Spitzenkandidat Holm: „Faktisch verändert sich das Land durch illegale Einwanderung drastisch. Das müssen wir stoppen“
Audioplayer wird geladen Anzeige Leif-Erik Holm, 56, ist Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2017 ist er Mitglied des Bundestags. WELT AM SONNTAG: Herr Holm, die AfD liegt in den Umfragen zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern deutlich vor der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Für eine absolute Mehrheit dürfte es nach den bisherigen Erhebungen nicht reichen. Haben Sie einen Plan B? Anzeige Leif-Erik Holm: Wir kümmern uns um Plan A. Ich bin optimistisch, dass der aufgeht. Die Menschen sind weder mit der Lage im Land noch im Bund zufrieden. Und wer unzufrieden ist, sucht nach Alternativen. WAMS: Wenn Sie dennoch einen Koalitionspartner suchen müssten, mit welchem anderen Spitzenkandidaten würden Sie persönlich am ehesten zusammenarbeiten? Anzeige Holm: Wenn man die Inhalte betrachtet, liegt die CDU uns am nächsten. Allerdings möchte sich die Union lieber hinter der Brandmauer verstecken und nur noch als Mehrheitsbeschaffer für linke Politik fungieren. Heißt in Mecklenburg-Vorpommern: Wer CDU wählt, bekommt Schwesig. Lesen Sie auch WAMS: Nehmen wir an, Sie würden Ministerpräsident. Im Bundesrat steht im zweiten Halbjahr die abschlagsfreie „Rente mit 63“ auf der Tagesordnung. Würden Sie eher wie die Ost-Ministerpräsidenten gegen oder mit den West-Regierungschefs der Union für das Rentenpaket der Bundesregierung stimmen? Holm: Wer 45 Jahre Beiträge gezahlt hat, muss Anspruch auf einen abschlagsfreien Renteneintritt haben. Die Dauer der Lebensleistung ist das gerechteste Kriterium, nicht eine starre Altersgrenze. Gerade Menschen in körperlich belastenden Berufen haben dann lange genug ihren Beitrag geleistet. Lesen Sie auch WAMS: Also liegen Sie voll auf der Linie Ihrer Kontrahentin Schwesig? Holm: Frau Schwesig führt doch die Bürger hinter die Fichte. Es ist ihre Partei, die in Berlin regiert. Und ich will daran erinnern, dass Frau Schwesig den Koalitionsvertrag der Bundesregierung selbst an führender Stelle mit ausgehandelt hat. WAMS: In Sachsen-Anhalt wird im Herbst ebenfalls gewählt. Dort wird spekuliert, die AfD könnte bei fehlender Mehrheit einzelne CDU-Abgeordnete für eine Zusammenarbeit gewinnen. Halten Sie das für realistisch? Holm: Ja, das ist bei knappen Verhältnissen denkbar. Die CDU ist inzwischen eine sehr heterogene Partei. Dort gibt es unterschiedliche Strömungen, die zum Teil weit auseinanderliegen. Wenn sich die CDU für eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei entschiede, würde das den Laden zum Explodieren bringen. WAMS: Werden Sie also selbst auch bei einer fehlenden rechnerischen Mehrheit im Landtag für das Amt des Ministerpräsidenten antreten? Holm: Das wäre nur denkbar, wenn Stimmen aus anderen Fraktionen langfristig hinzukämen. Es reicht ja nicht, einmal gewählt zu werden. Man muss anschließend dauerhaft Mehrheiten organisieren können. WAMS: Was halten Sie von Leihmutterschaft? Holm: Nichts. Ich lehne grundsätzlich ab, dass Mutterschaft zu einer Art Geschäftsmodell wird. Es ist doch zutiefst verwerflich, einer Mutter das Kind wegzunehmen, selbst wenn es vereinbart ist. Lesen Sie auch WAMS: Fanden Sie es richtig, dass Jens Spahn als Unionsfraktionschef zurückgetreten ist, nachdem er sich dazu bekannt hatte, mithilfe einer Leihmutter Vater geworden zu sein? Holm: Ja, das war notwendig. Wer bestimmte Positionen vertritt