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Spermidin gilt als Anti-Aging-Wunder - doch es hat eine Schattenseite

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Spermidin gilt als Anti-Aging-Wunder – doch es hat eine Schattenseite

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Ob in Weizenkeimen oder als Kapsel: Spermidin gilt als Hoffnungsträger gegen das Altern. Doch große Studien am Menschen fallen ernüchternd aus – und Krebsforscher sehen die Substanz inzwischen mit anderen Augen.

Es ist eine verlockende Vorstellung: Ein Stoff, der ganz selbstverständlich in Weizenkeimen, gereiftem Käse und Pilzen steckt, soll den Alterungsprozess bremsen. Spermidin heißt dieser Stoff, und in der Longevity-Szene hat er längst seinen festen Platz, irgendwo zwischen Intervallfasten, Kältebad und Morgenroutine. In Drogerien und Onlineshops stehen die Kapseln aus Weizenkeimextrakt, die Versprechen auf den Packungen sind groß.

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Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Premium Medical Circle (PMC) – dem Netzwerk für medizinische Exzellenz und erstklassigen Gesundheitsjournalismus. PMC vernetzt führende Expertinnen und Experten und kuratiert fundiertes Wissen und neue Perspektiven aus Medizin und Gesundheit.

Die Wissenschaft ist vorsichtiger. Im Labor wirkt Spermidin tatsächlich bemerkenswert: Hefen, Würmer, Fliegen und Mäuse leben länger, wenn man es ihnen verabreicht. Beim Menschen aber sind die Ergebnisse bislang ernüchternd. Und eine Studie aus Japan zeigt nun, dass die Substanz auch dort helfen kann, wo man es am wenigsten will: beim Wachstum von Krebszellen.

Was ist Spermidin?

Entdeckt wurde die Substanz zuerst in menschlicher Samenflüssigkeit. Tatsächlich steckt Spermidin in praktisch jeder lebenden Zelle, in Pflanzen wie in Tieren. Der Körper bildet es selbst, ein Teil stammt von Darmbakterien, der Rest aus der Nahrung. Chemisch gehört es zu den Polyaminen – kleinen Molekülen, ohne die Zellen weder wachsen noch sich teilen können.

Was bewirkt Spermidin im Körper?

Der eigentliche Grund für das Interesse heißt Autophagie. Gemeint ist eine Art Müllabfuhr der Zelle: Beschädigte Eiweiße und verbrauchte Bauteile werden eingesammelt, zerlegt und wiederverwertet. Mit den Jahren, so die Vorstellung, arbeitet dieses System langsamer. In den Zellen bleibt liegen, was dort nicht hingehört – mit möglichen Folgen für Gehirn, Gefäße und Stoffwechsel.

Spermidin kann diese Müllabfuhr in Gang setzen. Wie wichtig es dafür ist, zeigte 2024 eine internationale Studie unter Beteiligung der Universitäten Graz und Bonn: Beim Fasten steigt der Spermidin-Spiegel deutlich an – und Organismen, die kein Spermidin bilden konnten, profitierten auch nicht vom Fasten. Gleichzeitig sinkt der Spermidin-Gehalt im Körper mit dem Alter. Die naheliegende Idee: Wer mehr davon zuführt, bringt die Selbstreinigung der Zellen wieder auf Touren. Bei Mäusen geht diese Rechnung auf. Beim Menschen ist sie bis heute offen.

Was zeigen Studien am Menschen?

Die Hoffnung stützt sich vor allem auf eine Untersuchung aus Südtirol. Forscher der Medizinischen Universität Innsbruck haben dort rund 20 Jahre lang die Ernährung von gut 800 Menschen aus Bruneck verfolgt. Wer viel Spermidin aß, lebte im Schnitt länger – der Unterschied zwischen den Gruppen entsprach rund fünfeinhalb Lebensjahren.

Ein starkes Ergebnis, allerdings mit Fußnote. Wer viel Vollkorn, Hülsenfrüchte und Gemüse isst, lebt meist auch sonst gesünder. Ob es am Spermidin liegt oder am Lebensstil drumherum, kann eine reine Beobachtungsstudie nicht beantworten.

Mehr Klarheit sollte die SmartAge-Studie der Berliner Charité bringen. Hundert ältere Menschen, die das Gefühl hatten, ihr Gedächtnis lasse nach, nahmen ein Jahr lang täglich Spermidin-Kapseln oder ein Scheinpräparat. Eine kleinere Vorstudie hatte noch Mut gemacht. Das Ergebnis der großen Studie war ernüchternd: Beim Gedächtnis zeigte sich kein Unterschied. Allerdings, das räumen die Forscher selbst ein, erhöhten die Kapseln die tägliche Spermidin-Menge nur um etwa zehn Prozent.

Dazu kommt eine grundsätzlichere Frage: Kommt das Spermidin aus der Kapsel überhaupt dort an, wo es wirken soll? Forscher der Universität zu Lübeck gaben Gesunden hochdosiertes Spermidin – im Blut fanden sie danach aber nicht mehr Spermidin, sondern mehr Spermin, einen chemischen Verwandten. Offenbar wird ein großer Teil schon im Darm umgebaut. Eine US-Studie mit sehr hohen Dosen kam zu einem ähnlichen Befund.

