garcia-Romeu von der Johns Hopkins University in Baltimore in den USA gegenüber der Fachzeitschrift New Scientist. Garcia-Romeu ist an einer Studie beteiligt, die Auswirkungen von Psilocybin auf Depressionen bei Menschen mit Alzheimer im Frühstadium untersucht. „Der Artikel beschreibt lediglich den Monat nach der ersten Sitzung und gibt keine Angaben zu einer längeren Nachbeobachtungsdauer oder dazu, wie lange oder ob die Verbesserungen anhielten.“ Fraglich ist auch, was geschehen wäre, wenn positive Effekte ausgeblieben wären oder sich Symptome sogar verschlimmert hätten. Hätte das Team den Versuch veröffentlicht? Und wie wäre er in diesem Fall ethisch zu beurteilen? Dass Psychedelika wie Psilocybin nicht bei jedem Menschen gleich wirken, ist unter anderem aus der Therapie von Depressionen bekannt. Ein Team der Charité veröffentlichte im Frühjahr daher eine Studie, die zeigt, dass Erfolg beziehungsweise Misserfolg von der Persönlichkeit und der Offenheit gegenüber Neuem abhängt – unter anderem. Studienleiter Felix Betzler sagt: „Die Therapie mit Psychedelika ist eine scharfe Klinge. Es ist deswegen sehr wichtig zu wissen, wann sie eingesetzt werden sollte – und wann nicht.“ Demenz: Funktionelle Kapazitäten aktivieren Die Autor:innen aus Brasilien nennen tatsächlich selbst mehrere Gründe für die sehr begrenzte Aussagekraft ihrer Studie – darunter den naheliegenden, dass es sich nur um einen Einzelfall handele. Zudem seien weder Schlafkennwerte noch Biomarker gemessen worden, schreiben sie. Auch kognitive Tests und eine Bildgebung des Gehirns seien nicht erfolgt. Ein Kausalzusammenhang könne daher nicht belegt werden. Spontane Schwankungen durch eine neurodegenerative Erkrankung sind als Erklärung nicht auszuschließen. „Zur Wirksamkeit von Substanzen gehören Doppelblindstudien, die groß angelegt sein müssen, damit man stichhaltige Schlussfolgerungen ziehen kann“, betont etwa der Neurobiologe Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig. Die Ergebnisse zeigen der Studie zufolge aber, dass das Gehirn auch bei einer sehr fortgeschrittenen Demenz noch funktionelle Kapazitäten hat. Und diese könnten unter bestimmten Bedingungen – wie in diesem Fall mutmaßlich durch die Psilocybin-Gabe – wieder zugänglich gemacht werden.