Spritpreise in Europa: Warum Deutschland teurer als Polen und Schweden ist
Bei diesen Preisen muss man reisen: In Schweden ist Benzin fast einen Euro billiger als in Deutschland. Foto: IMAGO/DPA
Benzin für drei Euro?: Der deutsche Verbraucher ist der dreifache Ölpreis-Verlierer
Alles Steuern, oder was? Wieso die Spritpreise in europäischen Ländern wie Polen oder Schweden so viel günstiger als in Deutschland sind.
DieDie Zeiten, als deutsche Schnäppchenjäger auf polnische Märkte gleich hinter der Grenze reisten, sind eigentlich lange vorbei. Zigaretten, Lebensmittel, Medikamente, Klamotten: In den Neunzigerjahren unterschied sich das Preisniveau zwischen den Nachbarländern noch so stark, dass sich allein fürs Einkaufen die Fahrt etwa von Berlin aus locker bezahlt machte. Inzwischen aber haben sich die polnischen Preise den deutschen angenähert, viele „Polenmärkte“ haben längst zugemacht.
Ein paar aber gibt es bis heute, etwa den „Polenmarkt Hohenwurzen“ in Osinów Dolny, dem von Berlin aus am schnellsten zu erreichenden Grenzort. Gut 700 Stände hat der Markt, es gibt eigene Charterbusse, die Kunden aus Berlin hierhin transportieren. Den leicht abwertend klingenden Namen betrachtet man hier als gutes Werbeargument, erinnert er doch an die goldenen Zeiten des Einkaufstourismus.
Ansonsten aber haben sie in Osinów Dolny vor allem ein starkes Argument für Deutsche, die nicht mit dem Bus anreisen, sondern mit dem eigenen Auto. Es lacht die Besucher der Website des Marktes gleich auf der Startseite an: „Super: 1,88 Euro“.
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Vor allem für Berliner und Brandenburger Autofahrer bedeutet das: Rund 50 Cent pro Liter sparen sie derzeit, wenn sie ihr Auto statt zu Hause in Polen volltanken. Dabei ist der Preis für polnische Verhältnisse sogar recht hoch. Ende August war dort ein auf die Ferienzeit befristeter Tankrabatt ausgelaufen, wodurch die Preise wieder um gut 30 Cent nach oben schnellten.
EU-Vergleich zeigt wahre Steuerlast beim Sprit
Dennoch sind es Vergleichswerte wie dieser, die nun die Debatte in Deutschland anheizen. Durch die jüngste Eskalation im Nahen Osten sind die schon zuvor hohen Benzinpreise erneut gestiegen. Preise von drei Euro je Liter drohen.
Das schmerzt viele Menschen sehr, vor allem wenn sie im Alltag aufs Auto angewiesen sind. Für besonderen Frust sorgt da der Blick ins nahe Ausland. Auch dort sind die Preise gestiegen – das deutsche Niveau aber erreichen sie fast nirgends. „Wir haben mit die höchsten steuerlichen Belastungen und Abgaben und Bepreisungen bei Energie als Deutsche in ganz Europa“, klagte gerade etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der daraus die Forderung nach Steuersenkungen ableitete: „Deswegen haben wir eigentlich auch den Spielraum, dort einen Ausgleich vorzunehmen. Wie, muss die Regierung überlegen.“
Damit scheint er nun auch beim Kanzler durchzudringen: „Für viele Menschen, die täglich das Auto brauchen, ist eine Belastungsgrenze erreicht“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Veranstaltung des Außenhandelsverbands BGA. „Ich bin der Meinung, dass wir handeln müssen.“
Benzinpreise
Die fünf Mittel gegen den Spritpreis-Schock im Realitätscheck
Die Politik diskutiert über Maßnahmen gegen die steigenden Spritpreise. Viele davon taugen laut Ökonomen nichts. Für einige hat die Regierung noch immer nicht die Voraussetzungen geschaffen. von Josefine Fokuhl, Martin Greive und Dietmar Neuerer
Das „genaue Instrumentarium“ stehe bisher nicht fest, so Merz weiter. Aber: „Sie können aber davon ausgehen, dass wir sehr bald einen Vorschlag dazu vorlegen werden.“
Tatsächlich gehören die deutschen Benzinpreise im europäischen Vergleich zu den höchsten. Das ergibt sich aus dem „Oil Bulletin“ der Europäischen Kommission, das sie jede Woche veröffentlicht. Aufgelistet sind darin die durchschnittlichen Preise der vergangenen sieben Tage für Benzin und Diesel, jeweils mit und ohne Steuern. Und da zeigt sich: In der Woche vom 3. bis 10. September lag der Preis für Super-Benzin in Deutschland demnach bei durchschnittlich 2,33 Euro. Höher kletterte er nur in Dänemark (2,63 Euro) und den Niederlanden (2,47 Euro). Besonders günstig war Benzin derweil in Malta (1,34 Euro), Bulgarien (1,57 Euro) und Schweden (1,59 Euro).