und gleichzeitig im privaten Handeln das Gegenteil verkörpert, verliert an Glaubwürdigkeit. WAMS: Kommt Spahn noch einmal zurück? Zum Beispiel, um die erste parlamentarische Zusammenarbeit auf Bundesebene zwischen Union und AfD auszuhandeln? Holm: Das sehe ich aktuell nicht, aber wer weiß. Jens Spahn war jedenfalls einer, der frühzeitig eine Minderheitsregierung auf Bundesebene ins Spiel gebracht hat. Dadurch könnte Zusammenarbeit zur Normalität werden. WAMS: In der kommenden Woche unterstützt der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen Ihren Wahlkampf. Soll er Minister in Ihrem Kabinett werden? Holm: Ich freue mich, dass Herr Maaßen uns im Wahlkampf und auch bei der Vorbereitung unserer Regierungsarbeit unterstützt. Über Ministeraufgaben reden wir später, jetzt tragen wir erst mal unsere Inhalte nach vorn. WAMS: Sie haben 2023 gesagt, die „Altparteien“ gehörten auf den „Müllhaufen der Geschichte“. Bleiben Sie dabei? Holm: Na klar. Das war natürlich zugespitzt, aber es ist doch so, dass die etablierten Parteien ihre Bindung zu den Bürgern verloren haben und deren Sorgen nicht mehr ernst nehmen. Insofern erledigen sich manche Parteien aus meiner Sicht politisch selbst. Lesen Sie auch Weltplus ArtikelAusschluss von Kommunalwahl WAMS: Haben Sie Respekt vor den Leistungen dieser Parteien? Holm: Selbstverständlich habe ich Respekt vor Personen und auch vor früheren Leistungen, zum Beispiel noch unter Schmidt, Kohl, Genscher. Heute sehe ich, dass diese Parteien unser Land vor die Wand fahren. Wir brauchen wieder die Perspektive der normalen Bürger, nicht die von Berufspolitikern. WAMS: Der Bundesvorsitzende der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland, Jean-Pascal Hohm, sagte kürzlich bei einem gemeinsamen Auftritt mit Ihnen: „Wir können verdammt stolz auf unsere Vorfahren sein. Ihr Erbe ist unser Auftrag.“ Können Sie das nachvollziehen? Holm: Ja, natürlich. Wir leben doch von dem, was frühere Generationen geschaffen haben. Deutschland hat große Beiträge in Wissenschaft, Forschung, Bildung und Technik geleistet. Darauf können wir stolz sein, ohne deswegen die dunklen Seiten der Geschichte auszublenden. WAMS: Solche dunklen Seiten blieben in Hohms Rede allerdings unerwähnt. Haben Sie Verständnis dafür, wenn solche Aussagen als Verharmlosung historischer Verbrechen verstanden werden? Holm: Nein, warum? Man kann doch nicht bei jeder Gelegenheit, schon gar nicht bei einer Demo, die gesamte Geschichte sezieren. Unsere Jugend braucht positive Bezüge. Lesen Sie auch WAMS: Die AfD in Mecklenburg-Vorpommern hat im Mai den Bundestagsabgeordneten Dario Seifert zum Generalsekretär gewählt – obwohl er von 2012 bis 2014 Mitglied der Jugendorganisation der Neonazi-Partei NPD war. Warum kann man mit einer solchen Vergangenheit in der AfD so weit aufsteigen? Holm: Man kann der Jugend nicht ewig Fehler nachtragen. Dario Seifert hat sich in der Jugend verirrt und den richtigen Weg gefunden. Joschka Fischer hat Steine auf Polizisten geworfen und konnte später Außenminister werden. WAMS: Beim Volkstrauertag im Jahr 2024 erinnerte Seifert „in tiefer Ehrfurcht an die tapferen Helden unseres Volkes“ – mit Bezug auf die Wehrmacht, die im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Verbrechen begangen hat. Die Nationalsozialisten haben den Volkstrauertag in „Heldengedenktag“ umbenannt. Wie wollen Sie damit bürgerliche Wähler erreichen? Holm: Es geht nicht um kriminelle Taten von Teilen der Wehrmacht oder der SS. Wir