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Spencers Buch „Swan Song“: Dianas Bruder packt aus über das Märchen, das keines war

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Althorp (England) – Es ist eine traurige Ironie: Zu Lebzeiten kämpfte Prinzessin Diana (†36) darum, ihre eigene Stimme zu finden. Fast drei Jahrzehnte nach ihrem Tod kämpfen andere noch immer darum, ihre Geschichte zu erzählen. Oder vielmehr – ihre Version dieser Geschichte. Geld, Eitelkeit, Familienliebe oder das Unvermögen, loszulassen, spielen dabei eine Rolle. Mit seinem neuen Buch „Swan Song: Diana, meine Schwester“ erhebt Dianas Bruder Charles Spencer (62), der 9. Earl Spencer, schwere Vorwürfe gegen die Royals und insbesondere gegen den heutigen König Charles III. (77).

„Diana wird bald in Vergessenheit geraten“

Spencer erzählt von der Frau hinter der Prinzessinnenfassade: von ihrer Sehnsucht nach Liebe, ihrer unglücklichen Ehe, ihren Essstörungen und Momenten, in denen er seinen Schwager, den heutigen König Charles, in einem düsteren Licht erscheinen lässt. Gleichzeitig lässt er einige biografische Bomben platzen und sorgt damit für gezielte Aufmerksamkeit, obwohl er betont, wie sehr er und seine Schwester sich stets ein normales Leben gewünscht hätten.

Über dem Buch steht deshalb unweigerlich die Frage: War es damals wirklich so, wie Spencer es heute erinnert? Kritiker werfen ihm vor, Ereignisse nach fast drei Jahrzehnten sehr subjektiv zu schildern und sich selbst dabei in den Vordergrund zu spielen. Besonders umstritten sind seine Schilderungen der Tage nach Dianas Tod. So habe Charles am Telefon beinahe „erlöst“ geklungen, schreibt Spencer. Noch schwerer wiegt die Behauptung, der heutige König habe gesagt: „Sie wird bald in Vergessenheit geraten, darauf kannst du dich verlassen.“

Diana soll ADHS, Bulimie und Magersucht gehabt haben

Der Buckingham-Palast stellte, in einer seltenen Stellungnahme, Spencers Erinnerungen infrage. Die Trauer eines Bruders könne Erinnerungen und Urteile beeinflussen. Spencer weist das entschieden zurück.

Dabei geht es in „Swan Song“ um weit mehr als diese Vorwürfe. Spencer beschreibt eine Diana, die die Öffentlichkeit kaum kannte. Sie habe an ADHS, Bulimie und Magersucht gelitten. Den Beginn ihrer Essstörungen bringt er mit einer Bemerkung von Charles kurz nach der Verlobung in Verbindung. Der damalige Prinz soll ihre Taille umfasst und gesagt haben: „Oh, etwas mollig hier, oder?“ Diana habe diese Worte nie vergessen. Zur Hochzeit, so Spencer, habe seine Schwester ihre Taille von 74 auf 59 Zentimeter reduziert.

Damit bewegt sich das Buch auf einem schmalen Grat: Ist es die späte Abrechnung eines verletzten Bruders – oder der Versuch, ein neues Licht auf seine Schwester zu werfen? Vielleicht ist es beides. Spencer selbst schreibt, er habe jahrelang Anfragen für Dokumentationen abgelehnt, inklusive von seinem Neffen: „Warum sollte ich überhaupt darüber nachdenken, ob ich mich für irgendeine der Produktionen interviewen lassen will, die doch wieder nur den üblichen vorgezeichneten Pfaden folgt?“

Hinter Dianas Wärme lag große Verletzlichkeit

Er möchte seine verstorbene Schwester fast als Heilige darstellen: wunderschön, außergewöhnlich beliebt und beseelt von einem einfachen Traum – geliebt zu werden, zu heiraten und viele Kinder zu bekommen. Doch hinter ihrer Wärme lag große Verletzlichkeit. Das zeigt eine Episode aus dem Buch: Kurz vor der Hochzeit soll Charles zu Diana gesagt haben, dass er sie zwar sehr gerne heirate, „aber nicht tatsächlich in sie verliebt“ sei.

Später schildert Spencer auch das Scheitern der royalen Ehe. Diana habe ihm in einem Gespräch anvertraut: „Mein Mann hat sich in seinen Kammerdiener verliebt.“ Wen sie meinte und ob das stimmte, hinterfragte der Autor nicht. „Es war nicht wichtig; wichtig waren das Ende ihrer Ehe und das Ende ihrer Träume.“

Nach ihrem Tod fühlte sich Spencer verpflichtet, seine Schwester ein letztes Mal zu beschützen, und setzte durch, dass sie auf dem Familiensitz Althorp beerdigt wurde. Denn er erinnerte sich an die Drohung eines Paparazzo: „Ich werde dich bis zu dem Tag verfolgen, an dem du stirbst – und dann pisse ich auf dein Grab.“ Diana habe ihm dies unter Tränen erzählt.

Auch die Beerdigung Dianas führte laut Spencer zu Streit. Er wollte nicht, dass William und Harry hinter dem Sarg ihrer Mutter gehen mussten. Charles habe ihm am Telefon vorgeworfen: „Genau das ist das Problem mit eurer Familie – keinerlei Pflichtgefühl!“ Doch dann fiel der Satz, der Spencer nach eigener Darstellung besonders erschütterte: „Sie wird bald in Vergessenheit geraten, darauf kannst du dich verlassen.“ Spencer sagte demnach: „Ich kann nicht fassen, was ich da gerade gehört habe“ – und legte auf.

Eine der kuriosesten Geschichten, die Diana ihrem Bruder über die Windsors erzählte, betraf ihren Schwiegervater Prinz Philip (†99) und die Ohren seines Sohnes Charles. Demnach soll Queen Elizabeth II. (†96) einst erwogen haben, die auffällig abstehenden Ohren des Thronfolgers von einem Arzt anlegen zu lassen, weil Charles deswegen in der Schule gehänselt worden sei. Philip soll von diesen Überlegungen erfahren und den Eingriff verhindert haben.

Doch in seinem Buch geht es auch um die eigene Kindheit der Geschwister Spencer. Er schreibt, zwei Nannys hätten ihre Stellung missbraucht und ihn und Diana körperlich gezüchtigt. Eine habe mit einem Holzlöffel auf ihre ausgestreckten Hände geschlagen. Die andere sei „noch viel schlimmer“ gewesen: Wenn sie die Kinder für unartig hielt, habe sie „unseren Kopf hart gegen die weiße Betonwand neben der Toilette unseres Kinderzimmers“ geknallt.

Diana soll an Selbstmord gedacht haben

Und dann ist da noch eine Erinnerung, die zeigt, wie verzweifelt Diana in ihren späteren Jahren gewesen sein soll. Spencer schreibt, sie sei mehr als einmal zu Beachy Head gefahren, dem berühmten Kreidefelsen an der englischen Küste, und habe dort darüber nachgedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ihre Liebe zu William und Harry habe sie davon abgehalten, weiterzugehen.

Es sind Spencers Erinnerungen, seine Beobachtungen, seine Deutungen – fast drei Jahrzehnte nach den Ereignissen. Die „Prinzessin der Herzen“ kann ihrem Bruder nicht mehr widersprechen, nichts richtigstellen oder ihn von diesen Erzählungen abhalten. Am Ende bleibt Charles Spencers Blick auf Diana – und das macht „Swan Song“ so explosiv, persönlich und angreifbar.

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