Aus den Zahlen der EU-Kommission lässt sich zudem ableiten, dass Söders Analyse im Kern zutrifft: Die Steuern und Abgaben auf Benzin sind in Deutschland sehr hoch. Aus dem Abgleich der Vorsteuerpreise mit den Tankstellenpreisen ergibt sich, dass auf einen Liter Super-Benzin in Deutschland durchschnittlich 1,17 Euro Steuern fällig wurden.
Höhere Abgaben mussten nur Autofahrer in Finnland (1,19), den Niederlanden (1,24) und Dänemark (1,28) entrichten. Besonders niedrig ist die Steuerlast pro Liter Super in Schweden (46 Cent), Bulgarien und Zypern (je 63 Cent).
50 Prozent Steuern auf Benzin – in Schweden nur 29
Diese Ergebnisse sind insofern wenig überraschend, als viele Steuern prozentual erhoben werden, steigende Benzinpreise also zwangsläufig höhere Abgaben mit sich bringen. Um diesen Effekt auszublenden, ist deshalb eine relative Betrachtung sinnvoll. Auch dann machen deutsche Verbraucher zwar keinen guten Schnitt, finden sich aber deutlich weiter im Mittelfeld wieder: So sind im deutschen Super-Preis derzeit gut 50 Prozent an Steuern enthalten.
Immerhin sechs europäische Länder behalten einen höheren Teil des Preises bei sich, den Spitzenwert verzeichnet dabei Malta (56 Prozent). Deutlich zurückhaltender sind hingegen die Regierungen in Bulgarien (40 Prozent), Spanien (41 Prozent) oder Polen (42 Prozent). Mit Abstand am besten geht es auch hier den Autofahrern in Schweden: Nur 29 Prozent Steuern müssen sie auf ihre Tankfüllung entrichten.
Warum Sprit auch ohne Steuern in Deutschland teurer ist
Die Vergleichswerte zeigen aber auch: Die Steuern können zwar einen Teil der hohen deutschen Preise erklären, allein verantwortlich für die massiven Unterschiede in Europa sind sie aber nicht. Blendet man steuerliche Effekte ganz aus, variieren die Preise zwischen Malta (59 Cent), Deutschland (1,16 Euro) und Dänemark (1,39 Euro) trotzdem massiv. Wie kann das sein?
Zum einen ist der europäische Kraftstoffmarkt nicht völlig einheitlich. Es gibt mindestens drei relevante Preisräume: Nordwesteuropa, den Mittelmeerraum und den Ostseeraum. Deutschland hat dabei das Pech, ebenso wie die Niederlande zum teuersten Teilmarkt zu gehören: „Deutschland, die Niederlande und Belgien orientieren sich stark an den Rotterdamer Notierungen, Italien und Spanien eher an den Notierungen im Mittelmeerraum“, erklärt Tomaso Duso, auf den Ölmarkt spezialisierter Forscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Anders als im Mittelmeer und in der Ostsee wird in Antwerpen und Rotterdam auch viel Öl umgeschlagen, das für andere Weltregionen vorgesehen ist. Dies hat zur Folge, dass auch der Preis hier stärker globalen Preisspitzen folgt – und die Verbraucher mehr bezahlen.
Niedrigwasser treibt die Spritkosten
Einfluss auf die Preise hat zudem die Distanz zur nächsten Raffinerie. Je aufwändiger der Transport, desto teurer das Benzin. Das hat derzeit auch Folgen für Deutschland, wie Duso erläutert: „Das Niedrigwasser am Rhein verteuert den Transport auf dem Wasserweg erheblich.“
Niedrigwasser am Rhein
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Ökonom Duso erkennt in den Preisunterschieden zudem einen Beleg für Marktversagen in einigen Ländern: „Kostensteigerungen werden schneller weitergegeben als Kostensenkungen“, weiß der Ökonom. „Dieses Phänomen gibt es europaweit, in Deutschland scheint es aber besonders ausgeprägt zu sein.“
Bereits im Frühjahr hat das Bundeskartellamt deshalb Ermittlungen gegen die insgesamt zwölf Raffinerien in Deutschland eingeleitet. Sie sollen die Kalkulationen für ihre Kraftstoffpreise offenlegen, sodass mögliche kartellrechtliche Verstöße entdeckt werden könnten. Bis das Verfahren Ergebnisse bringt, wird es aber noch dauern. Mehrere Raffinerien haben Einsprüche gegen die Offenlegung ihrer Kalkulationen erhoben.
Sollte sich die Bundesregierung also nicht für eine erneute Subvention entscheiden, dürfte der deutsche Tankfrust nicht so schnell nachlassen. Und auch die Ausweichoptionen werden weniger.
Nach dem Ende der Sonderförderung in Polen ist es auch in Schweden mit dem Tankstellen-Bullerbü bald vorbei: Die radikale Senkung der Kraftstoffsteuern, auf welche die Billigpreise dort zurückgehen, läuft Ende September aus.
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