Stalin: „Jene, die nicht gehorchten, haben wir einfach erschossen“
Audioplayer wird geladen Anzeige Die Szene wirkt wie schlecht ausgedacht: Als in Jean-Jacques Annauds Kriegsfilm „Enemy at the Gates“ junge Rotarmisten mit einem altertümlichen Gewehr für jeweils zwei Mann auf die deutschen Linien in Stalingrad zustürmen, liegen gut gedeckt hinter ihnen Männer der NKWD-Truppen (erkennbar an ihren Mützen) mit Maschinengewehren – und mähen jeden nieder, der angesichts des Abwehrfeuers der deutschen Truppen umkehren will. Jetzt belegen WELT zur Verfügung gestellte Mitschnitte russischer Funksprüche aus dem Ukrainekrieg: Solche „Sperreinheiten“ hinter den eigenen Soldaten gab es nicht nur in der stalinistischen Roten Armee während des Zweiten Weltkriegs – es gibt sie auch in der aktuellen Armee Russlands. Anzeige Lesen Sie auch In Worte gefasst wurde diese menschenverachtende „Taktik“ unter anderem am 28. Juli 1942, in dem Befehl Nr. 227 der Stawka, des sowjetischen Oberkommandos, an dessen Spitze Josef Stalin stand. „Frontkommandanten sollen Rückzugsstimmungen in der Truppe bedingungslos beseitigen“, hieß es in der Weisung, die unter dem Namen „Nicht einen Schritt zurück!“ berüchtigt wurde. Der vom Kreml-Herrn namentlich unterschriebene Auftrag war unmissverständlich formuliert: „Innerhalb der Grenzen jeder Armee sollen drei bis fünf gut bewaffnete Verteidigungstrupps (jeweils bis zu 200 Mann) gebildet und direkt hinter instabilen Divisionen positioniert werden. Im Falle von Panik und unkoordinierten Rückzügen von Teilen der Division sollen diese Trupps Panikmacher und Feiglinge an Ort und Stelle erschießen und so den ehrlichen Soldaten der Division helfen, ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen.“ Anzeige Aber wurde diese Weisung auch tatsächlich umgesetzt? Dafür sprechen die Memoiren des Marschalls der Sowjetunion Alexander Wassilewski, der von Ende 1941 bis Anfang 1943 eine selbst in der Roten Armee im Krieg ungewöhnliche Karriere machte: Beförderung vom Generalmajor zum Generalleutnant im Dezember 1941, zum Generalobersten im Juni 1942, zum Armeegeneral im Januar 1943 und unmittelbar danach im Februar zum Marschall der Sowjetunion; 1950 bis 1953 diente er dann als Stalins Kriegsminister. Wassilewski schrieb in seinen 1973 erschienenen Memoiren: „Befehl Nr. 227 ist aufgrund seines patriotischen und emotionalen Gehalts eines der aussagekräftigsten Dokumente der Kriegsjahre. Das Dokument entstand in schwierigen und düsteren Zeiten. Beim Lesen fragten wir uns, ob wir alles Notwendige täten, um die Schlacht zu gewinnen.“ Lesen Sie auch Dagegen argumentiert der US-Militärhistoriker Roger R. Reese. Ihm zufolge seien die Sperrabteilungen nur mit Pistolen und Gewehren bewaffnet gewesen; ihre wesentliche Aufgabe sei es gewesen, am (in der Regel östlichen) Ende des Kampfgebietes auf sowjetischer Seite Straßensperren zu errichten und fliehende Soldaten zu ihren Einheiten zurückzuschicken oder an Kriegsgerichte zu übergeben. Für Reese ist es ein „Mythos“, dass die Sperrabteilungen fliehende Soldaten mit Maschinengewehren beschossen hätten. Der britische Russlandhistoriker Orlando Figes nahm dagegen an, dass es solche Gewalt gegenüber eigenen Soldaten durchaus gegeben habe, allerdings nur in „verzweifelten Situationen“. Kommandeure, die die Beschränktheit drastischer Strafen zur Erhöhung militärischer Effektivität kannten, hätten den Wortlaut des Befehls Nr. 227 ignoriert. Die Quellen allerdings sprechen eine andere Sprache. So registrierte die Abteilung Fremde Heere Ost des Oberkommandos des Heeres, die für die Ostfront zuständige Feindaufklärung, bei den extrem harten Kämpfen um teilweise einzelne Häuser Stalingrads im Herbst 1942 immer wieder Fälle, in denen aus rückwärtigen Stellungen auf sowjetischer Seite auf zurückweichende Rotarmisten gefeuert