Immerhin: Schädlich scheint Spermidin in den untersuchten Mengen nicht zu sein, selbst hohe Dosen wurden gut vertragen.

Kann Spermidin auch Krebs fördern?

Ausgerechnet die Eigenschaft, die Spermidin so interessant macht, hat eine Kehrseite. Spermidin hilft Zellen beim Wachsen und Teilen – und das gilt eben auch für Krebszellen. Dass Tumoren besonders viele Polyamine brauchen, weiß die Krebsforschung seit Langem. Ein Team der Tokyo University of Science hat nun genauer beschrieben, wie das funktioniert.

Im Kern geht es um zwei fast identische Eiweiße, die beide auf Spermidin angewiesen sind. Das eine arbeitet in gesunden Zellen und unterstützt dort offenbar die zelluläre Müllabfuhr. Das andere taucht vor allem in Tumoren auf – und Spermidin sorgt dafür, dass Krebszellen mehr davon herstellen. Entzogen die Forscher den Krebszellen im Labor das Spermidin, wuchsen sie deutlich langsamer. Gaben sie es zurück, legten die Zellen wieder los.

Grund zur Panik ist das nicht. Die Versuche fanden in der Petrischale statt, nicht im Menschen. Sie zeigen auch nicht, dass Spermidin Krebs auslöst, sondern dass ein bereits bestehender Tumor die Substanz für sich nutzen kann. Ob das bei den Mengen aus Nahrungsergänzungsmitteln eine Rolle spielt, weiß bislang niemand.

Ein Wirkstoff, zwei Gesichter

Wie ernst die Medizin den Hunger von Tumoren auf Polyamine nimmt, zeigt ein Blick in die Krebstherapie. Ende 2023 ließ die US-Arzneimittelbehörde FDA ein Medikament gegen das Neuroblastom zu, eine seltene Krebsart bei Kindern. Der Wirkstoff Eflornithin bremst die Bildung von Polyaminen. Es ist genau der Wirkstoff, mit dem die japanischen Forscher ihren Krebszellen das Spermidin entzogen.

Ganz so eindeutig ist das Bild trotzdem nicht. Eine Gruppe um den Pariser Zellbiologen Guido Kroemer zeigte 2016 an Mäusen, dass Spermidin eine Chemotherapie sogar wirksamer machen kann, offenbar weil es dem Immunsystem hilft, Tumorzellen aufzuspüren. Spermidin ist also weder Krebsschutz noch Krebsmittel. Welche Seite überwiegt, hängt vom Gewebe, vom Stadium einer Erkrankung und von der Menge ab.

Wer gesund ist und ausgewogen isst, muss das Spermidin auf dem Teller deshalb nicht fürchten. Es gehört seit jeher zur menschlichen Ernährung. Bei hochdosierten Kapseln, die gezielt Zellprozesse ankurbeln sollen, sieht es anders aus. Wer an Krebs erkrankt ist oder war, sollte vor der Einnahme mit seinem Arzt sprechen.

In welchen Lebensmitteln ist Spermidin enthalten?

Weizenkeimen: rund 24 mg pro 100 g

getrockneten Sojabohnen: rund 21 mg pro 100 g

gereiftem Käse wie Cheddar oder Parmesan: je nach Reifung 2 bis 20 mg pro 100 g

Shiitake-Pilzen: rund 9 mg pro 100 g

Brokkoli: rund 2,5 mg pro 100 g

Wer mehr Spermidin möchte, muss nicht zur Kapsel greifen. Besonders viel steckt in:

Auch Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse und grünes Gemüse tragen ihren Teil bei. Die genauen Gehalte schwanken je nach Sorte, Verarbeitung und Lagerung. Wer an Zöliakie leidet, sollte bedenken, dass Weizenkeime – und damit viele Präparate auf Weizenkeimbasis – Gluten enthalten; Soja, Pilze und Brokkoli sind glutenfrei.

Spermidin als Nahrungsergänzungsmittel: Lohnt sich das?

Nach allem, was man heute weiß: für gesunde Menschen eher nicht. Die meisten Präparate liefern ein bis sechs Milligramm am Tag – so viel, wie schon zwei, drei Esslöffel Weizenkeime im Müsli bringen. Einen Zusatznutzen der Kapseln hat bislang keine Studie gezeigt, auch die Verbraucherzentrale verweist auf die unklare Wirksamkeit.

Wer Spermidin über die Ernährung aufnimmt, bekommt Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe gleich mit. Vielleicht ist es ja genau dieses Gesamtpaket, das in Bruneck den Unterschied gemacht hat.

Wie viel Spermidin pro Tag – und wer sollte vorsichtig sein?

Über die Nahrung nehmen Erwachsene in Europa schätzungsweise 7 bis 25 Milligramm Spermidin am Tag auf. Für Nahrungsergänzungsmittel gilt in der EU eine Obergrenze von 6 Milligramm täglich. Zurückhaltung ist bei einigen Gruppen angebracht:

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