Standort Deutschland: So viele Kunden jagt China den Unternehmen ab
„Technologische Überlegenheit schützt nicht“: Deutsche Firmen verlieren Kunden nach China. (Symbolbild) Foto: picture alliance/dpa
Standort Deutschland: So viele Kunden jagt China der deutschen Industrie ab
Während die EU über Schutzmaßnahmen berät, zeigen diese exklusiven Zahlen, wie hoch der Druck aus China wirklich ist – und wie sich Betriebe dagegen wehren.
HHärte oder Deeskalation? Seit Donnerstag tagen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Brüssel. Ihr wichtigstes handelspolitisches Thema: die Beziehungen zu China. Angesichts eines massiven Handelsdefizits und der Sorge vor billigen chinesischen Waren, die die heimische Industrie bedrohen, wollen die EU-Spitzen über mögliche Schutzmaßnahmen beraten. Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron hatten dazu schon im Vorfeld gemeinsame Vorschläge für ein härteres Vorgehen vorgelegt – wohl wissend, dass Peking mit Gegenmaßnahmen antworten könnte.
Wie groß der Handlungsdruck tatsächlich ist, zeigt eine Forsa-Untersuchung im Auftrag der Restrukturierungsberatung FTI-Andersch, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt.
Für die repräsentative Umfrage wurden im Juni und Juli 2026 Vertreter von insgesamt 151 Industrieunternehmen telefonisch befragt, darunter Firmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, der Automobilbranche sowie aus energieintensiven Industriezweigen wie der Chemie- und Papierindustrie.
Demnach hat bereits gut jedes vierte Industrieunternehmen (28 Prozent) Aufträge oder Ausschreibungen an chinesische Anbieter verloren. Brisanter noch: 13 Prozent mussten zusehen, wie Bestandskunden zur Konkurrenz aus China wechselten. Einen neuen Auftrag an einen günstigeren Wettbewerber zu verlieren, kommt vor. Viel schwerer wiegt es, wenn sich ein langjähriger Kunde abwendet.
„Bemerkenswert“ findet Christian Säuberlich, Deutschlandchef von FTI-Andersch, vor allem die Zahlen für die Maschinen- und Anlagenbauer unter den befragten Industrieunternehmen. Von ihnen haben der Umfrage zufolge schon 22 Prozent erlebt, dass Bestandskunden zur chinesischen Konkurrenz gewechselt sind. Ein Warnsignal.
Wie die deutsche Industrie auf den Wettbewerbsdruck reagiert
Gleichzeitig attestiert die Mehrzahl der befragten Führungskräfte dem jeweils eigenen Unternehmen einen technologischen Vorsprung gegenüber chinesischen Anbietern. Nur: „Technologische Überlegenheit schützt nicht automatisch davor, Kunden und Aufträge zu verlieren“, sagt Säuberlich.
Und wie sieht’s mit der Gegenwehr aus? Wie reagiert die deutsche Industrie auf den Druck aus China?
Hier konnten die Befragten mehrere Möglichkeiten nennen. „Die Herkunft und Qualität der eigenen Produkte zu betonen“, gehöre für viele Unternehmen zu den wichtigsten Maßnahmen, sagt Säuberlich. So würden über alle Industriebranchen hinweg sechs von zehn Unternehmen ihre Produktion in Europa als Gütesiegel nutzen, im Maschinenbau liegt die Quote mit 72 Prozent sogar noch höher.
Vor allem in der Autobranche wird zudem „stärker auf Qualität oder Systemkompetenz“ gesetzt. Maßnahmen wie Kostensenkungen oder die Öffnung von Produktionskapazitäten für chinesische Partner wurden dagegen nur von einem kleineren Teil der befragten Industrieunternehmen ergriffen.
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Bei aller Konkurrenz bleibt China für viele Industrieunternehmen zugleich unverzichtbar. „China lässt sich weder als Absatzmarkt noch als Beschaffungsregion einfach ersetzen“, sagt Säuberlich. So hat fast jedes zweite Unternehmen (48 Prozent) in den vergangenen drei Jahren Geschäfte in China gemacht.
Unter den dort aktiven Unternehmen ist die Bedeutung des chinesischen Marktes häufig sogar noch gestiegen.
In energieintensiven Branchen wie der Chemie berichten 43 Prozent von einem „leichten“ beziehungsweise „deutlichen“ Zuwachs und im Maschinenbau sind es 31 Prozent. Eine Ausnahme bildet die Automobilbranche: Hier verliert China für ein Drittel der Unternehmen an Bedeutung.
Die Unternehmen ziehen daraus unterschiedliche Konsequenzen. Wenn sie aktiv werden, geht es vor allem um Marktnähe: 20 Prozent haben Entwicklung, Einkauf und Produktion stärker in China organisiert, im Sinne eines „local-for-local“-Ansatzes. 19 Prozent haben sich auf profitable Segmente fokussiert, 18 Prozent Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen auf- oder ausgebaut. 13 Prozent haben Produkte speziell für den chinesischen Markt entwickelt, 12 Prozent haben stärker in China investiert. Auch hier waren Mehrfachnennungen möglich.
Ein Rückzug aus China kommt dagegen kaum infrage: Nur vier Prozent haben in den vergangenen drei Jahren ihre Aktivitäten dort reduziert oder Standorte aufgegeben.
Die Umfrage zeigt damit auch das Dilemma, in dem die Staats- und Regierungschefs in Brüssel stecken. Sie müssen einen Spagat zwischen Härte und Deeskalation schaffen, denn die Industrie braucht beides: Schutz vor China und Zugang zu China.
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