wurde. Verhöre mit Kriegsgefangenen bestätigten, dass viele der Männer diese Sorge hatten. Hinweise in offiziellen sowjetischen Quellen stützen die Annahme, Befehl Nr. 227 sei zumindest vielfach umgesetzt worden. Allerdings wird das hier fast ausnahmslos ins Heldenhafte gewendet. Beispielhaft sind die als „Stalingrad-Protokolle“ bekannten Augenzeugenberichte, die sowjetische Historiker ab Dezember 1942 in der umkämpften Stadt aufnahmen. Lesen Sie auch „Wir erhielten den Befehl, niemanden durchzulassen, und jene, die nicht gehorchten, haben wir einfach erschossen“, berichtete beispielsweise der Unteroffizier Michael Gourow in der 2012 erschienenen deutschen Auswahledition. Er bezog sich direkt auf die Weisung Nr. 227: „Wir hatten den Befehl des Genossen Stalin gelesen. So beschlossen wir, dass der Befehl ausgeführt werden müsse. Wir haben niemanden durchgelassen, so schwer es auch fiel.“ Ein Rotarmist namens Kurwantjew (der Vorname ist nicht bekannt) erschoss seinen eigenen Vorgesetzten, als der zurückweichen wollte. Dafür wurde Kurwantjew ausgezeichnet. Sein Bataillonskommandeur berichtete: „Es war so, dass die Deutschen angriffen, und der Zugführer hob die Hände hoch, als ein paar Deutsche auf ihn zuliefen. Kurwantjew sah das und mähte mit einer MG-Salve sowohl seinen Vorgesetzten als auch die Deutschen nieder. Er übernahm das Kommando über den Zug, schlug den deutschen Durchbruchsversuch in seinem Abschnitt zurück und hielt die Stellung.“ Die Konsequenz war eine hohe Ehrung für den einfachen Soldaten: „Wir haben ihn in die Partei aufgenommen.“ Wie viele Rotarmisten solch mörderischem Zwang gegen die eigenen Leute zum Opfer fielen, ist unbekannt. Es existieren nicht einmal vage Schätzungen, denn tote sowjetische Soldaten wurden fast immer automatisch als „gefallen im Kampf gegen die Wehrmacht“ verbucht. Lesen Sie auch Übrigens wurde diese Taktik keineswegs nur im Abwehrkampf angewandt, also etwa in Stalingrad. Als sich 1943/44 das Kriegsglück längst gewendet hatte, kam es beiderseits der Hauptstraße von Moskau nach Minsk offenbar zu ähnlichen Exzessen. Als „Autobahnschlachten“ gingen diese Kämpfe ins Bewusstsein deutscher Teilnehmer ein – obwohl gar nicht um echte Schnellstraßen gekämpft wurde. Vielmehr handelte es sich lediglich um einen gerodeten Streifen im ansonsten für schweres Gerät undurchdringlichen Wald, in dessen Mitte eine halbwegs ausgebaute zwei- bis vierspurige Landstraße verlief. Der alternative Begriff „Rollbahn“ traf eher zu. Zwischen dem 21. Oktober 1943 und dem 9. März 1944 attackierte die Rote Armee in insgesamt fünf Großoffensiven die deutschen Stellungen auf der „Rollbahn“. Die Angriffe erfolgten schematisch, immer nach demselben Drehbuch, sodass der Ablauf vorhersehbar war: „In immer neuen Wellen stand eine scheinbar unerschöpfliche Masse von Menschen aus den Gräben auf, drang vorwärts, flutete wieder zurück und kam wieder“, heißt es in einer Analyse der Wehrmacht. Der Grund für die immer neuen Vorstöße: sehr wahrscheinlich „Sperreinheiten“ hinter den sowjetischen Linien. Die Verluste dieses ebenso menschenverachtenden wie militärisch ineffektiven Masseneinsatzes entlang der „Rollbahn“ waren gigantisch. Bis zum März 1944, also in viereinhalb Monaten, verlor die Rote Armee allein hier mehr als 530.000 Tote und Verwundete, ohne einen nennenswerten Geländegewinn zu erzielen. Die Wehrmacht zählte 10.500 Tote und Vermisste sowie 25.000 Verwundete – ein Fünfzehntel des Gegners. Ganz so extrem sind die Verlustzahlen im gegenwärtigen Angriffs- und Eroberungskrieg Russlands gegen die Ukraine noch nicht. Doch die jetzt bekannt gewordenen abgehörten Funksprüche bestätigen Informationen, die der britische Geheimdienst schon 2022 gewonnen und veröffentlicht hatte. Sie passen ebenfalls zur „Führungs“-Tradition des früher sowjetischen Militärs.