haben eine viel längere Geschichte. Etwa in den Befreiungskriegen haben unsere Vorfahren große Leistungen vollbracht. Daran zu erinnern, halte ich für absolut richtig. WAMS: Im Landesvorstand der AfD-Jugend sitzt ebenfalls ein ehemaliger Aktivist der NPD-Jugendorganisation JN. Fehlen Ihnen im Landesverband Berührungsängste zu Rechtsextremisten? Holm: Nein, das ist immer eine Einzelfallentscheidung. Der Mann hat sich von den Dingen zuvor gelöst und andere Einstellungen gewonnen. WAMS: Ihnen wird vorgeworfen, rechtsextreme Kräfte nicht bekämpft, sondern ausgehalten und integriert zu haben. Wie reagieren Sie darauf? Holm: Das ist ein Fehlschluss. Wir hatten genügend Fälle, in denen wir Personen ausgeschlossen oder gar nicht erst aufgenommen haben. WAMS: Kommen wir zur Migration. Sie wollen eine „Rückführungspolizei“ schaffen. Ist das ein Vorbild nach dem Muster der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE? Holm: Nein. Es geht um eine spezialisierte Einheit innerhalb der Landespolizei. Das Problem besteht darin, dass viele ausreisepflichtige Personen untertauchen. Der Staat muss seine eigenen Entscheidungen konsequent umsetzen. WAMS: Kritiker sagen, von Abschiebungen seien häufig gut integrierte Menschen betroffen, während Schwerkriminelle und Gefährder oft verschwinden. Holm: Das ist tatsächlich eine gewisse Ungerechtigkeit. Trotzdem muss ein Rechtsstaat geltendes Recht durchsetzen. Wir müssen zukünftig eben auch derjenigen habhaft werden, die sich der Abschiebung entziehen wollen. WAMS: In Ihrem Wahlprogramm behaupten Sie, die Landesregierung arbeite „systematisch darauf hin, die deutsch geprägte Gesellschaft durch eine multikulturelle Gesellschaft zu ersetzen“. Ist das Ihre Wortwahl? Holm: Das ist eindringlich formuliert, aber es steckt etwas dahinter. Der Satz bezieht sich auf das Integrations- und Teilhabegesetz Schwesigs, das Quasi-Migrantenquoten in der Verwaltung auf den Weg gebracht hat. Wir wollen, dass Leistung, Eignung und Befähigung bei Einstellungen maßgeblich bleiben. WAMS: Viele sehen darin Anklänge an die Theorie vom „Großen Austausch“. Das ist ein Kampfbegriff der Neuen Rechten, der besagt, westliche Eliten wollten die weiße Mehrheitsbevölkerung durch nichtweiße Migranten ersetzen. Holm: Ich glaube nicht an einen großen geheimen Plan. Aber faktisch verändert sich das Land durch die illegale Einwanderung drastisch. Und das müssen wir stoppen, denn wir wollen unsere Identität bewahren. Das schließt eine gesteuerte, dosierte Fachkräftezuwanderung nicht aus. WAMS: Sehen Sie eine gemeinsame Zukunft von Union und AfD? Holm: Die Frage ist, ob die CDU irgendwann zur Besinnung kommt. In vielen, vor allem wirtschaftspolitischen Fragen gibt es theoretisch große Überschneidungen. Allerdings betreibt die Union eine völlig andere Politik. WAMS: An welcher Stelle müsste die AfD auf die Union zugehen? Holm: Ich habe Fragezeichen, ob das funktioniert. Aber manches könnten wir vielleicht präziser formulieren. Ein Beispiel ist die Europäische Union. Unser Ziel ist nicht ein Austritt um jeden Preis, sondern eine grundlegende Reform. Wir wollen keinen europäischen Superstaat, sondern eine Zusammenarbeit souveräner Nationen. Und sicher wäre es insgesamt gut, wenn Politiker mit weniger Schaum vorm Mund unterwegs wären. Das gilt übrigens für alle Seiten. Ulrich Exner ist politischer WELT-Korrespondent und berichtet vor allem aus den norddeutschen Bundesländern. Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“ .